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Schwer­punkt

„Wir wollen nachhaltig unterwegs sein“

Meinrad Schmitt legt als Bio-Lebensmittelgroßhändler großen Wert auf eine möglichst klimaverträgliche Logistik. Deshalb setzt er auf Produkte aus der Region und sammelt Erfahrungen mit alternativen Antriebsarten.
von Michael Gneuss Ausgabe 03/2020

Meinrad Schmitt bietet mit seinem Unternehmen Terra Naturkost 15.000 Artikel an
Meinrad Schmitt bietet mit seinem Unternehmen Terra Naturkost 15.000 Artikel an. 35 Prozent des Sortiments machen Obst und Gemüse aus, 30 Prozent ­Trockenprodukte. 28 Prozent des Angebots sind Fleisch, Tofu und Molkereiprodukte. Foto: Amin Akhtar
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Für eine saubere Logistik kommt es auf ein gutes Maß aus Regionalität und Technologie an.
  • Meinrad Schmitt hat bereits Erfahrungen mit alternativen Antriebsarten gesammelt, von denen andere profitieren können.

Die Ter­ra Natur­kost Han­dels KG belie­fert Natur­kost-Fach­ge­schäf­te sowie die Bio-Super­märk­te Alna­tu­ra, Bio Com­pa­ny und die LPG-Märk­te mit Lebens­mit­teln. Den idea­len Lkw für Trans­por­te von Bio-Pro­duk­ten hat der Grün­der und Geschäfts­füh­rer Mein­rad Schmitt noch nicht gefun­den. Aktu­ell hält er Erd­gas-Fahr­zeu­ge für die bes­te Wahl.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: War­um beschäf­ti­gen Sie sich mit alter­na­ti­ven Antriebs­ar­ten?

Mein­rad Schmitt: Ich bin Bio-Groß­händ­ler und ach­te dabei nicht nur auf die Qua­li­tät der Lebens­mit­tel, son­dern auch auf das gesam­te Drum­her­um. Des­halb wol­len wir auch nach­hal­tig unter­wegs sein. Dazu gehört ein­mal eine sehr star­ke Regio­na­li­tät der Pro­duk­te, um unnö­ti­ge Trans­port­we­ge zu ver­mei­den. Alle Pro­duk­te, die wir aus Bran­den­burg bezie­hen kön­nen, bezie­hen wir auch aus Bran­den­burg. Aber wir wol­len auch eine Lkw-Flot­te, die mög­lichst kli­ma­freund­lich fährt. Öko­lo­gie und Nach­hal­tig­keit sind ganz gro­ße The­men bei uns.

Auf wel­che Antriebs­ar­ten set­zen Sie bei Inves­ti­tio­nen in Ihre Lkw-Flot­te?

Zum einen haben wir alte Die­sel-Lkws durch moder­ne Euro-6-Die­sel ersetzt. Aber Ter­ra hat auch schon fünf Erd­gas-Fahr­zeu­ge im Ein­satz, und wird sicher­lich bald auch noch mehr davon anschaf­fen.

War­um Erd­gas?

Ich spre­che natür­lich mit ande­ren Bio-Groß­händ­lern über die­ses The­ma. Es gibt rund zehn Unter­neh­men, die anders­wo die­se Arbeit machen, die wir für Ber­lin erle­di­gen. Ein Unter­neh­men aus Süd­deutsch­land hat bereits sehr viel Erfah­run­gen mit Erd­gas-Fahr­zeu­gen gesam­melt. Sowohl mit dem kom­pri­mier­ten Erd­gas CNG als auch mit ver­flüs­sig­tem Erd­gas LNG. Sogar Hybrid-Lkws sind im Ein­satz. Außer­dem ste­he ich im stän­di­gen Aus­tausch mit unse­ren Fahr­zeug-Lie­fe­ran­ten Sca­nia und Daim­ler.

Ter­ra hat schon fünf Erd­gas-Fahr­zeu­ge im Ein­satz, und wird sicher­lich bald noch mehr davon anschaf­fen.
Mein­rad Schmitt

Und CNG ist der nach­hal­tigs­te Weg, Lkw zu fah­ren?

