Das Magazin der IHK Berlin

Schwer­punkt

Fachkräfte willkommen

Berliner Unternehmen kommen vielfach schon heute nicht ohne ausländische Mitarbeiter aus – und in Zukunft noch viel weniger. Wichtig ist, dass Politik und Behörden ihnen so wenige Hürden wie möglich in den Weg legen.
von Eli Hamacher Ausgabe 06/2019

Internationale Belegschaft bei Wooga: HR-Managerin Pia Rathor (M.) mit Alyssa Soomphong (l.) und Zeba Khalil
Internationale Belegschaft bei Wooga: HR-Managerin Pia Rathor (M.) mit Alyssa Soomphong (l.) und Zeba Khalil. Foto: Christian Kielmann
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist bereits in Arbeit.
  • Schon heute kommen viele Unternehmen kaum ohne Zuwachs aus dem Ausland aus.

Mat­thew Crop­ley hat­te Woo­ga gera­de noch gefehlt. Anfang April stieß der gebür­ti­ge Aus­tra­li­er als Mit­ar­bei­ter Num­mer 201 zum Ber­li­ner Games-Ent­wick­ler und ver­stärkt nun das Autoren-Team für den Spie­le-Klas­si­ker „June’s Jour­ney“. Dank Crop­ley kann HR-Mana­ge­rin Pia Rathor mit einem wei­te­ren High­light in einer Sta­tis­tik glän­zen, die selbst in Ber­lins mul­ti­kul­tu­rel­ler Start-up-Sze­ne sel­ten sein dürf­te. „Wir beschäf­ti­gen jetzt Kol­le­gen von allen fünf Kon­ti­nen­ten. Zwei Drit­tel unse­rer Mit­ar­bei­ter stam­men aus dem Aus­land und zwar aus 40 ver­schie­de­nen Län­dern.“ Eine Foto­wand in der Küche ver­rät, woher die über­wie­gend jun­gen Mit­ar­bei­ter kom­men und in wel­cher Abtei­lung sie arbei­ten.

Je nach Her­kunft muss sich Woo­ga jedoch gedul­den, bis die Neu­en an Bord sind. „Frü­her ver­gin­gen im Schnitt zwei Mona­te, bis die Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung vor­lag, jetzt sind es min­des­tens drei“, sagt Rathor, die als Grund ver­mu­tet, dass immer mehr aus­län­di­sche Fach­kräf­te in Ber­lin auf Job­su­che gehen. Durch die teils lan­gen War­te­zei­ten auf neue Ent­wick­ler, Autoren und Desi­gner kommt die Per­so­na­le­rin oft­mals in Bedräng­nis. „Man­che Stel­len blei­ben län­ger als erwar­tet unbe­setzt. Das erschwert unse­re Pla­nung.“ Denn auf die Kol­le­gen aus dem Aus­land ist das 2009 gegrün­de­te Digi­tal­un­ter­neh­men drin­gend ange­wie­sen. „Unse­re Ziel­grup­pe ist sehr inter­na­tio­nal. Außer­dem sit­zen vie­le Gaming-Exper­ten im anglo­ame­ri­ka­ni­schen Raum.“

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Ohne aus­län­di­sche Mit­ar­bei­ter geht es nicht

Ohne aus­län­di­sche Mit­ar­bei­ter wür­den Ber­li­ner Unter­neh­men den Fach­kräf­te­man­gel jedoch nicht bewäl­ti­gen, schon gar nicht in Zukunft. Das gilt für die ande­ren Bun­des­län­der glei­cher­ma­ßen. In der jüngs­ten Kon­junk­tur­um­fra­ge des Deut­schen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK) gaben 61 Pro­zent der Unter­neh­men an, der Fach­kräf­te­man­gel sei für sie das größ­te Geschäfts­ri­si­ko. Zum Ver­gleich: Zum Jah­res­be­ginn 2017 waren es erst 48 Pro­zent, aber auch schon damals erreich­te kein ande­res Risi­ko, etwa Arbeits­kos­ten oder wirt­schafts­po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen, einen sol­chen Wert. In Ber­lin sieht es nicht bes­ser aus. Beklag­ten Anfang 2017 noch 55,9 Pro­zent der Befrag­ten den Fach­kräf­te­man­gel, waren es zu Beginn die­ses Jah­res schon 67,6 Pro­zent. 2018 lagen die Wer­te sogar noch höher.

