Das Magazin der IHK Berlin

Schwer­punkt

Metropole voller kleiner Städte

Gut 3,7 Millionen Einwohner, 892 Quadratkilometer Fläche: Berlin ist ein Riese. Geprägt aber wird die Hauptstadt durch ihre Kieze, für die sich viele Unternehmer engagieren. Die Initiative „MittendrIn Berlin! Projekte in Berliner Zentren“ hilft dabei.
von Almut Kaspar Ausgabe 04/2020

Aus der Luft wirkt Berlin wie ein großes Ganzes. Eine Stärke der Stadt aber ist das Polyzentrische.
Aus der Luft wirkt Berlin wie ein großes Ganzes. Eine Stärke der Stadt aber ist das Polyzentrische. Foto: Getty Images/Rico Wasikowski
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Seit 2005 haben 29 Standortkooperationen und Gewerbegemeinschaften als Preisträger des „MittendrIn Berlin!“-Wettbewerbs ihre Ideen umgesetzt.
  • Bis heute wurden in Summe mehr als 1,3 Millionen Euro an Preisgeldern ausgeschüttet.

Das Niko­lai­vier­tel mit sechs Muse­en, einem klei­nen Thea­ter, rund 30 gas­tro­no­mi­schen Betrie­ben und 40 Geschäf­ten gehört zu den ältes­ten Sied­lungs­ge­bie­ten Ber­lins. Seit Jah­ren ist das tou­ris­ti­sche Klein­od – eine nun unter Denk­mal­schutz ste­hen­de win­zi­ge Stadt in der Stadt – von Bau­stel­len ein­ge­kes­selt. Des­halb schlos­sen sich Gewer­be­trei­ben­de, Anwoh­ner und Kul­tur­schaf­fen­de 2017 zur Inter­es­sen­ge­mein­schaft Niko­lai­vier­tel zusam­men. Gemein­sa­mes Ziel: das Quar­tier zwi­schen Span­dau­er Stra­ße und Spree im Orts­teil Mit­te attrak­ti­ver machen. Mit der Pro­jekt­idee, dem Niko­lai­vier­tel mit sei­nen Läden, gas­tro­no­mi­schen Betrie­ben und Sehens­wür­dig­kei­ten einen ein­heit­li­chen digi­ta­len Auf­tritt zu ver­schaf­fen, nahm der Ver­ein schließ­lich am aktu­el­len Durch­lauf 2019/20 des Wett­be­werbs „Mit­ten­drIn Ber­lin! Pro­jek­te in Ber­li­ner Zen­tren“ teil. Der wird seit 2005 vom Land Ber­lin in enger Koope­ra­ti­on mit der IHK Ber­lin und Unter­neh­men der pri­va­ten Wirt­schaft aus­ge­rich­tet.

Fra­gen?

Kon­tak­tie­ren Sie unse­re IHK-Exper­ten

Chris­tof Deit­mar
Jetzt kon­tak­tie­ren

Auf einem „Mit­ten­drIn vor Ort“-Treffen mit 200 Gäs­ten in der Niko­lai­kir­che war dann das Kon­zept prä­sen­tiert und wei­ter aus­ge­ar­bei­tet wor­den. „Da ging es zum Bei­spiel um die vir­tu­el­le Model­lie­rung des Vier­tels und einen Rund­gang via App, um unse­re Stadt­füh­re­rin als Ava­tar oder um das Vier­tel als Mar­ke und klei­ne Smart City“, erläu­tert Grei­ner-Bäu­er­le. „Wir sind stolz dar­auf, dass wir für die­ses Pro­jekt die Exper­ti­se der Ber­li­ner Hoch­schu­len gewin­nen konn­ten.“

„Nach unse­rem Besuch der Auf­takt­ver­an­stal­tung bei der IHK im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res stand fest: Da machen wir mit“, sagt Annett ­Grei­ner-Bäu­er­le, 1. Vor­sit­zen­de der IG ­Niko­lai­vier­tel und geschäfts­füh­ren­de Inha­be­rin des Brau­hau­ses Georg­bra­eu. In einer Kurz­be­wer­bung skiz­zier­te der Ver­eins­vor­stand sei­ne Idee, die schließ­lich im August die Jury über­zeug­te: Von ins­ge­samt 28 Pro­jekt­teams wur­den neben der IG Niko­lai­vier­tel sie­ben wei­te­re für die zwei­te Run­de von „Mit­ten­drIn Ber­lin!“ nomi­niert.

