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Grüner heizen, kühl kalkulieren

Durch saubere Energieträger und neue Technologien soll die Wärmeversorgung in Berlin CO2-neutral und effizienter werden. Wichtig ist: Der Klimaschutz muss bezahlbar bleiben.
von Katharina Lehmann Ausgabe 12/2020

Die Berliner Wärmeversorgung soll klimafreundlich werden – aber bezahlbar bleiben
Die Berliner Wärmeversorgung soll klimafreundlich werden – aber bezahlbar bleiben. Foto: Getty Images/travel_Motion
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  • Alternative Technologien ermöglichen bezahlbare und umweltverträgliche Wärmeversorgung.
  • Eigentümer und Vermieter brauchen vor allem Planungssicherheit für ihre Maßnahmen.

Etwa 125.000 Kilo­watt­stun­den Strom ver­brau­chen die vier Wohn­ge­bäu­de in der Schwel­mer Stra­ße in Lich­ter­fel­de-Süd jähr­lich für die Wär­me­er­zeu­gung. Noch vor Kur­zem, vor der ener­ge­ti­schen Kom­plett- sanie­rung, wur­den in dem 30er-Jah­re-Ensem­ble jedes Jahr 1,4 Mio. Kilo­watt­stun­den Wär­me­en­er­gie ver­braucht. „Unse­re Gebäu­de sind heu­te nahe­zu ener­gie­aut­ark“, freut sich Jochen Icken, tech­ni­scher Vor­stand der Genos­sen­schaft Mär­ki­sche Schol­le, der die Woh­nun­gen gehö­ren.

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Doch der Auf­wand war nicht ohne: Die Gebäu­de wur­den kom­plett saniert, die Mie­ter dafür in ande­re Woh­nun­gen umge­setzt. Strän­ge, Elek­trik, Lei­tun­gen und Bäder wur­den erneu­ert, die Fas­sa­de gedämmt und bei einem Haus mit einer Hanf­däm­mung ver­se­hen. Neue Fens­ter und Türen gab es auch. Und die Dach­ge­schos­se wur­den auf­ge­stockt, um zusätz­li­chen Wohn­raum zu schaf­fen. „Das Wich­tigs­te war aber das neue Heiz- und Ener­gie­kon­zept“, erin­nert sich Icken. Die Woh­nun­gen wur­den mit Lüf­tungs­an­la­gen ver­se­hen. Eine Abluft­wär­me­pum­pe erzeugt Ener­gie aus der war­men Alt­luft der Woh­nun­gen. Mit der rela­tiv klei­nen Abluft­wär­me­pum­pe konn­ten rund 30 Pro­zent des gesam­ten Ener­gie­be­darfs des Gebäu­des gedeckt wer­den, erzählt Icken. Zusätz­lich sorgt eine gro­ße Sole­wär­me­pum­pe, gespeist durch eine Solar­ther­mie­an­la­ge auf dem Dach, für Wär­me. Damit die­se Wär­me auch in der kal­ten Jah­res­zeit aus­reicht, wird im Som­mer der ­Lang­zeit-Erd­wär­me­spei­cher kon­se­quent ­auf­ge­heizt. Um die Wär­me­pum­pen zu betrei­ben, stel­len Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen grü­nen Strom her.

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Durch die Moder­ni­sie­rung erhöh­ten sich die Kalt­mie­ten um rund zwei Euro pro Qua­drat­me­ter. Einen Euro je Qua­drat­me­ter spa­ren die Mie­ter nun aller­dings an Neben­kos­ten ein. „Die Erspar­nis ist nicht ganz so hoch, wie wir uns das erhofft hat­ten“, gibt Icken zu. Das liegt an der gestie­ge­nen Grund­steu­er, aber auch dar­an, dass die Mär­ki­sche Schol­le für ihre Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge Umla­ge nach dem Erneu­er­ba­re-Ener­gi­en-Gesetz (EEG) zah­len muss. Zwar ent­fal­le die­se für Anla­gen unter zehn Kilo­watt Peak – ein Grund, wes­halb Icken die Anla­gen nicht grö­ßer dimen­sio­niert hat­te und nun noch einen klei­nen Teil Strom für den Betrieb der Wär­me­pum­pen aus dem Netz neh­men muss. Jedoch hat der Netz­be­trei­ber die Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen aller Häu­ser als eine gro­ße Anla­ge gewer­tet. So schlägt die EEG-Umla­ge nun zusätz­lich auf die Betriebs­kos­ten. 