Kai-Uwe Michels führt das Familienunternehmen Michels Kliniken, Betreiber von Krankenhäusern, Seniorenresidenzen, Pflegeheimen und Hotels in Berlin, gemeinsam mit seinem Bruder Kurt-Josef von Charlottenburg aus
Kai-Uwe Michels führt das Fami­li­en­un­ter­neh­men Michels Kli­ni­ken, Betrei­ber von Kran­ken­häu­sern, Senio­ren­re­si­den­zen, Pfle­ge­hei­men und Hotels in Ber­lin, gemein­sam mit sei­nem Bru­der Kurt-Josef von Char­lot­ten­burg aus. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Bes­se­rung ist nicht in Sicht, wie Pro­gno­sen bele­gen. Eine Anfang des Jah­res ver­öf­fent­lich­te Stu­die der Ber­tels­mann Stif­tung kommt zu dem Schluss: „Deutsch­land hat bis 2060 einen jähr­li­chen Ein­wan­de­rungs­be­darf von min­des­tens 260.000 Men­schen. Nur so lässt sich der demo­gra­fisch beding­te Rück­gang des Arbeits­kräf­te­an­ge­bo­tes auf ein für die Wirt­schaft ver­träg­li­ches Maß begren­zen.“ Es sei zu erwar­ten, dass im Jah­res­schnitt rund 114.000 Zuwan­de­rer aus ande­ren EU-Staa­ten kom­men. 146.000 Per­so­nen müss­ten dem­nach aus Nicht-EU-Län­dern ein­wan­dern. Die Poten­zia­le der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung haben die For­scher berück­sich­tigt. Sie unter­stel­len eine künf­tig höhe­re Gebur­ten­ra­te sowie, dass mehr Frau­en und älte­re Men­schen arbei­ten wer­den. Fazit: „Doch selbst wenn Män­ner und Frau­en gleich viel arbei­te­ten und in Deutsch­land eine Ren­te mit 70 ein­ge­führt wür­de, könn­te der Fach­kräf­te­be­darf nicht mit inlän­di­schen Mit­teln gedeckt wer­den.“

Je weni­ger Büro­kra­tie und Auf­la­gen es mit Blick auf die Beschäf­ti­gung aus­län­di­scher Fach­kräf­te gibt, des­to bes­ser.
Pia Rathor, Woo­ga

Anders als ent­le­ge­ne, struk­tur­schwa­che Regio­nen pro­fi­tiert Ber­lin auf­grund des für Leben und Arbei­ten ver­gleichs­wei­se attrak­ti­ven Stand­or­tes von star­kem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum. Das Ber­lin-Insti­tut für Bevöl­ke­rung und Ent­wick­lung pro­gnos­ti­zier­te in einer im April 2019 vor­ge­leg­ten Stu­die bis 2035 ein Plus von 10,9 Pro­zent auf dann gut vier Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Vom seit eini­gen Jah­ren über­durch­schnitt­li­chen Wachs­tum des Ber­li­ner Brut­to­in­lands­pro­dukts pro­fi­tier­te auch der Arbeits­markt. Allein zwi­schen 2017 und 2018 sei die Zahl der sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­tig­ten um knapp 51.000 gestie­gen und damit stär­ker als in allen übri­gen Bun­des­län­dern. Um die künf­ti­ge Nach­fra­ge zu decken, müs­sen vie­le Unter­neh­men wei­ter­hin im Aus­land suchen.