Unse­re Erd­gas­au­tos sind sicher nicht der Weis­heit letz­ter Schluss. Ich sehe dar­in eine Brü­cken­tech­no­lo­gie auf dem Weg zu neu­en Antrie­ben und die der­zeit bes­te Opti­on für eine grü­ne Logis­tik. Der Elek­tro­an­trieb hat bei schwe­ren Lkws kei­ne Chan­ce, da wir auf eine hohe Nutz­last und lan­ge Reich­wei­ten ange­wie­sen sind. Er hat zwar den Vor­teil, dass er fast geräusch­los ist, aber CNG-Lkws sind auch sehr lei­se. Auch des­halb haben wir sie ange­schafft. Wir machen damit in Wohn­ge­bie­ten kei­nen Lärm und kön­nen auch in Ver­bots­zo­nen für Euro-5-Die­sel fah­ren. Gas ist als fos­si­ler Brenn­stoff aber auch nicht ide­al.

War­um kau­fen Sie trotz­dem sol­che Fahr­zeu­ge?

Die Wis­sen­schaft­ler, die im ver­gan­ge­nen Jahr Vor­trä­ge auf dem Forum Grü­ne Logis­tik gehal­ten haben – das Ter­ra mit­ver­an­stal­tet hat –, kann­ten auch kei­ne per­fek­te Antriebs­art, die heu­te schon ver­füg­bar ist. Aber ihre Bot­schaft war: Macht was. Wir kön­nen nicht ewig mit Die­seln durch die Gegend fah­ren und war­ten, bis per­fek­te Lösun­gen vom Him­mel fal­len. Man muss was aus­pro­bie­ren. Das hat mich über­zeugt.

Was sind Ihre bis­he­ri­gen Erfah­run­gen mit Erd­gas-Fahr­zeu­gen?

Das Pro­blem ist die Reich­wei­te. Wir schaf­fen nur 300 bis 350 Kilo­me­ter. Das ist sehr wenig für einen Lkw-Fah­rer, der es gewohnt ist, mit Die­sel-Fahr­zeu­gen erst nach 800 oder 900 Kilo­me­tern wie­der tan­ken zu müs­sen. Weil wir ein regio­na­ler Groß­händ­ler mit dem Haupt­markt Ber­lin sind, geht es. Wir lie­fern maxi­mal bis nach Dres­den oder Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Im Fern­ver­kehr ist CNG kei­ne Alter­na­ti­ve. Dafür ist LNG – also ver­flüs­sig­tes Erd­gas – bes­ser. Damit fährt ein Lkw unge­fähr 1.000 Kilo­me­ter.

Meinrad Schmitt finanzierte sein BWL-Studium mit Lkw-Fahren. 1982 gründete er seinen Bio-Großhandel. Mittlerweile arbeiten in Berlin-Britz 350 Mitarbeiter für die Terra Naturkost Handels KG. Meinrad Schmitt ist zudem Mitglied der IHK-Vollversammlung
Mein­rad Schmitt finan­zier­te sein BWL-Stu­di­um mit Lkw-Fah­ren. 1982 grün­de­te er sei­nen Bio-Groß­han­del. Mitt­ler­wei­le arbei­ten in Ber­lin-Britz 350 Mit­ar­bei­ter für die Ter­ra Natur­kost Han­dels KG. Mein­rad Schmitt ist zudem Mit­glied der IHK-Voll­ver­samm­lung. Foto: Amin Akhtar

War­um haben Sie kei­ne LNG-Lkws ange­schafft?

LNG wird vor­wie­gend im ara­bi­schen Raum, in Aus­tra­li­en und in Neu­see­land pro­du­ziert. Es wür­de sich mit unse­rem Bekennt­nis zur Regio­na­li­tät bei­ßen, wenn wir Gas aus Neu­see­land impor­tie­ren. Außer­dem gibt es im Groß­raum Ber­lin nur eine ein­zi­ge Tank­stel­le für LNG, näm­lich in Grün­hei­de. Wir haben ein­mal ein Test­fahr­zeug bekom­men. Unser Fah­rer stand dann mor­gens ab fünf Uhr drei Stun­den lang in der Schlan­ge, um tan­ken zu kön­nen.

Ist das Tank­stel­len­an­ge­bot für CNG bes­ser?

Ja, da sind es immer­hin rund 15 Tank­stel­len.

Als Unter­neh­mer müs­sen Sie neben der Öko­lo­gie auch die Öko­no­mie im Blick behal­ten. Wie hoch sind die Mehr­kos­ten, die Sie für Erd­gas-Fahr­zeu­ge hin­neh­men müs­sen?

Erd­gas-Fahr­zeu­ge sind nicht teu­rer. Im Gegen­teil, der gefah­re­ne Kilo­me­ter ist sogar ein biss­chen bil­li­ger. Im Gegen­zug müs­sen wir häu­fi­ger tan­ken, und in die­ser Zeit muss ich den Fah­rer auch bezah­len. Ich den­ke, unter dem Strich gibt es kei­nen nen­nens­wer­ten Kos­ten­un­ter­schied zwi­schen Die­sel- und Erd­gas-Lkws.