Icken ist stolz auf sein Vor­zei­ge­pro­jekt. Wie­der­ho­len wür­de er die Sanie­rung in der Form aber nicht: „Das Kon­zept könn­te ich unter den heu­ti­gen poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen nicht refi­nan­zie­ren“, erklärt er und spielt damit vor allem auf den Mie­ten­de­ckel an, nach dem die Kalt­mie­te auf­grund von Moder­ni­sie­rung nur um einen Euro pro Qua­drat­me­ter stei­gen darf. „Beim ­Mie­ten­de­ckel geht es aber aus­schließ­lich um die Kalt­mie­te. Die nied­ri­ge­ren Neben­kos­ten auf­grund der gestie­ge­nen Ener­gie­ef­fi­zi­enz wer­den nicht betrach­tet“, bemän­gelt Icken. Gleich­zei­tig kri­ti­siert er die feh­len­de Pla­nungs­si­cher­heit. „Wenn ich heu­te ein Sanie­rungs­pro­jekt pla­ne, weiß ich nicht, wie zu Bau­be­ginn in ein paar Jah­ren die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sein wer­den oder wel­che För­de­run­gen es dann noch gibt.“ Das alles hem­me die Sanie­rungs­tä­tig­keit, die für das Gelin­gen der Wär­me­wen­de so wich­tig ist. 

95 Pro­zent weni­ger CO2-Aus­stoß 

Pro­jek­te wie das der Mär­ki­schen Schol­le tra­gen dazu bei, dass in der Haupt­stadt die Ener­gie­wen­de gelingt. Ber­lin will bis zum Jahr 2050 kli­ma­neu­tral sein. Doch dazu muss der gesam­te CO2-Aus­stoß um rund 95 Pro­zent gegen­über dem Stand von 1990 sin­ken. Eine wesent­li­che Rol­le für das Errei­chen der Kli­ma­zie­le spielt die ener­ge­ti­sche Sanie­rung von Gebäu­den, denn Häu­ser und Woh­nun­gen sind aktu­ell für mehr als die Hälf­te der CO2-Emis­sio­nen der Stadt ver­ant­wort­lich: Etwa 60 Pro­zent des gesam­ten End­ener­gie­be­darfs des Lan­des Ber­lin in Höhe von zir­ka 65 Tera­watt­stun­den ent­fie­len im Jahr 2018 auf den Raum­wär­me- und Warm­was­ser­be­darf des Gebäu­de­sek­tors, hat das Aache­ner Bera­tungs­un­ter­neh­men BET im Rah­men der Mach­bar­keits­stu­die „Koh­le­aus­stieg und nach­hal­ti­ge Fern­wär­me­ver­sor­gung Ber­lin 2030“ im Auf­trag der Senats­ver­wal­tung für Umwelt, Ver­kehr und Kli­ma­schutz und Vat­ten­fall fest­ge­stellt. An die­sem Ener­gie­be­darf des Gebäu­de­sek­tors hat die Fern­wär­me mit etwa 10,7 Tera­watt­stun­den einen Anteil von rund 27 Pro­zent. Der Ber­li­ner Wär­me­markt wer­de dar­über hin­aus zu 45 Pro­zent mit Erd­gas­hei­zun­gen, zu 20 Pro­zent mit Ölhei­zun­gen, zu fünf Pro­zent mit Strom­hei­zun­gen und zu weni­ger als drei Pro­zent mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en ver­sorgt, heißt es in dem Papier. 

Geo­ther­mie und grü­ner Strom 

Statt aus Öl und Erd­gas soll Wär­me in Zukunft aus rege­ne­ra­ti­ven und sau­be­ren Quel­len kom­men – zum Bei­spiel aus Geo­ther­mie oder grü­nem Strom. „Eine wich­ti­ge Geling­be­din­gung für die Dekar­bo­ni­sie­rung des Ber­li­ner Wär­me­mark­tes ist die Absen­kung des Wär­me­be­darfs durch umfas­sen­de Gebäu­de­sa­nie­rung“, heißt es in der Mach­bar­keits­stu­die. Es gilt also Fas­sa­den und Fens­ter, Dächer und Kel­ler zu iso­lie­ren, um die Wär­me im Inne­ren der Woh­nun­gen zu hal­ten. Im Neu­bau gibt es schon heu­te stren­ge Auf­la­gen, ener­gie­ef­fi­zi­ent und kli­ma­neu­tral zu bau­en. Das Pro­blem ist jedoch: Deutsch­land ist schon gebaut; gera­de in Ber­lin haben 15 Pro­zent der Wohn­ge­bäu­de ihren hun­derts­ten Geburts­tag bereits hin­ter sich. Mehr als 40 Pro­zent der heu­te noch bewohn­ten Gebäu­de stam­men aus der ers­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts oder sind gar noch älter, so geht es aus Daten des „Umwelt­at­las Berlin/Gebäudealter der Wohn­be­bau­ung“ der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen her­vor. Vie­le die­ser Gebäu­de sind in punc­to Ener­gie­ef­fi­zi­enz nicht wirk­lich gut in Schuss.

