Das Magazin der IHK Berlin

Schwer­punkt

„Unsere Jugendlichen haben Potenzial“

Bernd Becking, Chef der Berliner Agentur für Arbeit, plädiert dafür, viel früher die Talente junger Menschen für Ausbildungsberufe zu entdecken und diese Begabungen gezielt zu fördern.
von Michael Gneuss Ausgabe 09/2019

Bernd Becking war vor seinem Wechsel zur Bundesagentur für Arbeit Generalstabsoffizier bei der Bundeswehr
Bernd Becking war vor seinem Wechsel zur Bundesagentur für Arbeit Generalstabsoffizier bei der Bundeswehr. Foto: Amin Akhtar
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Die Vielfalt in der Berufsauswahl macht eine frühe Orientierung bei Jugendlichen notwendig.
  • In Zeiten des Fachkräftemangels müssen Unternehmen Talente erkennen – auch in den eigenen Reihen.

Als Vor­sit­zen­der der Geschäfts­füh­rung der Regio­nal­di­rek­ti­on Ber­lin-Bran­den­burg der Bun­des­agen­tur für Arbeit beschäf­tigt sich Bernd Becking auch mit Berufs­ori­en­tie­rung. Kein Wun­der, denn in Ber­lin wer­den so vie­le Aus­bil­dungs­ver­trä­ge auf­ge­löst wie in kei­nem ande­ren Bun­des­land. Die Schu­len, die Berufs­be­ra­tung der Arbeits­agen­tu­ren und die Jugend­be­rufs­agen­tu­ren kön­nen nach Ansicht von Becking einen Bei­trag leis­ten, um gemein­sam dar­an etwas zu ändern.

Fra­gen?

Kon­tak­tie­ren Sie unse­re IHK-Exper­ten

San­dra Thee­de
Jetzt kon­tak­tie­ren

Ber­li­ner Wirt­schaft: In Ber­lin wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr mehr als 34 Pro­zent aller Aus­bil­dungs­ver­trä­ge auf­ge­löst. Das ist ein Pro­zent­punkt mehr als 2017. War­um fällt der Berufs­ein­stieg den Jugend­li­chen so schwer? 

Bernd Becking: Die Lösungs­quo­te in der Berufs­aus­bil­dung ist in Ber­lin seit Jah­ren viel zu hoch. An den Hoch­schu­len in Deutsch­land sieht es nicht bes­ser aus. Über alle Stu­di­en­fä­cher hin­weg beträgt die Abbruch­quo­te 30 Pro­zent, in den Natur­wis­sen­schaf­ten sind es 50 Pro­zent. Die­se Zah­len sind ein kla­rer Indi­ka­tor für eine unzu­rei­chen­de Berufs- und Stu­di­en­be­ra­tung. Damit ent­steht ein immenser Scha­den – volks­wirt­schaft­lich und bei den jun­gen Men­schen.

War­um ist die Berufs­ori­en­tie­rung so schwer?

Das The­ma ist sehr kom­plex – auch und gera­de weil so vie­le Akteu­re invol­viert sind. Jun­ge Men­schen haben heu­te so viel­fäl­ti­ge Chan­cen wie noch nie bei ihrer Berufs­ent­schei­dung. Aber des­halb ist auch der Bedarf an einer – vor allem früh­zei­ti­gen und hoch­wer­ti­gen – Berufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung so ele­men­tar. Aber lei­der muss man kon­sta­tie­ren: In Ber­lin läuft es wei­ter schlecht.

Wor­an machen Sie das fest?

Es lässt sich gut erken­nen, dass in Bun­des­län­dern, in denen eine früh­zei­ti­ge Berufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung im Schul­sys­tem quer durch alle Schul­ty­pen ver­an­kert ist, deut­lich mehr Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se zum Abschluss gebracht wer­den.

Das Pro­blem ist also das Ber­li­ner Schul­sys­tem?

