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Richtig verbunden

Ob Stadtbegrünung, Events, Ausbildungsförderung oder Klimaschutz: Lokale Unternehmensinitiativen bringen die Wirtschaft mit ihren Ideen voran. Davon profitiert ganz Berlin.
von Almut Kaspar Ausgabe 07+08/2019

Unternehmensnetzwerke durchziehen Berlin. Was sie bewirken, kommt sowohl den Beteiligten zugute als auch dem gesamten Wirtschaftsstandort. Foto: Shutterstock/Optimarc
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Unternehmensnetzwerke bringen nicht nur Beteiligte, sondern den ganzen Standort Berlin voran.
  • Vielfältiger Austausch führt Menschen auch jenseits der professionellen Ebene zusammen.

Quer durch die Span­dau­er Alt­stadt zog sich die gel­be Linie – von „A“ wie Arca­den an der Klos­ter­stra­ße bis „Z“ wie Zita­del­le am Juli­us­turm. Exakt 1.609,3 Meter lang, umge­rech­net genau eine Mei­le. Die Linie war das opti­sche Leit­sys­tem für die „Span­dau­er Alt­stadt­mei­le“, die im Som­mer 2013 eine Viel­zahl von kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen mit­ein­an­der ver­band und damit die größ­te zusam­men­hän­gen­de Fuß­gän­ger­zo­ne Ber­lins zur attrak­ti­ven Kunst-, Fla­nier- und Ein­kaufs­mei­le mach­te.

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Die Alt­stadt wur­de zur Büh­ne für Musi­ker, Jon­gleu­re, Pan­to­mi­men und Komö­di­an­ten. Vie­le Ein­zel­händ­ler und Unter­neh­mer ver­wan­del­ten ihre Schau­fens­ter in Kunst­räu­me. Und zum Abschluss, wäh­rend einer lan­gen Licht­kunst- und Shop­ping-Nacht, leuch­te­ten die illu­mi­nier­ten Tür­me der „Alt­stadt­mei­le“. Zudem wur­den Aus­schit­te des größ­ten­teils in Span­dau gedreh­ten Edgar-Wal­lace-Film­klas­si­kers „Der Hexer“ auf Haus­wän­de pro­ji­ziert.

Von dem Pro­jekt schwärmt Gabrie­le Flie­gel noch heu­te. „Über ein Drei­vier­tel­jahr haben wir damals jeden Mon­tag­mor­gen im Kul­tur­haus zusam­men­ge­ses­sen, um die­ser Idee Kon­tu­ren zu ver­lei­hen“, sagt die Vor­stands­vor­sit­zen­de der Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau – rund zwei Dut­zend Akteu­re aus loka­ler Poli­tik, Wirt­schaft und Krea­tiv­sze­ne hät­ten dabei den har­ten Kern gebil­det. Mit dem fer­ti­gen Kon­zept betei­lig­te sich die Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau mit der von ihr gegrün­de­ten Bezirks­mar­ke­ting-Gesell­schaft Part­ner für Span­dau dann 2012 am Wett­be­werb „Mit­ten­drIn Ber­lin! – Pro­jek­te in Ber­li­ner Zen­tren“. Der wird seit 14 Jah­ren von der IHK Ber­lin und der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung aus­ge­rich­tet. Die Bewer­bung hat­te Erfolg, das Pro­jekt „Span­dau­er Alt­stadt­mei­le – Kunst ver­bin­det“ gehör­te zu den drei Gewin­nern, die Umset­zung wur­de finan­zi­ell unter­stützt.

Gabriele Fliegel ist Vorstandsvorsitzende des 1949 gegründeten Unternehmensverbandes Wirtschaftshof Spandau
Gabrie­le Flie­gel ist Vor­stands­vor­sit­zen­de des 1949 gegrün­de­ten Unter­neh­mens­ver­ban­des Wirt­schafts­hof Span­dau. Foto: Ulrich Lorenz

Netz­wer­ke wie die Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau, in der sich mehr als 300 Unter­neh­men, Insti­tu­tio­nen, Ein­zel­händ­ler und Selbst­stän­di­ge zusam­men­ge­schlos­sen haben, tra­gen nicht uner­heb­lich zum Erfolg der Ber­li­ner Wirt­schaft bei. Mehr als 120 Stand­ort­bünd­nis­se gibt es der­zeit in der Haupt­stadt. Dar­un­ter fin­den sich etwa 70 Geschäfts­stra­ßen­in­itia­ti­ven, die vor­ran­gig das Ziel ver­fol­gen, ihre Ein­kaufs­mei­len noch attrak­ti­ver und kun­den­freund­li­cher zu gestal­ten.