Timo Herzberg ist CEO Deutschland der Signa Group
Timo Herz­berg ist CEO Deutsch­land der Signa Group. Er sitzt in der Jury des Wett­be­werbs „Mit­ten­drIn Ber­lin!“, den Signa als Part­ner unter­stützt, auch mit finan­zi­el­len Mit­teln. Wie er sagt, gin­ge es im Kern dar­um, Innen­städ­te attrak­tiv zu machen und lebens­wer­te Orte für alle zu schaf­fen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Gemein­sa­me Web­site für das Quar­tier

Dass die IG Niko­lai­vier­tel zum Schluss nicht unter den drei Sie­ger-Teams war, nimmt die Georg­bra­eu-Che­fin eher sport­lich: „Wir wis­sen jetzt, was wir kön­nen, und wir wis­sen – auch wenn wir nicht gewon­nen haben –, dass wir auf dem rich­ti­gen Weg sind.“ Also wer­de man wei­ter­ma­chen und nun eben nach Spon­so­ren suchen, um zunächst die gemein­sa­me Web­site aus­zu­bau­en. „Dar­auf soll die inter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on der rund 2.000 Men­schen hier im Quar­tier lau­fen, dann die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach außen zu den benach­bar­ten Initia­ti­ven und zur Poli­tik, und nicht zuletzt sol­len Besu­cher, Gäs­te und Inter­es­sier­te umfas­send über unser Vier­tel infor­miert wer­den – vor allem über einen digi­ta­len Rund­gang, wo man per App bestimm­te Punk­te ansteu­ern kann und dann in der gewünsch­ten Spra­che dazu alle Infor­ma­tio­nen erhält.“ Ein ande­res Pro­jekt wer­de eben­falls wei­ter­ver­folgt: „Wir kämp­fen dar­um, dass der im Bau befind­li­che U-Bahn­hof Rotes Rat­haus den Zusatz Niko­lai­vier­tel erhält – damit wür­de Ber­lins Grün­dungs­ort end­lich auf­ge­wer­tet.“

Kieze machen den Spi­rit der Stadt aus

Nut­zungs­ge­misch­te Quar­tie­re wie das Niko­lai­vier­tel, die gleich­zei­tig auch Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mit­tel­punk­te für Bewoh­ner, Gewer­be­trei­ben­de, Gas­tro­no­men, Dienst­leis­ter, Krea­ti­ve und Besu­cher sind, prä­gen den Cha­rak­ter der Stadt, die mit ihren ver­schie­de­nen Zen­tren, Kie­zen und Ein­kaufs­stand­or­ten in einer ein­zig­ar­ti­gen Viel­falt glänzt. „Ber­lins Kieze, die Viel­zahl und Unter­schied­lich­keit der städ­ti­schen Zen­tren und Geschäfts­stra­ßen machen seit jeher den Spi­rit der Stadt aus“, sagt Regu­la Lüscher, Senats­bau­di­rek­to­rin und Staats­se­kre­tä­rin in der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen. Ber­lin sei poly­zen­tral, hier wer­de man nie­mals wie in Mün­chen oder Ham­burg hören: Wir gehen heu­te in die Stadt. Die städ­te­bau­li­che Ent­wick­lung Ber­lins zei­ge sich ganz beson­ders in ihren Zen­tren, ihrer bau­li­chen Viel­schich­tig­keit und kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­än­de­rung. „Das ist ein gro­ßes Pfund, das die Lebens­qua­li­tät in Ber­lin ent­schei­dend mit­prägt.“

Nach der Auf­takt­ver­an­stal­tung von ,Mit­ten­drin‘ bei der IHK stand fest: Da machen wir mit.
Annett Grei­­ner-Bäu­er­­le, 1. Vor­sit­zen­de der IG Niko­lai­vier­tel

