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„Wir bewegen Pflegekräfte zur Rückkehr in ihren Beruf“

Johannes Roggendorf und Dr. Timo Fischer haben im Jahr 2017 die Medwing GmbH gegründet. Das Start-up soll zur führenden Recruiting-Plattform im Gesundheitswesen werden.
von Michael Gneuss Ausgabe 07+08/2020

Die beiden Medwing-Gründer Timo Fischer (l.) und Johannes Roggendorf in ihrem Büro in der Rosenthaler Straße
Die beiden Medwing-Gründer Timo Fischer (l.) und Johannes Roggendorf in ihrem Büro in der Rosenthaler Straße. Foto: Amin Akhtar
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Laut den Gründern von Medwing ist der Markt der Pflegekräfte weit größer als meist angenommen.
  • Digitale Technologie könne ein wichtiger Faktor im Kampf gegen den Pflegenotstand sein.

Von Inves­to­ren hat das Ber­li­ner Start-up Medwing in die­sem Jahr noch ein­mal 28 Mil­lio­nen Euro bekom­men. Johan­nes Rog­gen­dorf und Dr. Timo Fischer wol­len mit ihrer Grün­dung die Per­so­nal­eng­päs­se bei Pfle­gern und Ärz­ten behe­ben und auch im Aus­land mit ihrem Geschäfts­mo­dell expan­die­ren.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: Wie ist die Idee für Ihr Unter­neh­men ent­stan­den?

Johan­nes Rog­gen­dorf: Da ich aus einer Fami­lie mit eini­gen Ärz­ten kom­me, war für mich die Pfle­ge­pro­ble­ma­tik schon immer sehr prä­sent. Als Betriebs­wirt hat mich der enor­me und wach­sen­de Eng­pass, den wir welt­weit in den Gesund­heits­be­ru­fen haben, immer irgend­wie beschäf­tigt. Bis zum Jahr 2030 wer­den 20 Mil­lio­nen Men­schen für die Arbeit im Gesund­heits­sek­tor feh­len. Für mich stellt sich da die Fra­ge, wie effi­zi­en­te Recrui­t­ing-Pro­zes­se die Lage ent­schär­fen kön­nen und wie eine Platt­form, die dabei hilft, aus­se­hen könn­te. Timo und ich kann­ten uns ja schon seit eini­gen Jah­ren, daher stell­ten wir schnell fest, dass wir ähn­li­che Gedan­ken und Ide­en dazu haben.

Timo Fischer: Ja, ich hat­te auch über eine Platt­form nach­ge­dacht, die den Kan­di­da­ten und nicht den Arbeit­ge­ber in den Mit­tel­punkt stellt. Denn die Kan­di­da­ten ja sind der Eng­pass. Wir schaf­fen für sie einen Anreiz, in dem wir ihnen kos­ten­los eine Lösung prä­sen­tie­ren, mit der sie den Job fin­den, der ide­al zu ihnen passt. Die Fra­ge ist ja, wie wir mehr Kan­di­da­ten in den Arbeits­markt hin­ein­be­kom­men und hal­ten kön­nen. Nur so lässt sich der Eng­pass auf­lö­sen.

Aber auch mit einer Platt­form kön­nen Sie Arbeits­kräf­te, die es nicht gibt, nicht ein­fach her­bei­zau­bern.

Rog­gen­dorf: Irr­tum. Es gibt viel mehr Kan­di­da­ten im Gesund­heits­we­sen, als manch einer glaubt. Wir haben in Deutsch­land 300.000 aus­ge­bil­de­te Pfle­ge­kräf­te, die nicht mehr im Gesund­heits­we­sen tätig sind. Und genau hier liegt das Pro­blem. Vie­le haben sich von die­sem Beruf abge­wen­det – haupt­säch­lich, weil sie mit den Arbeits­zei­ten nicht zurecht­kom­men. Die gerin­gen Gehäl­ter sind natür­lich ein wei­te­res Pro­blem. Sehr vie­le sind auch mit den Arbeits­be­din­gun­gen unzu­frie­den.

Fischer: Aber eigent­lich lie­ben sie ihren Beruf, und vie­le wür­den gern zurück­keh­ren, wenn die Bedin­gun­gen bes­ser wären. Wir müs­sen ihnen auf­zei­gen, dass die Pro­ble­me im Gesund­heits­sek­tor lös­bar sind und die Jobs attrak­ti­ver wer­den kön­nen. So bewe­gen wir Pfle­ge­kräf­te zur Rück­kehr in ihren Beruf. Außer­dem wür­den 35 Pro­zent der Beschäf­tig­ten in den Pfle­ge­be­ru­fen gern mehr arbei­ten, weil sie bei­spiels­wei­se einen Halb­tags­job haben, aber bei ihrem Arbeit­ge­ber nicht fle­xi­bel genug die Stun­den­zahl auf­sto­cken kön­nen. Da schlum­mern also noch erheb­li­che Kapa­zi­tä­ten.