Wir bau­en per­ma­nent die kul­tu­rel­le Viel­falt im Quar­tier wei­ter aus, was auch wie­der Tou­ris­ten, Besu­cher und die Ber­li­ner hier­her­lockt.
Klaus-Jür­gen Mei­er, AG City

Ande­re Netz­wer­ke sind in loka­len Gewer­be- und Indus­trie­ge­bie­ten aktiv. Sie koope­rie­ren zum Bei­spiel mit ört­li­chen Schu­len, um für ihre Aus­bil­dungs­plät­ze zu wer­ben, oder bil­den gemein­sa­me Ein­kaufs­pools. „Auch in Zei­ten des glo­ba­len Han­dels und der inter­na­tio­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­on sind Unter­neh­mer auf ein gutes Netz­werk vor Ort ange­wie­sen“, weiß Dr. Mateusz Hart­wich, Bran­chen­ma­na­ger Han­del bei der IHK Ber­lin. „Denn gera­de neue Akteu­re am Stand­ort kön­nen von der Erfah­rung eta­blier­ter Kol­le­gen pro­fi­tie­ren, nütz­li­che Kon­tak­te knüp­fen und dar­über sogar einen kur­zen Draht zur Ver­wal­tung auf­bau­en.“ Dafür bie­tet die IHK Ber­lin loka­le Ver­net­zungs­for­ma­te unter der Mar­ke „IHK vor Ort“, in denen sich Unter­neh­mer aus den jewei­li­gen Bezir­ken ehren­amt­lich enga­gie­ren.

Ser­vice

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Inter­es­sen­ver­tre­ter gegen­über der Poli­tik

Die meist als ein­ge­tra­ge­ne Ver­ei­ne orga­ni­sier­ten Stand­ort­zu­sam­men­schlüs­se bün­deln außer­dem die Inter­es­sen ihrer Mit­glie­der, um sie gegen­über Bezirks­äm­tern oder Senat zu ver­tre­ten. Umge­kehrt sind die fast durch­weg ehren­amt­li­chen Vor­stän­de der Netz­wer­ke gefrag­te Gesprächs­part­ner für poli­ti­sche Ent­schei­der. „Uns freut sehr, wie viel Ach­tung und Wert­schät­zung wir hier erfah­ren“, sagt Gabrie­le Flie­gel, deren Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau bereits 1949 gegrün­det wur­de. Zum 70-jäh­ri­gen Jubi­lä­um habe sogar der Regie­ren­de Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler ein Gruß­wort geschickt. „Erst kürz­lich waren Unter­neh­mer vom Netz­werk Wirt­schafts­kreis Pan­kow bei uns zu Besuch“, berich­tet die Ver­eins­vor­sit­zen­de, „die woll­ten vor allem wis­sen, wie wir so erfolg­reich mit dem Bezirks­amt zusam­men­ar­bei­ten – das ist offen­bar nicht über­all selbst­ver­ständ­lich.“

Die Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau ver­an­stal­tet mode­rier­te Unter­neh­mer­fo­ren und -früh­stü­cke. Sie lässt von Part­ner für Span­dau Fes­ti­vi­tä­ten wie Wein­som­mer, Havel­fest oder Bay­ern-Tag aus­rich­ten, pflegt ein mit dem Bezirks­amt gegrün­de­tes Netz­werk Gesund­heits­wirt­schaft oder unter­stützt über eine eige­ne Stif­tung kari­ta­ti­ve Ein­rich­tun­gen, Ver­ei­ne, bedürf­ti­ge Kin­der, Jugend­li­che und Rent­ner.

Und bald soll es auch die ers­te Uni­ver­si­tät in Span­dau geben. Um die­ses ambi­tio­nier­te Vor­ha­ben küm­mert sich die Gesell­schaft zur Grün­dung der ZiTA Hoch­schu­le Ber­lin gGmbh, deren Geschäfts­füh­re­rin Gabrie­le Flie­gel ist. „Mit der thai­län­di­schen Rang­sit Uni­ver­si­ty und euro­päi­schen Uni­ver­si­tä­ten haben wir schon mög­li­che Koope­ra­ti­ons­part­ner gefun­den.“ Die Hoch­schu­le brin­ge jun­ge Men­schen und stu­den­ti­sches Leben in die Alt­stadt, was nicht nur den Bezirk berei­che­re, son­dern auch der ört­li­chen Wirt­schaft nut­ze.