Damit Stadt­ent­wick­lung auf die­se Poly­zen­tra­li­tät ein­wir­ken und sie stär­ken kann, gebe es ver­schie­de­ne Instru­men­te, sagt Regu­la Lüscher: „Zum Bei­spiel den Stadt­ent­wick­lungs­plan Zen­tren 2030, den der Senat im letz­ten Jahr beschlos­sen hat – er zielt als pla­ne­ri­sches Instru­ment dar­auf, die Inves­ti­tio­nen im Ein­zel­han­del so ver­träg­lich zu steu­ern, dass das Zen­tren­ge­fü­ge auch im Zeit­al­ter des Online­han­dels sta­bil bleibt.“ Oder das Bund-Län­der-Pro­gramm „Akti­ve Zen­tren“. „Die­ses erlaubt uns, Impul­se zur wirt­schaft­li­chen und stadt­struk­tu­rel­len Stär­kung aus­ge­wähl­ter Geschäfts­stra­ßen zu set­zen.“

Wer auf der Auto­bahn in die Haupt­stadt kommt, wird über die blau­en Schil­der nicht in ein Stadt­zen­trum gelei­tet, son­dern gleich in zwei: Ber­lin-Zen­trum (Zoo) und Ber­lin-Zen­trum (Alex­an­der­platz). Die City West mit Tauentzienstraße/Kurfürstendamm und Wil­mers­dor­fer Stra­ße und die City Ost mit Pots­da­mer Platz/Leipziger Platz, Fried­rich­stra­ße und Alex­an­der­platz sind laut Stadt­ent­wick­lungs­plan (StEP) Zen­tren 2030 die bei­den Zen­trums­be­reichs­ker­ne. Als Haupt­zen­tren defi­niert der StEP bei­spiels­wei­se die Ste­glit­zer Schloß­stra­ße oder die Alt­stadt Span­dau, als Stadt­teil­zen­tren etwa die Schön­hau­ser Allee oder den Tem­pel­ho­fer Damm. Dane­ben gibt es Orts­teil­zen­tren wie den Theo­dor-Heuss-Platz oder die Alt­stadt Köpe­nick, aber auch Kieze wie das Rhein­gau­vier­tel oder Helm­holtz- und Koll­witz­platz, die im StEP aller­dings kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den.

Damit die­se Quar­tie­re ihre Poten­zia­le aus­spie­len kön­nen, braucht es das Enga­ge­ment von Men­schen und Unter­neh­men vor Ort. „Es funk­tio­niert immer dann beson­ders gut, wenn die enga­gier­ten Gewer­be­trei­ben­den, Händ­ler und Anwoh­ner selbst krea­tiv wer­den oder sich mit Krea­ti­ven ver­bün­den“, erläu­tert Staats­se­kre­tä­rin Lüscher, deren Senats­ver­wal­tung Mit­in­itia­tor und Part­ner von „Mit­ten­drIn Ber­lin!“ ist. „Die Pro­jek­te, die wir in die­sem Wett­be­werbs­durch­gang nomi­niert haben, und die, die jetzt gewon­nen haben, sind dafür aus­ge­zeich­ne­te Bei­spie­le.“

Christian Zech ist Inhaber von Krumme Lanke Brillen
Chris­ti­an Zech ist Inha­ber von Krum­me Lan­ke Bril­len. Seit 30 Jah­ren betreibt der Zehlen­dor­fer sein Optik­ge­schäft im Süd­wes­ten der Stadt. 2007 erhielt eine von ihm gegrün­de­te Geschäfts­leu­te-Initia­ti­ve für ihr Pro­jekt zur Umfeld­ver­schö­ne­rung den Son­der­preis beim „MittendrIn“-Wettbewerb Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Ins­ge­samt 1,3 Mio. Euro für 29 Preis­trä­ger

Seit 2005 haben ins­ge­samt 191 Stand­ort­ko­ope­ra­tio­nen und Gewer­be­ge­mein­schaf­ten am „Mit­ten­drIn Berlin!“-Wettbewerb teil­ge­nom­men, 29 Preis­trä­ger konn­ten ihre Ide­en umset­zen, wofür mehr als 1,3 Mio. Euro an Preis­gel­dern aus­ge­schüt­tet wur­den. „Die­ser Wett­be­werb ist ein leben­di­ges Bei­spiel dafür, dass die Zusam­men­ar­beit zwi­schen den ver­schie­de­nen Akteu­ren in der Poli­tik, der Ver­wal­tung und der Wirt­schaft gelin­gen kann“, sagt Chris­tof Deit­mar, Exper­te für Stadt­ent­wick­lung bei der IHK Ber­lin.