Ich möch­te das so pau­schal nicht sagen. Wir haben jetzt seit zwei Jah­ren in Ber­lin ein neu­es Kon­zept zur Berufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung. Das ist mit hohen Erwar­tun­gen gestar­tet wor­den. Aber wir stel­len fest, dass es noch nicht in allen Schu­len so umge­setzt wird, wie es eigent­lich not­wen­dig wäre. Es wur­de vor sechs Jah­ren ein Güte­sie­gel für exzel­len­te Berufs­ori­en­tie­rung ein­ge­führt, von des­sen Qua­li­tät ich sehr über­zeugt bin. Die Betei­li­gung der Schu­len ist jedoch gering und lässt auch noch ste­tig nach. Dies zeigt, dass das The­ma nicht hoch auf der Agen­da zu ste­hen scheint.

2016 war Bernd Becking für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Einsatz
2016 war Bernd Becking für das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge im Ein­satz.

Ein Pro­blem ist auch der hohe Anteil an Schü­lern ohne Schul­ab­schluss …

Im Durch­schnitt sind 2018 in Ber­lin 10,2 Pro­zent der Schü­ler ohne Schul­ab­schluss geblie­ben. Das ist schmerz­lich hoch und alar­mie­rend. Bes­se­re Berufs­ori­en­tie­rung wür­de aus unse­rer Sicht Anrei­ze für mehr und bes­se­re Schul­ab­schlüs­se set­zen. Wenn Schü­ler ihre Talen­te und Stär­ken ent­de­cken und sich in Berufs­fel­dern erpro­ben kön­nen, dann setzt das viel Moti­va­ti­on frei. Nach dem Mot­to: nicht für die Schu­le, son­dern das Leben ler­nen. Es ist des­halb wich­tig, dass sie früh­zei­tig Beru­fe ken­nen­ler­nen – zum Bei­spiel über Schü­ler­prak­ti­ka. Gera­de jun­ge Men­schen, deren Eltern ohne Arbeit sind, müs­sen posi­tiv mit Berufs­bil­dern kon­fron­tiert wer­den.

Was unter­neh­men Sie als Bun­des­agen­tur?

Wir haben ein viel­fäl­ti­ges Infor­ma­ti­ons- und Auf­klä­rungs­an­ge­bot. Das reicht von Selbst­er­kun­dungs­tools online und Smart­pho­ne-Apps wie „Berufe.TV“ und „Azu­bi­welt“ über die Berufs­in­for­ma­ti­ons­zen­tren bei den Arbeits­agen­tu­ren bis hin zu Mes­sen, wo wir gut vor­be­rei­te­te Jugend­li­che und Arbeit­ge­ber zusam­men­füh­ren. Das hilft gera­de noten­schwä­che­ren, aber moti­vier­ten Jugend­li­chen sehr. Ganz wich­tig ist unse­re Berufs­be­ra­tung in den Schu­len, die dort auch über Vor­aus­set­zun­gen für bestimm­te Beru­fe infor­miert. Das bau­en wir ab dem neu­en Schul­jahr mit der „Lebens­be­glei­ten­den Berufs­be­ra­tung“ aus, indem wir frü­her, ab Klas­se 8, infor­mie­ren und auch stär­ker in Gym­na­si­en bera­ten. Dafür erhö­hen wir die Zahl der Berufs­be­ra­ter beträcht­lich.

Berufs­ori­en­tie­rung soll auch die Jugend­be­rufs­agen­tur Ber­lin bie­ten, die es seit vier Jah­ren gibt. Wie erfolg­reich arbei­tet die­se aus Ihrer Sicht?