Die AG City kümmert sich um Handel, Stadtentwicklung, Kultur und Tourismus in der City West. Klaus-Jürgen Meier ist ihr Vorstandsvorsitzender
Die AG City küm­mert sich um Han­del, Stadt­ent­wick­lung, Kul­tur und Tou­ris­mus in der City West. Klaus-Jür­gen Mei­er ist ihr Vor­stands­vor­sit­zen­der. Foto: Ricar­da Spie­gel

City West: ein­zig­ar­ti­ge Mischung

Die viel­fäl­ti­ge Mischung aus Woh­nen und Arbei­ten, Ler­nen und Leh­ren, Amü­se­ment und Shop­ping ist auch ein Mar­ken­zei­chen des west­li­chen Zen­trums von Ber­lin. Dort, in der City West um Kur­fürs­ten­damm und Tau­ent­zi­en, ist die Arbeits­ge­mein­schaft City mit ihren mehr als 540 Mit­glie­dern beson­ders aktiv. Für deren Vor­stands­vor­sit­zen­den Klaus-Jür­gen Mei­er steht fest: „Um die Mischung benei­den uns die Betrei­ber inter­na­tio­na­ler Ein­kaufs­stra­ßen wie Champs-Ély­sées in Paris, Times Squa­re in New York oder Wang­fu­jing in Peking, mit denen wir seit 2010 in der ,Ver­ei­ni­gung welt­weit bekann­ter Ein­kaufs­stra­ßen‘ orga­ni­siert sind.“

Vie­le Ein­kaufs­bou­le­vards sei­en tote Bezirk, wenn die Öff­nungs­zei­ten enden. „Wir haben hier Stand­or­te der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät und der Uni­ver­si­tät der Küns­te mit rund 35.000 Stu­den­ten, den Zoo und Kinos und Thea­ter wie die Schau­büh­ne“, sagt der AG-City-Chef, „und vor allem woh­nen hier Men­schen.“ Die­se Mischung wol­le man unbe­dingt bei­be­hal­ten, und die geplan­ten Hoch­häu­ser wür­den dazu bei­tra­gen.

Unser wich­tigs­tes Anlie­gen ist, die Leu­te hier zusam­men- zubrin­gen. Das muss nicht unbe­dingt auf pro­fes­sio­nel­ler Ebe­ne statt­fin­den.
Sil­vio Scho­bin­ger, Goerz­al­lee

Die AG City, das mit­glie­der­stärks­te Unter­neh­mens­netz­werk in Ber­lin, hat sich mit drei Arbeits­säu­len auf­ge­stellt, für die jeweils drei Vor­stän­de ver­ant­wort­lich sind: Han­del, Kul­tur & Tou­ris­mus und Stadt­ent­wick­lung. „Kon­zi­piert wer­den etwa ver­kaufs­för­dern­de Erleb­nis-Shop­ping-Aktio­nen oder Trend­shows zur Stär­kung des sta­tio­nä­ren Han­dels, und per­ma­nent sind wir dabei, die kul­tu­rel­le Viel­falt im Quar­tier noch wei­ter aus­zu­bau­en, was schließ­lich auch wie­der Tou­ris­ten, Besu­cher und die Ber­li­ne­rin­nen und Ber­li­ner hier­her­lockt.“ Schon tra­di­tio­nel­le Ver­an­stal­tun­gen wie der Weih­nachts­markt um die Gedächt­nis­kir­che oder das Som­mer­fest Sum­mer In The City zie­hen regel­mä­ßig Mil­lio­nen von Men­schen an.

„Im Bereich Stadt­ent­wick­lung betei­li­gen wir uns mit Vor­schlä­gen am Mas­ter­plan City West, bei dem es vor allem um Auf­wer­tung und Ver­dich­tung geht und natür­lich um den inner­städ­ti­schen Ver­kehr der Zukunft.“ Und man habe einen ers­ten Busi­ness Impro­ve­ment District (BID) vom KaDeWe bis zur Uhland­stra­ße ein­ge­rich­tet, wo dem­nächst für Sau­ber­keit, öffent­li­ches WLAN und Aus­kunfts­diens­te von City Gui­des gesorgt wer­de. „Für einen BID schlie­ßen sich Grund­ei­gen­tü­mer und Gewer­be­trei­ben­de zusam­men, defi­nie­ren in einem bestimm­ten Gebiet gewis­se Maß­nah­men und zah­len dafür eine Abga­be für die Umset­zung“, erläu­tert Klaus-Jür­gen Mei­er, „für unse­ren BID kommt da immer­hin ein Volu­men von knapp neun Mio. Euro über einen Zeit­raum von fünf Jah­ren zusam­men.“