Ser­vice

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Über Man­gel an Inter­es­se kann Pia Rathor bei Woo­ga zumin­dest nicht kla­gen. Der Groß­teil der Bewer­bun­gen kommt aus dem Aus­land. Oft­mals zie­hen Mit­ar­bei­ter frü­he­re Kol­le­gen nach, aber auch inter­na­tio­na­le Job­mes­sen oder Anzei­gen in den sozia­len Netz­wer­ken brin­gen den gewünsch­ten Erfolg. Wenn hin­ge­gen Kai-Uwe Michels Anzei­gen schal­tet, sieht das Ergeb­nis eher mau aus. Der Geschäfts­füh­rer der Ber­li­ner Michels Kli­ni­ken GmbH & Co. KG betreut mit sei­nem Bru­der Kurt-Josef deutsch­land­weit sechs Kli­ni­ken, neun Senio­ren­re­si­den­zen, zwei Wach­ko­ma­zen­tren und sie­ben Hotels. „Vor allem bei Pfle­ge­fach­kräf­ten, aber auch bei The­ra­peu­ten spü­ren wir den Fach­kräf­te­man­gel ganz deut­lich, wäh­rend die Lage bei Ärz­ten noch rela­tiv gut ist.“ Mit 90 bis 95 Pro­zent arbei­te der Löwen­an­teil der aus­län­di­schen Mit­ar­bei­ter in der Pfle­ge. Der Pfle­ge­be­ruf habe im gesell­schaft­li­chen Anse­hen, beson­ders bei jun­gen Men­schen, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an Attrak­ti­vi­tät ein­ge­büßt. Grün­de sei­en unter ande­rem die zu gerin­gen Gehäl­ter und unat­trak­ti­ven Arbeits­zei­ten, die die Nach­fra­ge deut­scher Bewer­ber immer wei­ter sin­ken lie­ßen.

Klaus Wiechers (l.) und Christian Beck sind Geschäftsführende Gesellschafter des Architektenbüros Wiechers Beck Architekten mit Sitz in Kreuzberg
Klaus Wie­chers (l.) und Chris­ti­an Beck sind Geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­ter des Archi­tek­ten­bü­ros Wie­chers Beck Archi­tek­ten mit Sitz in Kreuz­berg. Foto: Wie­chers Beck

Um offe­ne, drin­gend benö­tig­te Stel­len den­noch beset­zen zu kön­nen, geht das Unter­neh­men unge­wöhn­li­che Wege. Vor zwei Jah­ren eröff­ne­te es in der phil­ip­pi­ni­schen Haupt­stadt Mani­la ein Zwei-Mann-Büro, um vor Ort mit Unter­stüt­zung staat­li­cher Agen­tu­ren Pfle­ge­fach­kräf­te zu rekru­tie­ren. Die Zwi­schen­bi­lanz des Unter­neh­mers fällt posi­tiv aus: „Wir haben in die­ser Zeit 35 über­wie­gend weib­li­che Fach­kräf­te mit abge­schlos­se­nem Bache­lor-Stu­di­um und zwei­jäh­ri­ger Berufs­er­fah­rung in Deutsch­land anstel­len kön­nen.“ Wei­te­re 13 erwar­te­te das Unter­neh­men Ende Mai. Michels ver­hehlt aller­dings auch nicht, dass der Pro­zess lang­wie­rig und teu­er ist. In Mani­la müss­ten die poten­zi­el­len Mit­ar­bei­ter zunächst auf Fir­men­kos­ten einen knapp ein­jäh­ri­gen Deutsch­kur­sus bele­gen und eine soge­nann­te B2-Prü­fung bestehen. Deut­lich leich­ter fällt da schon die Suche im benach­bar­ten Polen oder auch in Alba­ni­en, wo die Michels Kli­ni­ken die bei Pati­en­ten äußerst belieb­ten Phy­sio­the­ra­peu­ten anwer­ben.

Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­setz in Arbeit

Um Nicht-EU-Aus­län­dern wie den phil­ip­pi­ni­schen Pfle­ge­fach­kräf­ten den Weg in den deut­schen Arbeits­markt zu erleich­tern, hat die Bun­des­re­gie­rung am 19. Dezem­ber 2018 den Ent­wurf des Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­set­zes ver­ab­schie­det. Noch ist das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren nicht abge­schlos­sen. Doch die Zeit drängt, fin­det Dr. Con­stan­tin Ter­ton. „Mit inlän­di­schen Beschäf­tig­ten allein kön­nen die Fach­kräf­te­be­dar­fe der Betrie­be künf­tig nicht gedeckt wer­den. Ein gutes Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­setz mit kla­ren, ver­ständ­li­chen Rege­lun­gen und zugleich unbü­ro­kra­ti­schen Pro­zes­sen ist daher drin­gend erfor­der­lich“, unter­streicht der Bereichs­lei­ter Fach­kräf­te & Inno­va­ti­on der IHK Ber­lin. Es sei grund­sätz­lich sehr begrü­ßens­wert, dass nach einer zu lan­gen Zeit des War­tens end­lich ein Geset­zes­ent­wurf vor­lie­ge.