Von Anfang an hät­ten die IHK Ber­lin und die Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung als Initia­to­ren dar­auf gesetzt, Unter­stüt­zer aus der pri­va­ten Wirt­schaft als ech­te Part­ner mit ins Boot zu holen. „Sie kön­nen den Akteu­ren vor Ort oft­mals mit Tipps aus der Pra­xis wei­ter­hel­fen – so unter­stüt­zen bei­spiels­wei­se die „Ber­li­ner Woche“, Strö­er oder City Clean in Fra­gen des Mar­ke­tings, und auch die loka­len Händ­ler von Ede­ka und REWE sind stets wich­ti­ge Koope­ra­ti­ons­part­ner.“

In der „Mit­ten­drIn Berlin!“-Jury sitzt auch Timo Herz­berg, Deutsch­land-Chef der öster­rei­chi­schen Signa, die Immo­bi­li­en­pro­jek­te ent­wi­ckelt und die Kauf­häu­ser von Gale­ria Kar­stadt Kauf­hof betreibt. „Wir enga­gie­ren uns als Part­ner des ,MittendrIn‘-Wettbewerbs, weil es im Kern dar­um geht, lebens­wer­te Orte für alle zu schaf­fen“, sagt Herz­berg, „denn auch Signa will Innen­städ­te lebens­wert und attrak­tiv machen.“ Weil die öffent­li­chen Mit­tel bekannt­lich knapp sei­en, unter­stüt­ze Signa den Wett­be­werb auch finan­zi­ell, „damit die Gewin­ner-Pro­jek­te die Mit­tel bekom­men, um ihre Vor­ha­ben umset­zen zu kön­nen“. Ber­lin sei für Signa ein tol­ler Stand­ort, so der Immo­bi­li­en-Mana­ger: „Die Stadt wächst und ist attrak­tiv, weil es nicht nur ein urba­nes Zen­trum gibt, son­dern vie­le hete­ro­ge­ne Orte mit Infra­struk­tur und kur­zen Wegen.“

Inen­städ­te brau­chen mehr Funk­tio­nen

Mit den Gale­ria-Kar­stadt-Kauf­hof-Häu­sern sei man an vie­len Orten prä­sent in Ber­lin und habe damit auch eine Ver­ant­wor­tung für die posi­ti­ve Ent­wick­lung der ver­schie­de­nen Zen­tren, die sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten lei­der zu mono­struk­tu­rel­len und aus­tausch­ba­ren Orten ent­wi­ckelt hät­ten. „Wir glau­ben, dass eine Innen­stadt wie­der meh­re­re Funk­tio­nen haben muss“, sagt Signa-Deutsch­land-Chef Herz­berg, „und das sind: Nah­ver­sor­gung, Arbei­ten, Woh­nen, Gas­tro­no­mie und Unter­hal­tung – bei größt­mög­li­cher Indi­vi­dua­li­sie­rung und Regio­na­li­tät.“

Der Preis bei ‚Mit­ten­drIn‘ war ganz wich­tig, weil der Bezirk uns nun auch ernst neh­men muss­te.
Chris­ti­an Zech

So sol­len nicht nur die Waren­häu­ser am Kur­fürs­ten­damm und am Alex­an­der­platz ent­spre­chend umge­baut wer­den, am Kar­stadt-Stand­ort Her­mann­platz will Signa sogar ein ganz neu­es, gemischt genutz­tes Quar­tier ent­ste­hen las­sen. Neben der Nah­ver­sor­gung mit Waren­haus und Dienst­leis­tun­gen soll es dort zudem Flä­chen für Büros, Woh­nun­gen, Sport, Gas­tro­no­mie und loka­le Insti­tu­tio­nen wie Ver­ei­ne oder sozia­le Ein­rich­tun­gen geben. Auch eine allen zugäng­li­che Dach­ter­ras­se ist vor­ge­se­hen.