Von sol­chen Sum­men kann die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Pots­da­mer Stra­ße nur träu­men. Mit dem Wett­be­werbs­bei­trag „Bou­le­vard Pots­da­mer – Eine Stra­ße wird grün!“ war der Ver­ein 2016/2017 bei „Mit­ten­drIn Ber­lin!“ erfolg­reich. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Pots­da­mer Stra­ße im öko­lo­gi­schen Sin­ne auf­zu­wer­ten“, sagt die Vor­stands­vor­sit­zen­de Regi­ne Wos­nitza. Zahl­rei­che Geschäf­te und Restau­rants prä­sen­tier­ten sich an den Akti­ons­ta­gen kom­plett in Grün, hat­ten ihre Aus­la­gen begrünt und begrüß­ten ihre Kun­den in ent­spre­chen­den Out­fits.

Als Vorstandsvorsitzende der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße will Regine Wosnitza Identifikation und Potenziale des durchmischten Standorts stärken
Als Vor­stands­vor­sit­zen­de der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Pots­da­mer Stra­ße will Regi­ne Wos­nitza Iden­ti­fi­ka­ti­on und Poten­zia­le des durch­misch­ten Stand­orts stär­ken. Foto: Ulrich Lorenz

Wild­wüch­si­ge Magis­tra­le

Auch die Stra­ße wur­de begrünt – durch Bepflan­zun­gen von Baum­schei­ben und Ver­kehrs­in­seln, an Gebäu­den, auf Ter­ras­sen, Bal­ko­nen und Bau­zäu­nen wie beim damals im Umbau befind­li­chen neu­en Hotel Lulu Gulds­me­den. „Das Pro­jekt war eine tol­le Chan­ce, uns da gleich posi­tiv mit ein­zu­brin­gen“, sagt Marc Lorenz, Betrei­ber des Hotels und jetzt IG-Vor­stands­mit­glied, „und dass das her­vor­ra­gend in unser Kon­zept der Nach­hal­tig­keit passt, war natür­lich noch bes­ser.“

Die IG Pots­da­mer Stra­ße mit aktu­ell knapp 40 Mit­glie­dern war 1986 von eini­gen Ban­ken gegrün­det wor­den, die damals noch dort ansäs­sig waren, 1999 wur­de der Ver­ein dann von Quar­tiers­rä­ten des Quar­tiers­ma­nage­ments Schö­ne­berg „wie­der­be­lebt“, wie es Regi­ne Wos­nitza nennt. Die wild­wüch­si­ge Magis­tra­le, die den Pots­da­mer Platz mit dem Kleist­park ver­bin­det, wan­delt sich gera­de. Schi­cke Mode- und Desi­gner­lä­den, Gale­ri­en und Edel-Gas­tro­no­men sie­deln sich zwi­schen Rot­licht-Milieu, Imbis­sen und Wett­lä­den an. Dem­nächst zieht auch noch die Zen­tra­le des Unter­hal­tungs­kon­zerns Sony Music in das Gebäu­de an der Ecke Bülow­stra­ße, in dem frü­her die Com­merz­bank resi­dier­te. „Dage­gen haben wir nichts“, sagt Ver­eins­vor­sit­zen­de Wos­nitza, „kommt hier­her, sagen wir, und lasst uns mal schau­en, was wir gemein­sam machen kön­nen.“ Die Diver­si­tät an der lie­be­voll „Pot­se“ genann­ten Stra­ße sol­le aber mög­lichst erhal­ten blei­ben, weil sie hier tag­täg­lich gelebt wer­de und den rau­en Charme der Stra­ße aus­ma­che.

