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„Berlin TXL ist eine sehr große Chance für Berlin“

Dr. Philipp Bouteiller will mit der Urban Tech Republic auf dem Flughafengelände in Tegel einen einzigartigen Standort für Zukunftstechnologien aufbauen. Ein innovatives Energiekonzept hat er schon vorgelegt.
von Michael Gneuss Ausgabe 02/2019

Philipp Bouteiller ist seit April 2012 Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH
Philipp Bouteiller ist seit April 2012 Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH Foto: Christian Kielmann
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  • Für Tegel gibt es einige spannende Zukunftspläne.
  • Die BER-Verzögerung hat nicht nur Nachteile.

Als Geschäfts­füh­rer der Tegel Pro­jekt GmbH ent­wi­ckelt Phil­ipp Bou­teil­ler seit gut sechs Jah­ren Plä­ne für knapp 500 Hekt­ar Flä­che in zen­tra­ler Lage. Auf­grund der Ver­zö­ge­rung der BER-Eröff­nung hat er mit sei­nem Team wert­vol­le Zeit für die Kon­zep­ti­on des größ­ten zusam­men­hän­gen­den Ber­li­ner Indus­trie- und Gewer­be­ge­biets gewon­nen.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: Mal ehr­lich: Wie stark hat die Unge­wiss­heit über die Eröff­nung des neu­en Ber­li­ner Flug­ha­fens Ihre Pla­nung für die Nach­nut­zung des Gelän­des in Tegel beein­träch­tigt?

Dr. Phil­ipp Bou­teil­ler: Ers­tens muss ich sagen: Das Gere­de um den Flug­ha­fen und die Ver­zö­ge­rung scha­det nicht nur dem Pro­jekt Ber­lin TXL, son­dern der Stadt als Gan­zes. Auch inter­na­tio­nal hat unse­re Repu­ta­ti­on dar­un­ter gelit­ten. Das ist ein­fach so. Das muss man gar nicht schön­re­den. Ande­rer­seits haben wir dadurch für das Pro­jekt die Chan­ce bekom­men, mehr Zeit in die Pla­nun­gen für eine hoch­in­ter­es­san­te, knapp 500 Hekt­ar gro­ße Flä­che in zen­tra­ler Lage zu inves­tie­ren. Und die­se Pla­nun­gen brau­chen ein­fach Zeit.

Sie sind also nicht unzu­frie­den mit der Ver­zö­ge­rung?

Wir soll­ten eigent­lich schon 2012 das Gelän­de über­neh­men. Aber damals hat­ten wir noch gar kein Pla­nungs­recht. Wir hät­ten die nöti­gen Bebau­ungs­plan­ver­fah­ren par­al­lel durch­füh­ren und mit sehr vie­len Zwi­schen­lö­sun­gen arbei­ten müs­sen. Auch das hät­ten wir geschafft. Aber nun haben wir die Mög­lich­keit, es gleich rich­tig zu machen. Das hat die Qua­li­tät der Pla­nun­gen dra­ma­tisch erhöht. Die unfrei­wil­li­ge Ver­zö­ge­rung hat uns in die­ser Hin­sicht gut­ge­tan.

Sind nicht vie­le Ihrer Ide­en ange­sichts der Schnell­le­big­keit von Tech­no­lo­gi­en schon ver­al­tet, wenn Fir­men eines Tages auf das Gelän­de zie­hen kön­nen?

Es ist tat­säch­lich so, dass eini­ge radi­ka­le Ide­en, die wir anfangs hat­ten, schon Main­stream sind. Aber das freut uns. Es zeigt, dass wir rich­tig­la­gen. Wich­tig ist, dass wir auf dem Gelän­de maxi­ma­le Fle­xi­bi­li­tät für neue Tech­no­lo­gi­en schaf­fen. Wir wis­sen nicht, was die Zukunft bringt, aber wir tun alles, um sie nicht zu ver­hin­dern. Man braucht Raum für das, was sich ent­wi­ckelt.

Philipp Bouteiller arbeitete nach seinem Studium bei McKinsey sowie als selbstständiger IT- Unternehmer und Strategieberater
An der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin hat Bou­teil­ler den Abschluss Diplom-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wirt erwor­ben. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Womit stel­len Sie das sicher?

