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„Der Verbraucher will Urbanität“

Buchhändlerin Martina Tittel ist Vorsitzende des IHK-Branchenausschusses Handel. Den Trend zum E-Commerce und steigende Gewerbemieten sieht sie als Bedrohung für städtische Zentren.
von Michael Gneuss Ausgabe 04/2020

Martina Tittel übernahm 2015 die Nicolaische Buchhandlung.
Martina Tittel übernahm 2015 die Nicolaische ­Buchhandlung. Von Juli 2000 bis Dezember 2006 war sie ­Geschäftsführerin des Dussmann Kulturkaufhauses. Foto: Amin Akhtar
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  • Martina Tittel sieht Chancen, E-Commerce und stationären Handel so zu verzahnen, dass alle profitieren.
  • Die Buchhändlerin fordert dafür faire Rahmenbedingungen von der Politik.

Mit ihrer Nico­la­i­schen Buch­hand­lung ist Mar­ti­na Tit­tel ein wich­ti­ger Bestand­teil des Ein­zel­han­dels im Frie­denau­er Kiez. Mit guten Kon­zep­ten kön­nen sta­tio­nä­re Laden­ge­schäf­te dem Wett­be­werb durch den Online­han­del trot­zen, meint die Geschäfts­füh­re­rin.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: Wie wich­tig ist für Ein­zel­händ­ler die Qua­li­tät des Umfelds in der jewei­li­gen Lage?

Mar­ti­na Tit­tel: Davon hängt eigent­lich alles ab. Frie­denau emp­fin­de ich schon fast wie eine Insel der Glück­se­li­gen. Hier gibt es neben eini­gen Filia­lis­ten noch sehr viel klein­tei­li­gen, inha­ber­ge­führ­ten Ein­zel­han­del. Das befruch­tet sich gegen­sei­tig und erzeugt wech­sel­sei­tig Fre­quenz. Sol­che intak­ten Struk­tu­ren sind heu­te aber auch zwin­gend not­wen­dig, damit der sta­tio­nä­re Han­del über­le­ben kann. Wenn ein Fre­quenz­brin­ger weg­geht, kann eine Ein­kaufs­stra­ße schnell ster­ben. Denn sobald ein Kun­den­ma­gnet die Stra­ße ver­lässt, lei­den die ver­blie­be­nen Händ­ler dar­un­ter, und dann bekom­men sehr schnell wei­te­re Läden Pro­ble­me.

War­um kommt es zu sol­chen Ent­wick­lun­gen?

Der sta­tio­nä­re Ein­zel­han­del kämpft im Moment vor allem gegen zwei Pro­ble­me. Das eine ist der Wett­be­werb gegen den Online­han­del. Das ande­re sind die stei­gen­den Gewer­be­mie­ten. Bei­de Ent­wick­lun­gen fin­de ich sehr bedau­er­lich. Wenn wir uns ein Klei­dungs­stück in vier ver­schie­de­nen Far­ben, jeweils in zwei Grö­ßen nach Hau­se schi­cken las­sen und am Ende sie­ben Tei­le zurück­sen­den, ist das nicht beson­ders öko­lo­gisch. Und für die Kieze heißt das: Das urba­ne Leben ist bedroht, denn die­se Ent­wick­lung redu­ziert die Pas­san­ten­fre­quenz, und das setzt auch der Gas­tro­no­mie zu.

Kann der sta­tio­nä­re Ein­zel­han­del etwas dage­gen tun?

Es ist durch­aus mög­lich, den sta­tio­nä­ren Han­del und den Online­han­del so zu ver­zah­nen, dass sich bei­des gegen­sei­tig befruch­tet. Bei­spiel: Ich selbst habe auch einen Online­shop. Mei­ne Kun­den kön­nen von zu Hau­se aus über das Inter­net bis 18 Uhr eine Bestel­lung auf­ge­ben und dann gleich am nächs­ten Tag das Buch in der Buch­hand­lung abho­len. Das ist ver­sand­kos­ten­frei, und die Schlan­gen sind bei mir längst nicht so lang wie im Post­shop. Das ist guter Kun­den­ser­vice, und es belebt städ­ti­sche Zen­tren. Ich hof­fe, dass die Coro­na-Kri­se den Leu­ten klar­macht, wie schön Ein­kau­fen im sta­tio­nä­ren Han­del ist.