Bis zum Jahr 2030 wer­den 20 Mil­lio­nen Men­schen für die Arbeit im Gesund­heits­sek­tor feh­len.
Johan­nes Rog­gen­dorf

Aber wie wol­len Sie die­se Pro­ble­me mit einer Platt­form behe­ben?

Fischer: Wir bie­ten die tech­ni­sche Infra­struk­tur, um den rich­ti­gen Kan­di­da­ten zum rich­ti­gen Zeit­punkt an den rich­ti­gen Ort zu brin­gen. Wer sich auf unse­rer Platt­form regis­triert, bekommt zunächst inner­halb von 100 Sekun­den einen Anruf. In einem per­sön­li­chen Gespräch erfas­sen wir die Berufs­er­fah­rung und die Wün­sche des Kan­di­da­ten und erstel­len dar­auf­hin gemein­sam ein indi­vi­du­el­les Pro­fil. Das dau­ert manch­mal nur fünf Minu­ten, aber manch­mal auch eine Stun­de.

Rog­gen­dorf: Auf Wunsch des Kan­di­da­ten ver­mit­teln wir ihn an ein Kran­ken­haus oder eine Pfle­ge­ein­rich­tung, oder aber wir stel­len ihn selbst ein und lei­hen ihn zeit­wei­se an Kli­ni­ken oder Senio­ren­hei­me, die Bedarf haben, aus. Es gibt auch Pfle­ge­kräf­te, die in einer Kli­nik einen fes­ten Halb­tags­job haben und über uns in einem Zweit­job als Zeit­ar­bei­ter die Stun­den­zahl fle­xi­bel auf­sto­cken.

Damit ver­bes­sern Sie aber noch nicht die Arbeits­be­din­gun­gen im Kran­ken­haus.

Rog­gen­dorf: Doch. Ein Bei­spiel: Die Arbeits­be­din­gun­gen sind teil­wei­se schlecht, weil bei uner­war­te­ten krank­heits­be­ding­ten Aus­fäl­len von Pfle­ge­kräf­ten kurz­fris­tig kein Ersatz beschafft wer­den kann. Die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter auf der Sta­ti­on sind in die­sen Schich­ten oft über­for­dert. Eine tech­ni­sche Infra­struk­tur, über die sehr schnell geeig­ne­te Kan­di­da­ten, die Zeit haben, gefun­den wer­den, ver­bes­sert die Situa­ti­on erheb­lich. Über eine App kann bei uns jeder Kan­di­dat jeder­zeit sei­ne Ver­füg­bar­keit anzei­gen. Auf die Gehäl­ter, die Kli­ni­ken und Pflege­einrichtungen zah­len, wer­den Sie damit aber kei­nen Ein­fluss neh­men kön­nen.

Fischer: Wir schaf­fen Trans­pa­renz in den Pfle­ge­be­ru­fen. Durch die Gesprä­che mit den Kan­di­da­ten und die Pro­fi­le, die wir anle­gen, wis­sen wir, bei wel­chem Gehalts­ni­veau sich mehr Pfle­ge­kräf­te reak­ti­vie­ren las­sen und bei wel­chen Gehalts­ni­veaus kei­ne Chan­cen bestehen. Die­ses Wis­sen stel­len wir unse­ren Kun­den zur Ver­fü­gung. Das führt dazu, dass die Gehäl­ter stei­gen, weil das Manage­ment erkennt, wie wich­tig höhe­re Ein­kom­men für Pfle­ge­kräf­te sind, um den Per­so­nal­be­darf zu decken.

Timo Fischer ist bei Medwing für Technologie, Produkt und Marketing zuständig
Timo Fischer ist bei Medwing für Tech­no­lo­gie, Pro­dukt und Mar­ke­ting zustän­dig. Foto: Amin Akhtar

Wie schwer ist es für Sie, Kun­den und Kan­di­da­ten von der Platt­form zu über­zeu­gen?

Rog­gen­dorf: Wir arbei­ten inzwi­schen in Deutsch­land mit 2.500 Kli­ni­ken und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen zusam­men. Pro Monat kön­nen wir etwa 120 Arbeits­kräf­te in fes­te Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se ver­mit­teln und 2.000 Buchun­gen für Zeit­ar­beit abschlie­ßen. Die Platt­form wird also auf bei­den Sei­ten gut ange­nom­men.

Ist es ein Unter­schied, ob es sich um pri­va­te Kli­nik­ket­ten oder kom­mu­na­le Häu­ser han­delt?

Rog­gen­dorf: Wir arbei­ten mit allen zusam­men. Ich sehe kei­ne grund­sätz­li­chen Unter­schie­de hin­sicht­lich der Per­so­nal­pro­ble­me zwi­schen dem pri­va­ten und dem kom­mu­na­len Sek­tor. Es liegt eher an den ein­zel­nen Häu­sern, wie gut der Fach­kräf­te­be­darf gedeckt wird.

Wie wol­len Sie Medwing wei­ter­ent­wi­ckeln?