Loka­le Netz­wer­ke sei­en stark mit ihren Stand­or­ten ver­wur­zelt, sagt Chris­tof Deit­mar, Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter bei der IHK Ber­lin im Bereich Stadt­ent­wick­lung und Inter­na­tio­na­le Märk­te. „Des­halb wis­sen die­se Netz­wer­ke häu­fig am bes­ten, wo die Stär­ken ihrer Stand­or­te lie­gen und wohin sie sich noch wei­ter­ent­wi­ckeln könn­ten – mit dem Wett­be­werb ,Mit­ten­drIn Ber­lin!‘ setzt die IHK Ber­lin, in Zusam­men­ar­beit mit dem Land Ber­lin und enga­gier­ten Unter­neh­men, an genau die­ser Stel­le an.“ Auf die­se Wei­se hät­ten bereits 29 Pro­jek­te zur Auf­wer­tung und Wei­ter­ent­wick­lung städ­ti­scher Zen­tren umge­setzt wer­den kön­nen.

Der Verein Goerzallee ist ein junges Netzwerk im Südwesten Berlins. Vorstandvorsitzender Silvio Schobinger möchte gemeinsame Interessen der 40 Mitglieder voranbringen
Der Ver­ein Goerz­al­lee ist ein jun­ges Netz­werk im Süd­wes­ten Ber­lins. Vor­stand­vor­sit­zen­der Sil­vio Scho­bin­ger möch­te gemein­sa­me Inter­es­sen der 40 Mit­glie­der vor­an­brin­gen. Foto: Ricar­da Spie­gel

Einen ähn­lich rau­en Charme wie die Pots­da­mer Stra­ße in Schö­ne­berg strahlt auch das Goerz­werk aus. Der his­to­ri­sche, denk­mal­ge­schütz­te Gewer­be­hof an der Goerz­al­lee im Süd­wes­ten Ber­lins hat außen rus­ti­ka­le Back­stein­fas­sa­den und innen vie­le unver­putz­te Stein­wän­de sowie decken­ho­he Fens­ter­fron­ten. Sil­vio ­Scho­bin­ger, seit Anfang 2015 mit sei­nem Bru­der Mario neu­er Eigen­tü­mer, hat das zwi­schen 1915 und 1917 erbau­te Indus­trie-Are­al stil­voll restau­riert und es für Grün­der, Start-ups und krea­ti­ve Unter­neh­mer geöff­net. „Wir haben zur­zeit etwa 110 Mie­ter – das ist ein Aus­las­tungs­grad von 95 Pro­zent“, sagt Scho­bin­ger. „Alle Goerz­wer­ker pfle­gen einen ver­trau­ens­vol­len und wert­schät­zen­den Umgang mit­ein­an­der.“ Er selbst sei für sämt­li­che Mie­ter Ansprech­part­ner und habe stets eine offe­ne Tür. „Es freut mich, dass es in die­ser Com­mu­ni­ty auch schon zu geschäft­li­chen Koope­ra­tio­nen unter­ein­an­der gekom­men ist.“

Erst die Idee, dann der Ver­ein

Da lag es nahe, ein Netz­werk auf- und aus­zu­bau­en. „Im Febru­ar 2017 haben wir zum 100-jäh­ri­gen Jubi­lä­um des Goerz­werks den Ver­ein Goerz­al­lee gegrün­det – mit dem Ziel, den Schwung, den wir hier ent­wi­ckelt haben, in den gesam­ten Indus­trie­stand­ort Goerz­al­lee hin­aus­ge­tra­gen.“ Fast 40 Mit­glie­der zählt der Ver­ein bereits. „Das jun­ge Pflänz­chen wächst kon­ti­nu­ier­lich“, so ­Scho­bin­ger, „und bald wer­den wir hof­fent­lich auch eine eige­ne Geschäfts­stel­le haben, um wei­ter Fahrt auf­neh­men zu kön­nen.“ Im Ver­ein Goerz­al­lee soll eine leben­di­ge Unter­neh­mer­platt­form geschaf­fen wer­den – zum Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen, Know-how und neu­en Mar­ke­ting­ide­en. Wo bei­spiels­wei­se vor­han­de­ne Res­sour­cen gemein­sam genutzt wer­den kön­nen oder der ver­ein­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Auf­tritt nach außen orga­ni­siert wird. „Der Club Goerz­werk, eine Event-Loca­ti­on auf 600 Qua­drat­me­tern im 4. Ober­ge­schoss, ist der Platz, wo das Netz­werk zusam­men­kommt, sozu­sa­gen unser Ver­eins­lo­kal.“ Der Club kann jetzt auch für Fir­men­ver­an­stal­tun­gen oder pri­va­te Fei­ern gemie­tet wer­den.