Tradition in Friedenau: Die Nicolaische Buchhandlung wurde 1713 gegründet. Sie ist damit die älteste Buchhandlung Berlins
Tra­di­ti­on in Frie­denau: Die Nico­la­i­sche Buch­hand­lung wur­de 1713 gegrün­det. Sie ist damit die ältes­te Buch­hand­lung Ber­lins. Foto: Amin Akhtar

Und das ande­re Pro­blem ist, dass die Ein­zel­händ­ler die Mie­ten nicht mehr bezah­len kön­nen?

Eigent­lich müss­ten die Immo­bi­li­en­ei­gen­tü­mer ein Inter­es­se dar­an haben, dass ihre Objek­te ver­miet­bar blei­ben. Aber wir machen lei­der immer wie­der ganz ande­re Erfah­run­gen. Einer­seits betei­li­gen sich vie­le Ver­mie­ter nicht an Aktio­nen, mit denen die Stra­ßen attrak­tiv gehal­ten wer­den sol­len. Und es kommt auch vor, dass sie die Mie­te mal eben ver­dop­peln. Danach steht ein Laden ein Jahr oder sogar zwei oder drei Jah­re ein­fach leer. Ich weiß nicht, was Eigen­tü­mer davon haben. Geschäfts­stra­ßen wer­den durch leer ste­hen­de Läden jeden­falls nicht inter­es­san­ter.

Sie sind Vor­sit­zen­de des IHK-Bran­chen­ver­ban­des Han­del. Sind Gewer­be­mie­ten und Online­han­del die The­men, die die Mit­glie­der dort am meis­ten bewe­gen?

Ja, der Online­han­del ist für vie­le sta­tio­nä­re Händ­ler ein sehr wich­ti­ges The­ma. Die Gewer­be­mie­ten aber auch. Wir haben als Gewer­be­mie­ter kei­nen Schutz. Hür­den bei Miet­erhö­hun­gen – wie bei pri­va­ten Miet­ver­trä­gen – gibt es für Gewer­be­ver­mie­ter nicht. Es wird meist­bie­tend ver­mie­tet. Wer unbe­quem ist, fliegt raus, sobald der Ver­trag aus­läuft. Eines Tages wer­den sich die Immo­bi­li­en­ge­sell­schaf­ten oder Haus­be­sit­zer aber nach sol­ven­ten Gewer­be­mie­tern für Laden­lo­ka­le seh­nen – näm­lich dann, wenn der Online­han­del noch stär­ker gewor­den ist.

Ich hof­fe, dass die Coro­­na-Kri­­se den Leu­ten klar­macht, wie schön Ein­kau­fen im sta­tio­nä­ren Han­del ist.
Mar­ti­na Tit­tel

Dann wer­den aus den Laden­lo­ka­len Büros gemacht.

Ja, oder die Paket­ver­sen­der mie­ten Laden­lo­ka­le an, um Paket­abla­de­sta­tio­nen zu instal­lie­ren. Das ist aber eine häss­li­che Visi­on der Zukunft …

… die Ver­brau­cher auch nicht möch­ten.

Natür­lich nicht. Der Ver­brau­cher will Urba­ni­tät. Er will abends um die Ecke gehen und sein Bier­chen trin­ken oder zu sei­nem Lieb­lings­ita­lie­ner gehen. Und der will am Tag Läden in sei­ner Nähe haben. Er liebt es, im Laden mit Namen begrüßt zu wer­den und ein Schwätz­chen mit ver­trau­ten Men­schen zu hal­ten. Das ist mensch­li­che Nähe, die nicht von gro­ßen Filia­lis­ten erbracht wer­den kann und vom Online­han­del schon gar nicht.

Was kön­nen Ein­zel­händ­ler selbst unter­neh­men, um Geschäfts­stra­ßen attrak­ti­ver zu machen?