„Die klas­si­schen Waren­haus-Kon­zep­te von frü­her sind über­holt“, sagt Timo Herz­berg, „aber wir glau­ben an die Renais­sance des Kauf­hau­ses, weil das The­ma ,Alles unter einem Dach‘ so aktu­ell ist wie nie.“ Durch die gemisch­te Nut­zung erhö­he sich die Besu­cher-Fre­quenz, und dadurch pro­fi­tie­re wie­der­um der sta­tio­nä­re Han­del. Durch Omnich­an­nel-Pro­jek­te kön­nen Kun­den künf­tig Pro­duk­te online bestel­len und im Waren­haus abho­len oder vor Ort Online-Bestel­lun­gen auf­ge­ben, die dann nach Hau­se gelie­fert wer­den – und bei Nicht­ge­fal­len auch wie­der im Kauf­haus abge­lie­fert wer­den kön­nen. „Die­se naht­lo­sen Ein­kaufs­er­leb­nis­se, wie wir sie nen­nen, ver­zah­nen über das sta­tio­nä­re Waren­haus den digi­ta­len Han­del mit dem ana­lo­gen Han­del und stär­ken dadurch die städ­ti­schen Zen­tren.“

Die­se Zen­tren, weiß IHK-Exper­te ­Chris­tof Deit­mar, leb­ten ganz wesent­lich vom Ide­en­reich­tum der loka­len Initia­ti­ven. „Mit ­‚Mit­ten­drIn ­Ber­lin!‘ gelingt es uns, unter­schied­li­che Grup­pen vor Ort zusam­men­zu­brin­gen, die sich auf ein gemein­sa­mes Ziel für ihren Stand­ort ver­stän­di­gen und ein­set­zen.“ Durch deren kon­kre­te Pro­jekt­ar­beit wür­den auch die Kon­tak­te in die ­Bezirks­äm­ter gestärkt. „Hier sind die bezirk­li­chen Wirt­schafts­för­de­run­gen seit vie­len Jah­ren ver­läss­li­che und enga­gier­te Part­ner, ohne deren Unter­stüt­zung wohl kei­nes der bis­he­ri­gen 29 Gewin­ner-Pro­jek­te erfolg­reich hät­te umge­setzt wer­den kön­nen.“

Seit fast 30 Jah­ren hat Opti­ker ­Chris­ti­an Zech sei­nen Laden „Krum­me Lan­ke Bril­len“ am U-Bahn­hof Krum­me Lan­ke in Zehlen­dorf. „Von Anfang an habe ich immer wie­der beim Bezirk nach­ge­fragt, was man mit die­sem Bahn­hofs­vor­platz machen kann“, sagt Zech, „und da hieß es regel­mä­ßig, es sei kein Geld dafür da.“ Der deso­la­te Platz mit einem rie­si­gen unge­pfleg­ten Hoch­beet, aus dem die Stei­ne bra­chen, und bil­ligs­tem Busch­wuchs war voll­ge­müllt mit kaput­ten Fahr­rad­stän­dern, zwei alten Tele­fon­zel­len, Schil­dern, Lit­faß­säu­len und Brief­käs­ten. „Von die­sem Schrott-Platz aus war der wun­der­schö­ne End­bahn­hof, immer­hin ein Tor nach Ber­lin, kaum zu sehen.“ Mit ört­li­chen Händ­lern, Geschäfts­leu­ten und Inha­bern von Pra­xen grün­de­te der Opti­ker schließ­lich die Krum­me Lan­ke Inter­es­sen­ge­mein­schaft (KLIG), um den Umbau des Vor­plat­zes, der zum Teil dem Bezirk, zum Teil einer Eigen­tü­mer­ge­mein­schaft angren­zen­der Immo­bi­li­en gehört, selbst in die Hand zu neh­men.