„Unser wich­tigs­tes Anlie­gen ist, die Leu­te hier zusam­men­zu­brin­gen und die Gemein­schaft zu stär­ken“, sagt Sil­vio Scho­bin­ger, „und das muss nicht vor­ran­gig auf der pro­fes­sio­nel­len Ebe­ne statt­fin­den – ich möch­te, dass sich die Leu­te wohl­füh­len und sich ger­ne mögen, im bes­ten Fall Freun­de wer­den.“ Der Ver­ein setzt sich für eine Inbe­trieb­nah­me der still­ge­leg­ten Goerz­bahn-Stre­cke ein, auf der ein hoch­mo­der­nes elek­tri­sches Schie­nen­fahr­zeug, auto­nom und on demand fah­rend, die Goerz­al­lee mit dem rund vier Kilo­me­ter ent­fern­ten Bahn­hof Lich­ter­fel­de West ver­bin­den soll. „Das wäre ein enor­mer Mehr­wert für die Unter­neh­men und Beschäf­tig­ten im gesam­ten Indus­trie­ge­biet.“ Ein wei­te­res zen­tra­les Vor­ha­ben ist die Ein­rich­tung einer pro­fes­sio­nel­len Job­bör­se, um drin­gend benö­tig­te Fach­kräf­te am Stand­ort zu fin­den. Gera­de beim The­ma Per­so­nal und Aus­bil­dung lernt man auch von ande­ren Stand­ort­bünd­nis­sen, mit denen sich der Ver­ein ­Goerz­al­lee zuneh­mend ver­netzt.

René Mühlroth ist Vorstandsmitglied des Netzwerks Großbeerenstraße. 55 Mitglieder arbeiten in Arbeitskreisen an Synergie-Effekten
René Mühl­roth ist Vor­stands­mit­glied des Netz­werks Groß­bee­ren­stra­ße. 55 Mit­glie­der arbei­ten in Arbeits­krei­sen an Syn­er­gie-Effek­ten. Foto: Ulrich Lorenz

Preis­trä­ger im Bun­des­wett­be­werb

Zum Bei­spiel vom Netz­werk Groß­bee­ren­stra­ße, das vor drei Jah­ren im Wett­be­werb „Inno­va­ti­ves Netzwerk/Innovatives Pro­jekt“ vom Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um als Bun­des­sie­ger aus­ge­zeich­net wur­de. Den Preis gewann der Unter­neh­mens­zu­sam­men­schluss für sein Pro­jekt Ring­Prak­ti­kum, mit dem es mög­lich ist, wäh­rend eines Prak­ti­kums gleich meh­re­re Betrie­be ken­nen­zu­ler­nen. „Das Ring­Prak­ti­kum und sei­ne Abkömm­lin­ge Arri­vo Ring­Prak­ti­kum und Ring­Prak­ti­kumP­lus sind inzwi­schen recht­lich geschütz­te Ver­fah­ren aus unse­rem Arbeits­kreis Per­so­nal & Aus­bil­dung“, sagt René Mühl­roth, Vor­stands­mit­glied und Spre­cher die­ses Arbeits­krei­ses.

Mit der Ent­wick­lung des Ring­Prak­ti­kums reagier­te das Netz­werk auf die ange­spann­te Situa­ti­on auf dem Aus­bil­dungs­markt: Damit pass­ge­nau Aus­bil­dungs­plät­ze ver­ge­ben wer­den kön­nen, durch­lau­fen inter­es­sier­te Jugend­li­che meh­re­re Betrie­be, die sich in berufs­spe­zi­fi­schen Rin­gen orga­ni­siert haben – einem Metall-Ring zum Bei­spiel, einem Elek­tro-Ring oder einem Druck-und-Medi­en-Ring. Beglei­tet wer­den die Prak­ti­kan­ten, die vor­her in spe­zi­el­len Work­shops vor­be­rei­tet wor­den sind, von Mit­ar­bei­tern der Ring-Unter­neh­men und Lehr­amts­stu­den­ten.