Dafür gibt es eine ‚unter­ir­di­sche‘ und eine ‚ober­ir­di­sche‘ Ant­wort. Ich fan­ge mit der unter­ir­di­schen an: Wir bau­en einen Infra­struk­tur-Kanal unter den Hauptt­an­gen­ten des Gelän­des. In die­sem rund drei mal vier Meter gro­ßen Tun­nel ver­lau­fen die gan­zen Medi­en. Das Tol­le ist, dass wir dar­in Ope­ra­tio­nen am offe­nen Her­zen machen kön­nen. Nach­rüs­tun­gen, Repa­ra­tu­ren und Inno­va­tio­nen sind also jeder­zeit mög­lich, ohne Stra­ßen auf­rei­ßen zu müs­sen. Das Innen­le­ben des Kanals lässt sich auch mit Sen­so­ren über­wa­chen. Und viel­leicht wird es eines Tages klei­ne Logis­tik-Robo­ter oder Droh­nen dar­in geben.

Und die ober­ir­di­sche Ant­wort?

Das ist das glei­che Prin­zip. Wir haben eine ÖPNV-Tras­se geplant, par­al­lel zum flie­ßen­den Ver­kehr. Das ist eine sehr lang­fris­ti­ge Pla­nung:  Ob dann etwas auf Schie­nen oder auf Rei­fen oder etwas ganz anders fährt, ob mit oder ohne Fah­rer, spielt für uns zunächst kei­ne Rol­le. Wir wis­sen nicht, was kommt, aber wir haben den Raum dafür gelas­sen. Das ist ent­schei­dend. Und zusätz­lich gibt es auch noch Expe­ri­men­tier­fel­der.

Was ist das?

Wir wol­len viel Raum für Neu­es haben. Des­halb haben wir Expe­ri­men­tier­fel­der ein­ge­plant, die dau­er­haft als sol­che bestehen blei­ben, zum Bei­spiel eine Test­stre­cke für neue Mobi­li­täts­kon­zep­te. Wenn Start-ups Ide­en haben oder Kon­zer­ne im urba­nen Raum etwas erpro­ben möch­ten, kön­nen sie das hier machen. Und Inno­va­tio­nen las­sen sich auf die­sen Flä­chen auch demons­trie­ren. Man darf nicht ver­ges­sen: Das Gelän­de liegt nur 15 Minu­ten ent­fernt vom Sitz der Regie­rung der größ­ten Indus­trie­na­ti­on Euro­pas. Auf die­se Strahl­kraft set­zen wir. Am Ende wird das eine Art deut­sche Indus­trie­mes­se im Regel­be­trieb sein, eine Dau­er-Leis­tungs­schau der deut­schen Indus­trie.

Philipp Bouteiller arbeitete nach seinem Studium bei McKinsey sowie als selbstständiger IT- Unternehmer und Strategieberater
Phil­ipp Bou­teil­ler arbei­te­te nach sei­nem Stu­di­um bei McK­in­sey sowie als selbst­stän­di­ger IT- Unter­neh­mer und Stra­te­gie­be­ra­ter. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Zur Ener­gie­ver­sor­gung des Gelän­des haben Sie bereits ein sehr moder­nes Kon­zept vor­ge­stellt.

Ja, wir wol­len die über­schüs­si­ge Ener­gie, die in Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen vor allem in Form von Abwär­me oder Abkäl­te ent­steht, so ver­wer­ten, dass alle pro­fi­tie­ren. Das war der Ursprungs­ge­dan­ke. Wir rea­li­sie­ren das mit einem Low-Exer­gie-Netz, einem Nied­rig­tem­pe­ra­tur-Nah­wär­me­netz, das im Som­mer mit 20 Grad Cel­si­us Vor­lauf­tem­pe­ra­tur und im Win­ter mit 40 Grad betrie­ben wird. Ein Indus­trie­un­ter­neh­men, das küh­len muss, macht das mit dem Was­ser aus die­sem Netz. Ande­re hei­zen mit die­sem Was­ser ihre Woh­nung. Der Vor­teil von Nied­rig­tem­pe­ra­tur­net­zen ist, dass man viel bes­ser erneu­er­ba­re Ener­gi­en ein­spei­sen kann.