Regula Lüscher ist Senatsbaudirektorin
Regu­la Lüscher ist Senats­bau­di­rek­to­rin. Die Staats­se­kre­tä­rin in der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen för­dert Ber­lins Poly­zen­tra­li­tät. Ihre Ver­wal­tung ist Mit­in­itia­to­rin und Part­ne­rin der Zen­tren-Initia­ti­ve „Mit­ten­drIn“, für die sich auch die IHK enga­giert. Foto: pa/dpa

KLIG-Mit­glie­der räum­ten damals den Müll weg und leg­ten neue Bee­te an – bis die Stand­ort­ge­mein­schaft 2007 für ihr Pro­jekt „Krum­me Lan­ke – Das Tor nach Ber­lin soll schö­ner wer­den“ von „Mit­ten­drIn Ber­lin!“ mit einem Son­der­preis aus­ge­zeich­net wur­de. Mit dem Gewinn ver­an­stal­te­te man ein wei­te­res Stra­ßen­fest, auf dem Spen­den für die Bau­maß­nah­men gesam­melt wur­den, die Pres­se berich­te­te, die Auf­merk­sam­keit war hoch.

„Die­ser Preis war ganz wich­tig für uns“, sagt Chris­ti­an Zech, „weil der Bezirk nun nicht mehr an uns vor­bei­kam – wahr­ge­nom­men hat­te man uns immer, jetzt muss­te man uns auch ernst neh­men.“ Ergeb­nis: In den bezirk­li­chen Gre­mi­en konn­te die KLIG end­lich ihre Kon­zep­te für den Umbau prä­sen­tie­ren. Ers­te Vor­schlä­ge wur­den zunächst abge­lehnt, bis schließ­lich ein Plan den Zuschlag bekam, vom dem Zech zuerst den Bau­stadt­rat des Bezirks hat­te über­zeu­gen kön­nen.

2017 began­nen die Umbau­ar­bei­ten, die Kos­ten von weit über 500.000 Euro teil­ten sich der Bezirk und die Eigen­tü­mer­ge­mein­schaft, und die KLIG steu­er­te zudem über 100.000 Euro bei – für ein Natur­stein­pflas­ter, für eine bes­se­re Beleuch­tung, „also für alles, was den Platz schi­cker und schö­ner gemacht hat“. Jetzt heißt der Vor­platz – auch dies ein Vor­schlag der KLIG – Alfred-Gren­an­der-Platz, benannt nach dem schwe­di­schen Archi­tek­ten, nach des­sen Ent­wür­fen 70 Ber­li­ner U-Bahn­hö­fe gebaut wur­den, dar­un­ter auch Krum­me Lan­ke. Das ehren­amt­li­che Enga­ge­ment des KLIG-Initia­tors Chris­ti­an Zech für die Neu­ge­stal­tung des Plat­zes wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr eben­falls belohnt – mit dem sil­ber­nen Bezirks­ab­zei­chen Zehlen­dorfs.

Einen Lohn für ihre Ide­en zur Stand­ort­ent­wick­lung gab es im aktu­el­len „Mit­ten­drIn Berlin!“-Wettbewerb auch für drei der acht nomi­nier­ten Teams, die von der Jury als Sie­ger aus­ge­zeich­net wur­den: die Initia­ti­ve „Wil­helm gibt kei­ne Ruh“, die die Haupt­stra­ße im Pan­kower Orts­teil Wil­helms­ruh zum leben­di­gen Mit­tel­punkt ihres Kiezes machen will, der Bür­ger­ver­ein in der Gar­ten­stadt Froh­nau, der für das Zen­trum des Rei­ni­cken­dor­fer Orts­teils ein städ­te­bau­li­ches Gesamt­kon­zept ent­wi­ckelt, und das Netz­werk Süd-West Ber­lin, das sich für ein plas­tik­frei­es Rhein­gau­vier­tel in Char­lot­ten­burg-Wil­mers­dorf ein­setzt. Sie erhal­ten nun pro­fes­sio­nel­le Unter­stüt­zung bei der Erar­bei­tung eines Mas­ter­plans und bekom­men dafür bis zu 30.000 Euro sowie ein zusätz­li­ches Bud­get von 10.000 Euro für die Umset­zung ers­ter Ide­en und Pro­jek­te.