Ich bin über­zeugt, dass die Jugend­be­rufs­agen­tur der rich­ti­ge kon­zep­tio­nel­le Ansatz ist, um Jugend­li­che am Über­gang von Schu­le zum Beruf best­mög­lich zu unter­stüt­zen. Ihre Stär­ke ist, dass alle Akteu­re unter einem Dach für die Jugend­li­chen da sind: Berufs­be­ra­tung und Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung der Bun­des­agen­tur, Jugend­hil­fe sowie Sucht- und Schuld­ner­be­ra­tung der Bezir­ke. Die Jugend­li­chen müs­sen nicht von einer Stel­le zur nächs­ten lau­fen, wo sie häu­fig nicht ankom­men, son­dern nur von einem Raum in den ande­ren. Das funk­tio­niert schon sehr gut, aber es wird noch dau­ern, bis sich in Zah­len mess­ba­re Erfol­ge ein­stel­len.

Wenn Schü­ler ihre Talen­te und Stär­ken ent­de­cken, setzt das viel Moti­va­ti­on frei.
Bernd Becking

Wie beur­tei­len Sie das Niveau der Schul­ab­sol­ven­ten?

Es bringt uns nicht wei­ter, an den Jugend­li­chen her­um­zu­nör­geln. Wir müss­ten erfolg­rei­cher dar­an arbei­ten, sie bes­ser auf das Leben vor­zu­be­rei­ten. Und da kann ich nur fest­hal­ten: Ber­lins Jugend­li­che haben Poten­zi­al. Scha­de ist nur, dass die­se Poten­zia­le nicht frü­her ent­deckt und geför­dert wer­den. Nach der Schu­le wird über die Jugend­be­rufs­agen­tur inten­siv mit den jun­gen Men­schen und ihren Talen­ten gear­bei­tet. Das lässt sich mit Zah­len bele­gen: Im Seg­ment der 15- bis 20-Jäh­ri­gen ist Ber­lin bei der Jugend­ar­beits­lo­sig­keit quo­ten­mä­ßig seit Jah­ren Schluss­licht unter den Bun­des­län­dern. Im Seg­ment der 20- bis 25-Jäh­ri­gen haben wir drei ande­re Län­der hin­ter uns gelas­sen. Des­we­gen auch mei­ne Bit­te an die Unter­neh­men, die schlech­te Erfah­run­gen gemacht haben: Enga­gie­ren Sie sich wei­ter, vie­le Jugend­li­che ver­die­nen es.

Ist das als Appell zu ver­ste­hen, auch Jugend­li­chen mit schlech­te­ren Schul­no­ten eine Chan­ce zu geben?

Ja, unbe­dingt. Denn wenn wir jun­gen Men­schen kei­ne Berufs­per­spek­ti­ve auf­zei­gen, wird uns das lang­fris­tig gro­ße Pro­ble­me schaf­fen. Des­we­gen ist mein Ansatz, nicht über die Jugend­li­chen zu schimp­fen, son­dern die Ver­ant­wor­tung des Schul- und Bil­dungs­sys­tems stär­ker ein­zu­for­dern und die Betrie­be zu bit­ten, dass sie auch Jugend­li­chen mit mäßi­gen Zeug­nis­no­ten eine Chan­ce geben. Die Bun­des­agen­tur für Arbeit hilft dabei gern – etwa mit dem Instru­ment der Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung. Dabei för­dern wir finan­zi­ell Prak­ti­ka, die bis zu einem Jahr dau­ern kön­nen. Mehr als zwei Drit­tel kom­men so zu einer Aus­bil­dung.

2017 wurde Bernd Becking zum Vorsitzenden der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg ernannt. Für die Bundesagentur ist er bereits seit 2006 tätig
2017 wur­de Bernd Becking zum Vor­sit­zen­den der Geschäfts­füh­rung der Regio­nal­di­rek­ti­on Ber­lin-Bran­den­burg ernannt. Für die Bun­des­agen­tur ist er bereits seit 2006 tätig.

Wie sind Ihre Erfah­run­gen mit Geflüch­te­ten in der dua­len Aus­bil­dung?