Fischer: Wir haben im Bereich Kran­ken­pfle­ge ange­fan­gen und dann bei der Alten­pfle­ge wei­ter­ge­macht. In bei­den Sek­to­ren hat sich unser Geschäfts­mo­dell bereits sehr gut bewährt. Es gibt aber aus unse­rer Sicht auch kei­ne nen­nens­wer­ten Unter­schie­de zwi­schen der Ver­mitt­lung von Kran­ken- und Pfle­ge­kräf­ten. Per­spek­ti­visch glau­ben wir, dass der Per­so­nal­man­gel in der Alten­pfle­ge auf­grund der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung sogar noch schwer­wie­gen­der sein wird. Mitt­ler­wei­le ver­mit­teln wir auch Ärz­tin­nen und Ärz­te, und im nächs­ten Schritt wer­den wir uns auch um Arzt­hel­fe­rin­nen und Arzt­hel­fer für Pra­xen küm­mern.

Inves­to­ren sehen gro­ßes Wachs­tums­po­ten­zi­al, weil wir ein Pro­blem, ent­schär­fen, das welt­weit in fast allen Län­dern besteht.
Timo Fischer

Kön­nen die Per­so­nal­eng­päs­se im deut­schen Gesund­heits­we­sen auch durch Fach­kräf­te aus dem Aus­land gemin­dert wer­den?

Rog­gen­dorf: Wir haben einen eige­nen Bereich auf­ge­baut, der Pfle­ge­kräf­te aus ande­ren Län­dern anwirbt. So konn­ten wir bereits 100 Pfle­ge­kräf­te von den Phil­ip­pi­nen nach Ber­lin brin­gen. Aller­dings wol­len wir durch sol­che Anwer­bun­gen nicht Pro­ble­me in ande­ren Län­dern ver­schär­fen. Daher kom­men nur sehr weni­ge Staa­ten, in denen es einen Über­schuss an Pfle­ge­kräf­ten gibt, infra­ge. Neben den Phil­ip­pi­nen sind das der­zeit nur Chi­na, Mexi­ko und bestimm­te Bal­kan-Staa­ten.

Kön­nen Sie sich auch vor­stel­len, Ihre Platt­form für ande­re Bran­chen zu öff­nen?

Rog­gen­dorf: Nein, wir wol­len die füh­ren­de Recrui­t­ing-Platt­form für den Gesund­heits­sek­tor sein. Die­ser Bereich ist so groß, dass wir damit genug zu tun haben. Außer­dem expan­die­ren wir ja auch inter­na­tio­nal. In Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich sind wir schon. Bran­chen ticken alle anders, aber im Gesund­heits­we­sen haben alle Län­der die glei­chen Per­so­nal­pro­ble­me. Wir müs­sen uns jeweils nur auf ein paar ande­re recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen ein­stel­len.

Johannes Roggendorfs ­Aufgaben sind Sales, Human Resources und Finanzen
Johan­nes Rog­gen­dorfs ­Auf­ga­ben sind Sales, Human Resour­ces und Finan­zen. Foto: Amin Akhtar

Im Mai haben Sie in einer neu­en Finan­zie­rungs­run­de 28 Mil­lio­nen Euro erhal­ten. Was schät­zen die Inves­to­ren an Medwing?

Fischer: Ich den­ke, Inves­to­ren sehen ein gro­ßes Wachs­tums­po­ten­zi­al, weil wir ein Pro­blem ent­schär­fen, das welt­weit in fast allen Län­dern besteht. Außer­dem wol­len wir eine ech­te Platt­form sein. Es geht nicht nur dar­um, eige­ne Zeit­ar­beits­kräf­te zu ver­mit­teln. Über unse­re Infra­struk­tur wer­den künf­tig auch ande­re Per­so­nal­dienst­leis­ter mit Kli­ni­ken und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen in Kon­takt tre­ten kön­nen.

Kann Zeit­ar­beit nicht auch ris­kant sein für das Gesund­heits­we­sen und am Ende die Kos­ten trei­ben?

Rog­gen­dorf: Jedes Kran­ken­haus und jede Pfle­ge­ein­rich­tung braucht zuver­läs­si­ges Stamm­per­so­nal. Dar­an wol­len wir nichts ändern. Wir ver­mit­teln ja über­wie­gend Fach­kräf­te für fes­te Anstel­lungs­ver­hält­nis­se. Aber um krank­heits­be­ding­te Aus­fäl­le zu kom­pen­sie­ren oder einen erhöh­ten Per­so­nal­be­darf zu decken, sind fle­xi­ble Kapa­zi­tä­ten im Gesund­heits­sek­tor extrem wich­tig. Die­se fle­xi­blen Kapa­zi­tä­ten erreicht man durch inter­ne fle­xi­ble Pools, die wir auch mana­gen, oder aber eben über Zeit­ar­beit, die zu einem gewis­sen Anteil sogar auch aus öko­no­mi­schen Grün­den für Ein­rich­tun­gen sinn­voll ist.

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