Unse­re sie­ben Arbeits­krei­se sind das Herz­stück des Netz­werks, weil sie als Pro­jek­te-Schmie­den fun­gie­ren. Hier sind 90 Pro­zent der Mit­glieds- unter­neh­men monat­lich aktiv.
René Mühl­roth, Netz­werk Groß­bee­ren­stra­ße

Die Vari­an­te Arri­vo Ring­Prak­ti­kum ist auf die Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on nicht mehr schul­pflich­ti­ger Geflüch­te­ter zuge­schnit­ten und wur­de 2016 von der EU-Kom­mis­si­on euro­pa­weit aus­ge­zeich­net. „Es hilft, rund 400 Geflüch­te­te im Jahr zu unter­stüt­zen“, so René Mühl­roth, „und von denen kön­nen im Schnitt dann etwa 50 sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt wer­den.“ Mit Ring­Prak­ti­kumP­lus wie­der­um wer­de ver­sucht, benach­tei­lig­te und lang­zeit­ar­beits­lo­se Jugend­li­che durch dua­le Berufs­aus­bil­dun­gen nach­hal­tig zu inte­grie­ren. Damit der Über­gang in die Arbeits­welt erfolg­reich gelingt, arbei­tet das Unter­neh­mens­bünd­nis mit Koope­ra­ti­ons­schu­len und -uni­ver­si­tä­ten zusam­men. „Unse­re sie­ben Arbeits­krei­se sind das Herz­stück des Netz­werks, weil sie als Pro­jek­te-Schmie­den fun­gie­ren – hier sind 90 Pro­zent unse­rer Mit­glieds­un­ter­neh­men monat­lich aktiv. Und hier wer­den auf Basis gemein­sa­mer Her­aus­for­de­run­gen und Pro­blem­stel­lun­gen syn­er­ge­ti­sche Netz­werk­lö­sun­gen erar­bei­tet, die durch die gemein­sa­me Umset­zung im Netz­werk einen Mehr­wert an Qua­li­tät und Nach­hal­tig­keit erzeu­gen.“ Das wur­de 2014 mit dem Deut­schen Bür­ger­preis für enga­gier­tes Unter­neh­mer­tum hono­riert.

Wir hof­fen, dass sich wei­te­re Unter­neh­mens- netz­wer­ke in der Stadt für unser Kli­ma­schutz­kon­zept inter­es­sie­ren. Es lohnt sich, für uns alle und für Ber­lin.
Ulrich Mis­geld, Unter­neh­mens-Netz­werk Mot­zener Stra­ße

Vom Moto­ren­werk bis zum Inge­nieur­bü­ro

Das Netz­werk Groß­bee­ren­stra­ße bil­den der­zeit 55 Unter­neh­men aus dem Indus­trie- und Gewer­be­ge­biet in Tem­pel­hof-Schö­ne­berg, an der Gren­ze der Orts­tei­le Mari­en­dorf und Mari­en­fel­de. Auf einer Gesamt­flä­che von 222 Hekt­ar sind hier neben dem Moto­ren­werk von Daim­ler ins­ge­samt rund 250 Unter­neh­men ansäs­sig. Dar­un­ter fin­den sich ande­re Indus­trie­be­trie­be eben­so wie grö­ße­re Dru­cke­rei­en und Betrie­be der Ernäh­rungs­wirt­schaft, zudem Groß­han­dels- und Trans­port­un­ter­neh­men sowie Inge­nieur­bü­ros, die den Indus­trie­be­trie­ben auf dem Are­al zuar­bei­ten.

Ulrich Misgeld, Vorstandsvorsitzender des Unternehmensnetzwerks Motzener Straße, will den CO2-Ausstoß von Unternehmen am Standort Motzener Straße bis 2050 neutralisieren
Ulrich Mis­geld, Vor­stands­vor­sit­zen­der des Unter­neh­mens­netz­werks Mot­zener Stra­ße, will den CO2-Aus­stoß von Unter­neh­men am Stand­ort Mot­zener Stra­ße bis 2050 neu­tra­li­sie­ren. Foto: Akud/Lars Rei­mann

In unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zieht sich das Indus­trie­ge­biet Mot­zener Stra­ße mit rund 200 Betrie­ben auf über 112 Hekt­ar bis zur süd­li­chen Stadt­gren­ze ent­lang. Das Unter­neh­mens­Netz­werk Mot­zener Stra­ße mit heu­te 60 Mit­glie­dern wur­de 2005 gegrün­det und war spä­ter Modell­pro­jekt für das Netz­werk Groß­bee­ren­stra­ße, das sich 2008 zusam­men­schloss. „Wir hat­ten uns schon am Anfang ver­schie­de­ne Arbeits­auf­ga­ben vor­ge­nom­men“, sagt Vor­stands­vor­sit­zen­der Ulrich Mis­geld, „zum Bei­spiel den gemein­sa­men Ein­kauf von Strom und Heiz­öl sowie Büro­ma­te­ri­al, die Bestel­lung von Sicher­heits- und Win­ter­diens­ten oder die Rea­li­sie­rung einer Kin­der­ta­ges­stät­te, abge­stimmt auf die Bedürf­nis­se der Beschäf­tig­ten.“