Wir hat­ten zunächst befürch­tet, dass die jun­gen Geflüch­te­ten kei­ne dua­le Aus­bil­dung machen wer­den, weil sie schnell Geld ver­die­nen wol­len und die­se Form der Aus­bil­dung gar nicht ken­nen. Aber es sind jetzt in Ber­lin schon mehr als 600 in der betrieb­li­chen Aus­bil­dung. Das über­trifft unse­re Erwar­tun­gen. Im Juli haben wir bei den Geflüch­te­ten 2.350 Bewer­ber, denen wir die Aus­bil­dungs­rei­fe und Sprach­kennt­nis­se beschei­ni­gen kön­nen. Die Erfah­run­gen mit den jun­gen Geflüch­te­ten sind fast quer­beet gut. Mit ihrer hohen Moti­va­ti­on kön­nen vie­le in Bewer­bungs­ge­sprä­chen über­zeu­gen. 

Was raten Sie Fir­men für die Fach­kräf­te­si­che­rung?

Es gibt meh­re­re Wege, aber einen möch­te ich her­aus­stel­len: die Qua­li­fi­zie­rung von Hilfs­kräf­ten aus dem eige­nen Unter­neh­men. Wer Hilfs­kräf­te mit Poten­zi­al hat, soll­te mit uns Kon­takt auf­neh­men. Wir för­dern Qua­li­fi­zie­run­gen. 2018 haben wir 3.000 Hel­fern zu Berufs­ab­schlüs­sen ver­hol­fen und sie damit zu Fach­kräf­ten ent­wi­ckelt. Außer­dem soll­ten sich Fir­men von uns zu dem seit Jah­res­be­ginn gel­ten­den Qua­li­fi­zie­rungs­chan­cen­ge­setz bera­ten las­sen. 

Wel­che Mög­lich­kei­ten bie­tet das?

Unter­neh­men soll­ten ihre Mit­ar­bei­ter wei­ter­qua­li­fi­zie­ren und zukunfts­fit hal­ten. Dabei hilft das Qua­li­fi­zie­rungs­chan­cen­ge­setz. Die Bun­des­agen­tur kann je nach Fir­men­grö­ße bis zu 100 Pro­zent der Wei­ter­bil­dungs­kos­ten und einen Zuschuss zum Arbeits­ent­gelt von bis zu 75 Pro­zent für den Arbeits­aus­fall, bei Mit­ar­bei­tern ohne Berufs­aus­bil­dung sogar bis zu 100 Pro­zent über­neh­men. Gera­de im aktu­el­len kon­junk­tu­rel­len Abschwung ist das inter­es­sant, weil Fir­men neue Märk­te und Geschäfts­mo­del­le suchen und dafür ihre Beschäf­tig­ten qua­li­fi­zie­ren müs­sen. Gemein­sam mit der Geschäfts­füh­rung kann bera­ten wer­den, für wel­che neu­en Auf­ga­ben und Tätig­keits­fel­der die Mit­ar­bei­ter qua­li­fi­ziert wer­den sol­len und was sie dafür brau­chen.

Auch Ber­lin wird Fach­kräf­te aus dem Aus­land brau­chen. Ein wei­te­res Gesetz, das Sie beschäf­tigt, ist das Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­setz, oder?

Rich­tig, es wird im Janu­ar 2020 kom­men. Wir arbei­ten dar­an – auch mit den Kam­mern –, gleich los­le­gen zu kön­nen. So wird es in Ber­lin einen Busi­ness Immi­gra­ti­on Ser­vice geben. Es ist wich­tig, alles unter einem Dach zu haben, damit aus­län­di­sche Fach­kräf­te in Ber­lin schnel­le, gut funk­tio­nie­ren­de Pro­zes­se vor­fin­den – zum Bei­spiel zur Visa­er­tei­lung, Aner­ken­nung ihrer Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on und Ver­mitt­lung einer Arbeits­stel­le. Hier kon­kur­rie­ren 16 Bun­des­län­der um die bes­ten Köp­fe. Ich bin opti­mis­tisch: In die­sem The­men­feld sind wir mit den Netz­werk­part­nern in Ber­lin gut unter­wegs.

Das könnte Sie auch interessieren – weitere Artikel dieser Kategorie


Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und informiert bleiben!