Der Sieg im Wett­be­werb gibt uns die Ernst­haf­tig­keit, um im Vier­tel wahr­ge­nom­men zu wer­den.
Dési­rée Gia­nel­la, Vor­stand Netz­werk ­Süd-West Ber­lin

Rhein­gau­vier­tel will plas­tik­frei wer­den

Dési­rée Gia­nel­la, Inha­be­rin des Kin­der-Out­door- Shops „Gras­hüp­fer“, und ihre Mit­strei­te­rin, die Foto­gra­fen­meis­te­rin Tan­ja Füge­ner, ste­hen dem Ver­ein Netz­werk Süd-West Ber­lin vor, der im Herbst 2018 auch des­halb gegrün­det wur­de, um mit dem Pro­jekt „Plas­tik­frei­es Rhein­gau­vier­tel“ am „MittendrIn“-Wettbewerb teil­zu­neh­men. „Wir ver­ste­hen uns als Forum hier am Rüdes­hei­mer Platz, um die ver­schie­de­nen Akteu­re an einen Tisch zu krie­gen“, sagt Dési­rée Gia­nel­la, „zum einen die Anwoh­ner, die ein­kau­fen gehen, und zum ande­ren natür­lich die Unter­neh­men und Gewer­be­trei­ben­den, die Ide­en für einen plas­tik­frei­en Ein­kauf bei­gesteu­ert haben.“

So füllt zum Bei­spiel der Fri­seur Mat­thi­as Jung-Kipsch Sham­poos in wie­der­ver­wend­ba­re Glas­fla­schen und hat Ein­mal-Dau­er­well-Hau­ben gegen alter­na­ti­ve Hau­ben aus­ge­tauscht, die man immer wie­der waschen kann, Frank Volk­mann vom Café Lot­te plant, Bio-Becher fürs Eis und nach­hal­ti­ge Cof­fee-to-go-Becher ein­zu­füh­ren. Die Inha­ber von „Glas macht Spaß!“ haben Trink­hal­me aus Glas im Ange­bot, und „Grashüpfer“-Chefin Gia­nel­la ver­kauft Baum­woll­tü­cher, die mit Bie­nen­wachs, Baum­harz und Jojoba­öl beschich­tet sind und Alu- und Frisch­hal­te­fo­li­en erset­zen. Bei den Was­ser­be­trie­ben ist ein Trink­brun­nen für den Rüdes­hei­mer Platz bean­tragt wor­den, wo man mit­ge­brach­te Glas­fla­schen befül­len kann, und irgend­wann soll es sogar einen kiez­ge­mein­schaft­li­chen „Unverpackt“-Laden geben. „Das ist ein bun­ter Strauß von Ide­en, die wir da ent­wi­ckelt haben, und das Pro­jekt hat rich­tig Schwung in unser Vier­tel gebracht.“ Als Schirm­herrn konn­te das Netz­werk Bezirks­bür­ger­meis­ter Rein­hard Nau­mann gewin­nen.

Pro­jekt erzeugt Gemein­schafts­ge­fühl

Wie geht es jetzt wei­ter? „Wir war­ten noch auf die Zuwei­sung eines Fach­bü­ros, das uns für bis zu 30.000 Euro aktiv und pro­fes­sio­nell unter­stüt­zen soll“, sagt Tan­ja Füge­ner, „und die 10.000 Euro, die uns jetzt schon zur Ver­fü­gung ste­hen, wer­den wir unter ande­rem für die Krea­ti­on und Her­stel­lung eines Logos ver­wen­den, mit dem alle betei­lig­ten Unter­neh­men und Läden kennt­lich gemacht wer­den.“ Finan­ziert wer­den sol­len davon auch Jute-Bäu­me oder -Zwei­ge, von denen sich Kun­den Jute­ta­schen mit dem Logo neh­men kön­nen – die sie dann bei nächs­ter Gele­gen­heit dort wie­der auf­hän­gen.

„Der Sieg im Wett­be­werb“, so Dési­rée ­Gia­nel­la, „gibt uns die Ernst­haf­tig­keit, die wir als Ver­ein brau­chen, um von den Gewer­be­trei­ben­den im Vier­tel wahr­ge­nom­men zu wer­den, damit wir wei­ter­wach­sen.“ Das prä­mier­te Pro­jekt habe in dem Wil­mers­dor­fer Quar­tier ein star­kes Gemein­schafts­ge­fühl ent­ste­hen las­sen, „so etwas schweißt natür­lich zusam­men, was dem Vier­tel mit Sicher­heit zugu­te­kommt“.

Das könnte Sie auch interessieren – weitere Artikel dieser Kategorie


Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und informiert bleiben!