Für die Kita Blohm­stra­ße sam­mel­te der Ver­ein 250.000 Euro und Sach­mit­tel, um ein Gebäu­de am Stand­ort kita­ge­recht aus­zu­bau­en, hin­zu kamen För­der­mit­tel. Betrie­ben wird die Ein­rich­tung mit 80 Plät­zen vom Nach­bar­schafts- und Selbst­hil­fe­zen­trum in der Ufa-Fabrik. „Die­se Kita ist natür­lich auch enorm wich­tig für die Anwer­bung jun­ger Fach­kräf­te.“

Mit dem Pro­jekt „NEMo – Null Emis­si­on Mot­zener Stra­ße“ ver­folgt das Netz­werk ein anspruchs­vol­les Ziel: Bis 2030 sol­len 40 Pro­zent der CO2-Emis­sio­nen des gesam­ten Stand­orts ein­ge­spart wer­den, bis 2050 soll sogar CO2-Neu­tra­li­tät erreicht wer­den. „Vie­le Fir­men berück­sich­ti­gen die­ses The­ma in ihren Inves­ti­ti­ons- und Aus­bau­plä­nen schon von sich aus“, so Mis­geld, „an der über­be­trieb­li­chen Umset­zung arbei­ten wir noch.“ Immer­hin habe ein Unter­neh­men sei­nen CO2-Aus­stoß bereits um 88 Pro­zent redu­zie­ren kön­nen – „und zwar durch rela­tiv ein­fa­che Maß­nah­men“.

Im Rah­men des Ber­li­ner Ener­gie- und Kli­ma­pro­gramms sind gera­de Mit­tel für einen Kli­ma- und Res­sour­cen­ma­na­ger bean­tragt wor­den. Er soll die Fir­men bei der Umset­zung kli­ma­freund­li­cher Maß­nah­men bera­ten. Schon jetzt gibt es 12.000 Qua­drat­me­ter Solar­flä­che auf den Dächern. Ulrich Mis­geld: „Wir sehen, dass sol­che Lösun­gen hier auch ande­re Unter­neh­men ani­mie­ren, und wir hof­fen, dass sich dar­über hin­aus wei­te­re Unter­neh­mens­netz­wer­ke in der Stadt für unser Kli­ma­schutz­kon­zept inter­es­sie­ren – es lohnt sich, für uns alle und für Ber­lin.“


Unternehmens-Profile

Ver­ei­ni­gung Wirt­schafts­hof Span­dau

Unter­neh­mens­ver­band

1949

wur­de der Ver­band gegrün­det.
Stand 07/2019

300

Mit­glie­der machen den Ver­band zu einem der größ­ten sei­ner Art in Ber­lin.
Stand 07/2019

Arbeits­ge­mein­schaft City

Inter­es­sen­ge­mein­schaft

540

Mit­glie­der küm­mern sich unter ande­rem um Han­del und Stadt­ent­wick­lung.
Stand 07/2019

1976

wur­de die AG City gegrün­det.
Stand 07/2019

Inter­es­sen­ge­mein­schaft Pots­da­mer Stra­ße

Netz­werk­ver­ein

1986

wur­de das Netz­werk gegrün­det.
Stand 07/2019

40

Akteu­re enga­gie­ren sich in dem Ver­ein.
Stand 07/2019

Goerz­al­lee

Netz­werk­ver­ein

2017

wur­de der Zusam­men­schluss gegrün­det.
Stand 07/2019

40

Mit­glie­der umfasst die Com­mu­ni­ty.
Stand 07/2019

Netz­werk Groß­bee­ren­stra­ße

Netz­werk­ver­ein

2008

wur­de das mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Bünd­nis gegrün­det.
Stand 07/2019

55

Mit­glie­der sind in ver­schie­de­nen Arbeits­krei­sen tätig.
Stand 07/2019

Unter­neh­mens­netz­werk Mot­zener Stra­ße

Netz­werk­ver­ein

2005

wur­de der Ver­ein gegrün­det.
Stand 07/2019

2050

ist das Ziel­jahr, zu dem alle Unter­neh­men am Stand­ort kli­ma­neu­tral sein sol­len.
Stand 07/2019

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