Zwi­schen den vie­len ­invol­vierten Instan­zen dro­hen ein­wan­de­rungs­wil­li­ge Fach­kräf­te ver­lo­ren zu gehen.
Jana Köh­ler, Mee­tra

Nach Mei­nung Ter­tons stellt die­ser ins­ge­samt eine Ver­bes­se­rung des Sta­tus quo dar und ent­hält auch eini­ge rich­ti­ge Aspek­te, wel­che die Wirt­schaft bereits lan­ge for­de­re – etwa die stär­ke­re Adres­sie­rung beruf­lich Qua­li­fi­zier­ter, den Weg­fall der Vor­rang­prü­fung oder die Ver­ein­fa­chung der Aner­ken­nung aus­län­di­scher Qua­li­fi­ka­tio­nen. „Aller­dings stel­len sich bezüg­lich der prak­ti­schen Umset­zung nach wie vor vie­le Fra­gen. Beson­ders wich­tig aus Sicht der Betrie­be ist ein schnel­les, über­schau­ba­res und unbü­ro­kra­ti­sches Zuwan­de­rungs­ver­fah­ren.“ Denn kaum ein Unter­neh­men kön­ne es sich leis­ten, mona­te­lang mit der Stel­len­be­set­zung zu war­ten, weil Pro­zes­se wie die Visa­er­tei­lung zu lan­ge dau­er­ten.

Unter­neh­men for­dern schnel­le­re Ver­fah­ren

Unter­neh­men wie Woo­ga oder die Michels Kli­ni­ken sehen das genau­so. Vor allem der Weg­fall der Vor­rang­prü­fung wür­de aus Sicht Pia Rathors eine Ver­bes­se­rung bedeu­ten. Michels unter­streicht: „Je weni­ger Büro­kra­tie und Auf­la­gen es mit Blick auf die Beschäf­ti­gung aus­län­di­scher Fach­kräf­te gibt, des­to bes­ser.“ Vor allem die oft­mals mona­te­lan­gen War­te­zei­ten auf ein Visum müss­ten ver­kürzt wer­den. „Wenn die ange­wor­be­nen Mit­ar­bei­ter nach Erhalt des Sprach­zer­ti­fi­kats nicht zügig nach Deutsch­land rei­sen kön­nen, geht doch schon ein Teil der müh­sam erwor­be­nen Kennt­nis­se wie­der ver­lo­ren“, beschreibt Michels die Crux. Und im schlimms­ten Fall dann auch die Lust auf das Aben­teu­er Deutsch­land.