Pla­nen Sie die Pro­duk­ti­on von erneu­er­ba­rer Ener­gie? 

Ja, wir wol­len unter ande­rem mit ober­flä­chen­na­her Geo­ther­mie Ener­gie gewin­nen. Das Beson­de­re an Nied­rig­tem­pe­ra­tur­net­zen ist, dass man schon rela­tiv gerin­ge ther­mi­sche Unter­schie­de effek­tiv nut­zen kann. Nach heu­ti­gem Stand wer­den wir das der­zeit welt­weit größ­te und nach­hal­tigs­te Ener­gie­sys­tem die­ser Art in Tegel rea­li­sie­ren. Ver­gleich­bar ist nur ein Netz, das im schwe­di­schen Lund mit einer Län­ge von 4,4 Kilo­me­tern in die­sem Jahr fer­tig­ge­stellt wer­den soll. Bei uns wer­den es mehr als zehn Kilo­me­ter sein.

Wel­chen Stel­len­wert hat Ihr Pro­jekt: Beob­ach­ten ande­re Akteu­re, was Sie pla­nen, um es nach­zu­ah­men?

So soll es sein und so ist es auch. Wir haben zum Bei­spiel für die über 5.000 Woh­nun­gen im Schu­ma­cher Quar­tier eine Ent­wick­lungs-Char­ta ent­wi­ckelt, die bereits vom Senat beschlos­sen wur­de und als Vor­bild für ande­re Neu­bau­pro­jek­te in der Stadt die­nen soll. Dar­in ist zum Bei­spiel fest­ge­legt, dass kli­ma­neu­tral und mit nach­hal­ti­gen Roh­stof­fen gebaut wird und dass wir pla­ne­risch schon heu­te über zukunfts­wei­sen­de For­men der Mobi­li­tät nach­den­ken.

Die Aus­gangs­idee für die Nach­nut­zung des Flug­ha­fen­are­als war, einen Stand­ort für Zukunfts­tech­no­lo­gi­en zu schaf­fen. Dazu zäh­len Sie Ener­gie-Tech­no­lo­gi­en. Was noch?

Kern­idee ist die Urban Tech Repu­blic, die sich den Zukunfts­tech­no­lo­gi­en und der Zukunft der Stadt ver­schreibt. Wir haben dafür mit dem Senat sechs The­men gesetzt. Neben Ener­gie ist das ins­be­son­de­re Mobi­li­tät. Dazu kommt die Kreis­lauf­wirt­schaft. Und ganz wich­tig für Ber­lin ist das The­ma Was­ser. Dann haben wir noch Mate­ri­al­for­schung, weil vie­le Inno­va­tio­nen dar­auf basie­ren, und natür­lich IKT mit künst­li­cher Intel­li­genz und Robo­tik, die als Quer­schnitts­the­men alle genann­ten Berei­che berüh­ren.

Wird sich an die­ser the­ma­ti­schen Aus­rich­tung noch etwas ver­än­dern?

Im Moment sehe ich, dass wir 2012 mit der Ent­schei­dung für die­se the­ma­ti­sche Aus­rich­tung genau rich­tig lagen. Die­se Märk­te wach­sen extrem schnell, auch weil die gro­ßen Städ­te welt­weit so schnell wach­sen. Bis zum Jahr 2025 wird welt­weit in den sechs Sek­to­ren, die ich genannt habe, ein jähr­li­cher Umsatz von 5,4 Bil­lio­nen Euro erzielt wer­den. Ber­lin TXL ist also eine sehr gro­ße Chan­ce für Ber­lin. Denn die Her­aus­for­de­run­gen in Metro­po­len sind über­all die glei­chen.

Gehen Sie davon aus, dass der Bau der Urban Tech Repu­blic jetzt wie geplant erfol­gen kann?

Ja. Alle Anzei­chen deu­ten dar­auf hin, dass der BER im Okto­ber 2020 in Betrieb gehen wird. Sechs Mona­te spä­ter über­neh­men wir das Flug­ha­fen­ge­län­de in Tegel. Im Som­mer 2021 wird dann der Bau­be­ginn für das Pro­jekt Ber­lin TXL erfol­gen.

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