Sind Sie zufrie­den mit dem Ange­bot an alter­na­ti­ven Antriebs­ar­ten, die die Lkw-Her­stel­ler auf den Markt brin­gen?

Nein, ich habe den Ein­druck, dass sie am liebs­ten wei­ter­hin nur Die­sel und Ben­zi­ner ver­kau­fen möch­ten. Das Enga­ge­ment für alter­na­ti­ve Antrie­be könn­te grö­ßer sein. Auf der ande­ren Sei­te muss man sagen: Die Mehr­heit der Spe­di­teu­re zeigt auch kein gro­ßes Inter­es­se an nach­hal­ti­ge­ren Fahr­zeu­gen. 

Wol­len Sie mit Ihrem Ein­satz für eine grü­ne Logis­tik Vor­bild sein?

Ich wür­de gern auf unse­rem Fir­men­ge­län­de in Britz eine Erd­gas­tank­stel­le auf­bau­en. Dazu muss ich aber selbst noch mehr Erd­gas-Fahr­zeu­ge anschaf­fen und Fir­men aus der Nach­bar­schaft moti­vie­ren, eben­falls die­sen Weg zu gehen. Den Break-even errei­chen wir bei 15 bis 20 Lkws, die regel­mä­ßig an der Sta­ti­on betankt wer­den müs­sen. Wenn ich damit einen Bei­trag für eine grü­ne­re Logis­tik in Ber­lin leis­ten kann, wür­de es mich freu­en.

Unter dem Strich gibt es kei­nen nen­nens­wer­ten Kos­ten­un­ter­scheid zwi­schen Die­­sel- und Erd­gas-Lkws.
Mein­rad Schmitt

Bie­tet die Digi­ta­li­sie­rung Mög­lich­kei­ten, die Logis­tik nach­hal­ti­ger zu machen – zum Bei­spiel durch Rou­ten­op­ti­mie­run­gen?

Es gibt schon inter­es­san­te Lösun­gen auf dem Markt. Aber die­se Pro­duk­te pas­sen nicht beson­ders gut zu uns. Wir sind eben ein regio­na­ler Händ­ler mit einem hohen Anteil sehr kur­zer Stre­cken. Wir fah­ren auch über die Dör­fer von Bran­den­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern und holen oft klei­ne­re Men­gen von klei­nen Bau­ern­hö­fen ab. Ins­ge­samt haben wir 15.000 ver­schie­de­ne Arti­kel im Ange­bot. Wir belie­fern den Bio-Fach­han­del, aber auch Restau­rants. Dabei müs­sen auch immer spe­zi­el­le Zei­ten berück­sich­tigt wer­den, zu denen die Kun­den belie­fert wer­den wol­len. Das ist eine gewal­ti­ge logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung.

Ist Digi­ta­li­sie­rung kein The­ma bei Ihnen?

Oh, doch. Wir haben gera­de das gan­ze Lager digi­ta­li­siert und eine Lager­soft­ware ein­ge­führt, sodass wir jetzt scan­ner­ge­stützt die Waren kom­mis­sio­nie­ren kön­nen. Wir haben drei Jah­re für die Ein­füh­rung benö­tigt. Die Ein­füh­rung eines Lkw-Navi­ga­ti­ons­sys­tems wird sicher­lich ein biss­chen ein­fa­cher. Aber wir brau­chen noch zwei oder drei Jah­re, um damit star­ten zu kön­nen. Unse­re vie­len klei­nen Lose kön­nen die digi­ta­len Sys­te­me heu­te noch nicht so gut abbil­den. 

Spü­ren Sie den Fach­kräf­te­man­gel?

Ja, vor andert­halb Jah­ren hat­ten wir des­halb eine ganz schwie­ri­ge Pha­se. Uns fehl­ten Fah­rer. Mitt­ler­wei­le beschäf­ti­gen wir eine Mit­ar­bei­te­rin, die sich aus­schließ­lich mit dem Recrui­t­ing beschäf­tigt. Jetzt haben wir wie­der genug Fah­rer. Dem all­ge­mei­nen demo­gra­fi­schen Wan­del begeg­nen wir durch eine eige­ne Aus­bil­dung von Fah­rern. Wir haben damit aber noch kei­ne guten Erfah­run­gen gemacht. Die Absprung­quo­te ist extrem hoch, und die Azu­bis sind zwei Jah­re lang fast gar nicht bei uns, son­dern nur im Fah­rer­trai­ning.

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