Personaldienstleistungen und Projektmanagement hat sich Jana Köhler mit ihrem jungen Unternehmen Meetra auf die Fahnen geschrieben
Per­so­nal­dienst­leis­tun­gen und Pro­jekt­ma­nage­ment hat sich Jana Köh­ler mit ihrem jun­gen Unter­neh­men Mee­tra auf die Fah­nen geschrie­ben. Der Fokus liegt auf der Ver­bin­dung Deutschland–Indien. In dem süd­asia­ti­schen Land war die Grün­de­rin zuvor tätig. 2018 hat sie ihr Unter­neh­men gestar­tet, drei Mit­ar­bei­ter zählt es inzwi­schen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Eile ist also alle­mal gebo­ten, wenn schon jetzt Ein­wan­de­rungs­wil­li­ge ver­lo­ren gehen. Das ver­deut­licht Recrui­te­rin Jana Köh­ler am Bei­spiel Indi­en. Auf dem Sub­kon­ti­nent, der siebt­größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt, sucht die Betriebs­wir­tin für deut­sche Unter­neh­men Fach­kräf­te. Gefragt sind vor allem IT-Exper­ten und Inge­nieu­re. „Deutsch­land ist bei Indern ver­stärkt in den Fokus gerückt, seit­dem bis­lang favo­ri­sier­te Län­der wie die USA und Groß­bri­tan­ni­en wegen der Trump-Regie­rung bzw. des Bre­xits an Attrak­ti­vi­tät ver­lie­ren“, sagt die Geschäfts­füh­re­rin der Ber­li­ner Mee­tra GmbH. In Deutsch­land lockt ein sehr guter Arbeits­markt, außer­dem genie­ßen Bosch, Sie­mens & Co. eben­so wie deut­sche Mit­tel­ständ­ler in Asi­en einen exzel­len­ten Ruf. Auf ihrem Weg in die neue Arbeits­hei­mat bera­ten die deut­schen Aus­lands­han­dels­kam­mern auf dem Sub­kon­ti­nent im Rah­men ihres Pro­jekts ­„Pro­Re­co­gni­ti­on“ die Fach­kräf­te vor allem bei der Aner­ken­nung ihrer Abschlüs­se. „Doch dann beginnt die Odys­see“, weiß die Recrui­te­rin, die als DAAD-Sti­pen­dia­tin in Ban­ga­lo­re stu­dier­te, spä­ter bei VW in Mum­bai arbei­te­te und des­halb das Land gut kennt. Die Nach­fra­ge nach Deutsch­kur­sen an den Goe­the-Insti­tu­ten sei mitt­ler­wei­le so groß, dass Inter­es­sen­ten mit lan­gen War­te­zei­ten rech­nen müss­ten. Lang­wie­ri­ge und intrans­pa­ren­te Visa­pro­zes­se und eine in Deutsch­land teils regio­nal unter­schied­lich gere­gel­te Aner­ken­nung von Berufs­ab­schlüs­sen mach­ten Bewer­bern das Leben extrem schwer. „Zwi­schen den vie­len invol­vier­ten Instan­zen wie Kon­su­lat, Aus­län­der­be­hör­de, Agen­tur für Arbeit, Ein­woh­ner­mel­de­amt dro­hen die ein­wan­de­rungs­wil­li­gen Fach­kräf­te ver­lo­ren zu gehen“, beob­ach­tet Köh­ler.

Ber­lin plant Ein­wan­de­rungs­be­hör­de

Gefahr im Ver­zug erken­nen offen­bar auch die Ber­li­ner Behör­den. Als ers­tes deut­sches Bun­des­land will Ber­lin des­halb im Vor­griff auf das geplan­te Fach­kräf­te­ein­wan­de­rungs­ge­setz eine eigen­stän­di­ge Ein­wan­de­rungs­be­hör­de grün­den. Die Ber­li­ner Aus­län­der­be­hör­de, bis­lang eine Abtei­lung des Lan­des­am­tes für Bür­ger- und Ord­nungs­an­ge­le­gen­hei­ten, soll noch in die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode als Lan­des­amt für Ein­wan­de­rung agie­ren. Für Innen­se­na­tor Andre­as Gei­sel ist „das neue Lan­des­amt ein kla­res Signal in Rich­tung Will­kom­mens­kul­tur und Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft“. Ber­lin brau­che und wol­le Ein­wan­de­rung sowohl aus huma­ni­tä­rer Ver­pflich­tung als auch aus wirt­schaft­li­chen und arbeits­markt­po­li­ti­schen Inter­es­sen. Der­zeit wür­den alle dafür not­wen­di­gen Struk­tu­ren und Schrit­te geprüft.

Wir möch­ten, dass sich neue Kol­le­gen aus weit ent­fern­ten Län­dern und ande­ren Kul­tu­ren in Deutsch­land gut ein­le­ben und gern hier­blei­ben.
Kai-Uwe Michels, Michels Kli­ni­ken

Der Ber­li­ner Aus­län­der­be­hör­de – und dem­nächst dem Lan­des­amt – kom­me eine Schlüs­sel­stel­lung für die Steue­rung und Gestal­tung der Ein­wan­de­rung zu. Gei­sel: „Ber­lin wächst auch durch den Zuzug von Aus­län­de­rin­nen und Aus­län­dern. Dabei ist der Zuzug ent­ge­gen der öffent­li­chen Wahr­neh­mung nicht aus­schließ­lich geprägt von Flücht­lin­gen, son­dern vor allem von Erwerbs­mi­gran­ten, Stu­den­ten und nach­zie­hen­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen.“