Wir müs­sen fai­re­re Rah­men­be­din­gun­gen for­dern. Online­händ­ler kön­nen an sie­ben Tagen 24 Stun­den lang ver­kau­fen. Sta­tio­nä­re Händ­ler haben stren­ge Regeln zum Laden­schluss zu beach­ten. Wir brau­chen mehr Frei­hei­ten, zum Bei­spiel in punc­to Sonn­tags­öff­nun­gen. Grund­sätz­lich muss man unter­schei­den zwi­schen Ober­zen­tren – Ku’damm und Tau­ent­zi­en im Wes­ten, Fried­rich­stra­ße im Osten – sowie Sub­zen­tren. Dazwi­schen gibt es noch über­ge­ord­ne­te Zen­tren wie die Schloß­stra­ße. In Sub­zen­tren ist der Ein­fluss ein­zel­ner Händ­ler grö­ßer. Im Prin­zip hängt die Bereit­schaft der Ein­zel­händ­ler, etwas zu tun, davon ab, wie gut die Geschäfts­stra­ße funk­tio­niert. Es kommt auch auf die Struk­tur an. Je mehr inha­ber­ge­führ­te Läden, des­to grö­ßer ist das Enga­ge­ment. Fili­al­lei­ter haben in der Regel kei­nen so gro­ßen Spiel­raum. Oft betei­li­gen sie sich auch nicht an Weih­nachts­be­leuch­tun­gen.

Ehrenamtlich engagiert sich Martina Tittel als Vorsitzende des Handelsausschusses der IHK Berlin und Mitglied im DIHK-Handelsausschuss.
Ehren­amt­lich enga­giert sich Mar­ti­na Tit­tel als Vor­sit­zen­de des Han­dels­aus­schus­ses der IHK Ber­lin und Mit­glied im DIHK-Han­dels­aus­schuss. Foto: Amin Akhtar

Gibt es posi­ti­ve Bei­spie­le für das Enga­ge­ment von Ein­zel­händ­lern?

Im Rah­men der Zen­tren-Initia­ti­ve „Mit­ten­drIn Ber­lin!“ wer­den vie­le sehr beein­dru­cken­de Kon­zep­te ent­wi­ckelt. Ich habe schon Anfang der 2000er-Jah­re als Geschäfts­füh­re­rin des Duss­mann Kul­tur­kauf­hau­ses dar­an teil­ge­nom­men und gewon­nen. Die Teil­neh­mer müs­sen sich anstren­gen, um in die­sem Wett­be­werb ein gutes Kon­zept auf den Plan zu brin­gen. Und die Sie­ger bekom­men Geld für die Umset­zung. Das bringt Zen­tren vor­an.

Wel­che Zen­tren haben die bes­ten Chan­cen?

Ent­schei­dend sind zwei Fak­to­ren: die Waren­viel­falt und die ver­kehr­li­che Erreich­bar­keit. Die Schloß­stra­ße funk­tio­niert des­halb recht gut. Bei den Shop­ping-Cen­tern sehen wir, dass klei­ne­re, die nicht so gut ange­bun­den sind, drin­gend neue Kon­zep­te brau­chen. Ange­bo­te für die Frei­zeit­ge­stal­tung, Ärz­te­zen­tren, Restau­rants sind Mög­lich­kei­ten, wie­der mehr Fre­quenz in die­se Cen­ter zu brin­gen. Das Biki­ni Ber­lin zeigt, dass gute Gas­tro­no­mie zum Magnet wer­den kann. Im Moment gibt es zu vie­le Shop­ping-Cen­ter mit iden­ti­schen Kon­zep­ten, das macht sie lang­wei­lig.

Wel­che Chan­cen haben Geschäfts­stra­ßen in Sub­zen­tren?

Das hängt auch vom Nach­wuchs ab. Vie­le inha­ber­ge­führ­te Läden ste­hen vor dem Über­gang an die nächs­te Genera­ti­on. Aber oft sind kei­ne Kin­der da. Oder die Töch­ter und Söh­ne wol­len lie­ber ande­re Beru­fe ergrei­fen. Ich bin den­noch zuver­sicht­lich.

Wor­auf beruht Ihre Zuver­sicht?

Der Ein­zel­han­del bil­det sehr gut und sehr viel aus. Es wird immer auch sol­che geben, die nicht für ande­re arbei­ten wol­len und sich selbst­stän­dig machen. Für die ist die Über­nah­me eines gut ein­ge­führ­ten Laden­ge­schäfts lukra­tiv. Ich sehe das in mei­ner Bran­che: Was in Ber­lin an Buch­hand­lun­gen und Ver­la­gen auf­ge­macht wird – da reibt man sich die Augen.

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