Bei der Will­kom­mens­kul­tur der Aus­län­der­be­hör­de machen Unter­neh­men wie Woo­ga oder Mee­tra durch­aus Defi­zi­te aus. Das fängt bei man­geln­den Eng­lisch­kennt­nis­sen der Mit­ar­bei­ter an, geht wei­ter über stän­dig wech­seln­de Ansprech­part­ner und endet beim Umgang mit den aus­län­di­schen Fach­kräf­ten. Sie wür­den oft­mals wie „Ein­schlei­cher und nicht wie gewoll­te Mit­ar­bei­ter“ behan­delt, kri­ti­siert Jana Köh­ler von Mee­tra. Mit ihrem Busi­ness Immi­gra­ti­on Ser­vice, einem Zusam­men­schluss mit IHK Ber­lin, Ber­lin Part­ner und Bun­des­agen­tur für Arbeit, steu­ert die Aus­län­der­be­hör­de bereits gegen und berät Ber­li­ner Unter­neh­men, aus­län­di­sche Inves­to­ren und Start-up-Entre­pre­neu­re, qua­li­fi­zier­te Fach- und Füh­rungs­kräf­te sowie deren Fami­li­en schnell und unkom­pli­ziert bei allen auf­ent­halts­recht­li­chen Fra­gen.

Woo­ga zeigt aber nicht nur mit dem Fin­ger auf ande­re, son­dern macht vor, was geht. Will­kom­mens­kul­tur spielt für Woo­ga-Chef Jens Bege­mann eine wich­ti­ge Rol­le. Obwohl am Haupt­sitz der Fir­ma in einer ehe­ma­li­gen Back­fa­brik am Prenz­lau­er Berg auch zahl­rei­che Deut­sche arbei­ten, hat man sich auf Eng­lisch als Fir­men­spra­che geei­nigt. Jeden Mon­tag infor­miert der Chef beim Com­pa­ny-Stand-up 15 Minu­ten lang über die wich­tigs­ten News – auch eine Chan­ce, sich ken­nen­zu­ler­nen. Beim monat­li­chen Mys­te­ry-Lunch gehen fünf zufäl­lig aus­ge­wähl­te Mit­ar­bei­ter auf Fir­men­kos­ten zum Mit­tag­essen. In den New-Star­ter-Ses­si­ons prä­sen­tie­ren CEO und Fir­men­be­reichs­lei­ter neu­en Kol­le­gen Stra­te­gie und Zie­le. Bei Ein­stei­gern wie Mat­thew Crop­ley aus Aus­tra­li­en kommt der Ser­vice gut an. „Woo­ga hat mich zum Glück unter­stützt und mir auch eine Agen­tur zur Sei­te gestellt, die dabei half, Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung und Arbeits­er­laub­nis aus­ge­stellt zu bekom­men. Klar habe ich zwi­schen­durch mal gezwei­felt, ob auch alles klappt – aber letzt­end­lich war der Pro­zess erfolg­reich und kaum län­ger als anvi­siert“, sagt der 23-Jäh­ri­ge.

Die Wooga GmbH, gegründet 2009 und heute in der Backfabrik in Prenzlauer Berg ansässig, entwickelt Spiele für soziale Netzwerke. 200 Mitarbeiter aus aller Welt zählt das Digital-Unternehmen um CEO Jens Begemann
Die Woo­ga GmbH, gegrün­det 2009 und heu­te in der Back­fa­brik in Prenz­lau­er Berg ansäs­sig, ent­wi­ckelt Spie­le für sozia­le Netz­wer­ke. 200 Mit­ar­bei­ter aus aller Welt zählt das Digi­tal-Unter­neh­men um CEO Jens Bege­mann. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Auch für Unter­neh­mer Michels ist selbst­ver­ständ­lich, dass sei­ne Mit­ar­bei­ter die Neu­an­kömm­lin­ge abho­len müs­sen und das nicht nur am Flug­ha­fen Tegel. „Wenn Pfle­ge­kräf­te aus weit ent­fern­ten Län­dern und ande­ren Kul­tu­ren zu uns kom­men, gilt das ganz beson­ders. Wir möch­ten, dass sich die neu­en Kol­le­gen von den Phil­ip­pi­nen, aber auch aus den ande­ren Staa­ten in Deutsch­land gut ein­le­ben und gern hier­blei­ben.“ Wie für Woo­ga-Chef Bege­mann hat für den Geschäfts­füh­rer ein umfang­rei­ches Onboar­ding-Pro­gramm des­halb obers­te Prio­ri­tät. So ver­mie­ten die Kli­ni­ken auf dem Cam­pus güns­ti­ge und gute Woh­nun­gen. In jedem Apar­te­ment, das die Kol­le­gen aus dem süd­ost­asia­ti­schen Staat bezie­hen, zeigt ein Reis­ko­cher, dass man sich Gedan­ken gemacht hat. Wäh­rend der Arbeits­zeit bie­ten pen­sio­nier­te Deutsch­leh­rer Sprach­kur­se an, damit das in der Hei­mat Erlern­te gefes­tigt wird. Ein Men­tor beglei­tet die neu­en Mit­ar­bei­ter zudem bei allen Behör­den­gän­gen, hilft, ein Kon­to zu eröff­nen und sich bei der Kran­ken­kas­se anzu­mel­den. Er gibt Tipps, wo wel­che Ärz­te sit­zen oder was die neue Hei­mat in der Frei­zeit bie­tet.

Gutes Onboar­ding zahlt sich aus

Posi­ti­ve Erfah­run­gen mit aus­län­di­schen Fach­kräf­ten macht auch Klaus Wie­chers. Im Rah­men einer Anpas­sungs­qua­li­fi­zie­rung zum Bau­zeich­ner beschäf­tig­te er drei Mona­te lang Moha­med Moha­mad aus Syri­en als Prak­ti­kant in sei­nem Archi­tek­tur­bü­ro. Das lief so gut, dass er den heu­te 31-Jäh­ri­gen im Anschluss fest anstell­te. Durch einen Behör­den­dschun­gel muss­te sich der Geschäfts­füh­rer der Wie­chers Beck Gesell­schaft von Archi­tek­ten mbH nicht kämp­fen. „Für uns war das so, als wür­den wir einen deut­schen Kol­le­gen ein­stel­len.“ Einen Bau­zeich­ner hat­te Wie­chers bis­lang noch nicht im Team. „Da haben wir Neu­land betre­ten.“ Ein hal­bes Jahr spä­ter zie­hen bei­de Sei­ten eine posi­ti­ve ers­te Bilanz.

Fest steht: Wer sich will­kom­men fühlt, kommt und bleibt gern. Das beginnt schon bei der Bewer­bung. Jana Köh­ler hat schon häu­fi­ger Fach­kräf­te aus Indi­en getrof­fen, die frus­triert wie­der nach Hau­se gefah­ren sind. Für Woo­ga-Chef Bege­mann zahlt sich das auf­wen­di­ge Onboar­ding-Pro­gramm hin­ge­gen aus. Über eine zu gro­ße Fluk­tua­ti­on muss er sich kei­nen Kopf machen.


Unternehmens-Profile

Michels Kli­ni­ken

Betrei­ber von Kli­ni­ken, Pfle­ge­hei­men und Hotels

1932

wur­de das Unter­neh­men gegrün­det.
Stand 06/2019

2.400

Mit­ar­bei­ter gehö­ren zur Beleg­schaft.
Stand 06/2019

Wie­chers Beck Archi­tek­ten

Archi­tek­ten­bü­ro

25

Per­so­nen sind bei Wie­chers Beck beschäf­tigt.
Stand 06/2019

1991

wur­de das Kreuz­ber­ger Büro gegrün­det.
Stand 06/2019

Mee­tra GmbH

Per­so­nal­dienst­leis­ter

2018

grün­de­te Jana Köh­ler das Start-up.
Stand 06/2019

3

Mit­ar­bei­ter zählt das Unter­neh­men inzwi­schen.
Stand 06/2019

Woo­ga GmbH

Spie­le­ent­wick­ler

200

Mit­ar­bei­ter aus aller Welt arbei­ten für das Digi­tal-Unter­neh­men.
Stand 06/2019

2009

wur­de die im Prenz­lau­er Berg ange­sie­del­te Fir­ma gegrün­det.
Stand 06/2019

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