Jochen Icken ist Technischer Vorstand der Märkische Scholle Wohnungsunternehmen eG
Jochen Icken ist Tech­ni­scher Vor­stand der Mär­ki­sche Schol­le Woh­nungs­un­ter­neh­men eG. Gut 100 Jah­re besteht die Genos­sen­schaft, deren ältes­te Wohn­siedlungen in Mari­en­dorf, Tem­pel­hof, Lich­ter­fel­de-Süd und Rei­ni­cken­dorf ste­hen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

„Um den Ber­li­ner Wohn­ge­bäu­de­be­stand kli­ma­neu­tral zu gestal­ten, sind umfang­rei­che Sanie­rungs­maß­nah­men not­wen­dig“, erklärt Dr. Håvard Nymo­en, Geschäfts­füh­rer der Nymo­en Stra­te­gie­be­ra­tung. Doch die­se Sanie­run­gen sind teu­er. Etwa 91 Mrd. Euro wer­den wohl nötig sein, um den gesam­ten Ber­li­ner Gebäu­de­be­stand bis 2050 ener­ge­tisch zu sanie­ren. Davon sind rund 70 Pro­zent, also 64 Mrd. Euro, umla­ge­fä­hig. Das heißt: Stol­ze 2,89 Euro dür­fen Ver­mie­ter einer Miet­woh­nung in einem Mehr­fa­mi­li­en­haus pro Qua­drat­me­ter und Monat zusätz­lich ver­lan­gen, hat Nymo­en in der Stu­die „Kos­ten der kli­ma­neu­tra­len Sanie­rung des Ber­li­ner Wohn­ge­bäu­de­be­stands“ für die Initia­ti­ve Wär­me­wen­de errech­net. Immer­hin: Die Sanie­rung des Gebäu­de­be­stan­des sei güns­ti­ger als der Neu­bau. Zwi­schen 2.500 und 3.000 Euro kos­te es, einen Qua­drat­me­ter Wohn­raum nach moder­nen ener­ge­ti­schen Stan­dards zu errich­ten. „Die ener­ge­ti­sche Sanie­rung bestehen­der Gebäu­de auf KfW-40-Stan­dard kos­tet dage­gen zwi­schen 545 und 733 Euro je Qua­drat­me­ter“, so Nymo­en. 

Zwar klin­gen die von Nymo­en ­kal­ku­lier­ten 91 Mrd. Euro nach einer immensen Sum­me. Aller­dings sei Kli­ma­schutz nun mal nicht umsonst zu haben. „Die Ener­gie­wen­de wird Geld kos­ten – und zwar für alle“, weiß der Bera­ter. Gleich­zei­tig brin­ge die ener­ge­ti­sche Sanie­rung der alten Gebäu­de auch Ein­spa­run­gen mit sich, die aller­dings bei Wei­tem nicht hoch genug sei­en, um die Moder­ni­sie­rungs­kos­ten zu decken. „Eine Mög­lich­keit, die im Rah­men einer sozi­al­ver­träg­li­chen Wär­me­wen­de dis­ku­tiert wird, ist bei­spiels­wei­se, dass Mie­ter, Ver­mie­ter und der Staat für die­se Diff­fe­renz glei­cher­ma­ßen auf­kom­men“, erzählt Nymo­en. 

Denn für die Ener­gie­wen­de sind die­se Aus­ga­ben unum­gäng­lich: Mit der Sanie­rung auf KfW-40-Niveau sind End­ener­gie­ein­spa­run­gen in einer Grö­ßen­ord­nung von mehr als 70 Pro­zent ver­bun­den, hat die Stra­te­gie­be­ra­tung in ihrer Stu­die errech­net. Die noch ver­blei­ben­den End­ener­gie­ver­bräu­che soll­ten durch erneu­er­ba­re Ener­gi­en gedeckt wer­den, um einen tat­säch­lich kli­ma­neu­tra­len Wohn­ge­bäu­de­be­stand zu rea­li­sie­ren. „Wir müs­sen das Opti­mum fin­den zwi­schen ener­ge­ti­scher Sanie­rung und erneu­er­ba­rer Ener­gie.“ Dabei gel­te es Kos­ten und Nut­zen im Blick zu behal­ten und genau zu unter­su­chen, „wann der nächs­te Effi­zi­enz­schritt teu­rer wäre als ein Mehr­ver­brauch von erneu­er­ba­ren Ener­gi­en“. 

Ähn­lich sieht das auch Dr. Andre­as Schnauß: „Wich­tig ist, zu schau­en, wo es den meis­ten Kli­ma­schutz fürs Geld gibt.“ Der Wirt­schafts­in­ge­nieur berät im Ber­li­ner Kli­ma­schutz­rat Poli­tik und Wirt­schaft in Kli­ma­schutz­fra­gen und opti­miert als Lei­ter Grund­la­gen bei der Vat­ten­fall Euro­pe Wär­me die Wär­me­ver­sor­gung der Stadt. Er meint: „Bei­de Wege, also die CO2-Redu­zie­rung in der Wär­me­er­zeu­gung, aber auch die Effi­zi­enz­stei­ge­rung zur Sen­kung des Ver­brauchs, müss­ten gleich­zei­tig ange­gan­gen und in Ein­klang gebracht wer­den.“ Denn gera­de auf der Erzeu­ger­sei­te könn­ten mit weni­gen Schrit­ten gro­ße CO2-Ein­spa­run­gen rea­li­siert wer­den. Dazu gel­te es die Wär­me­er­zeu­gung auf grü­ne Füße zu stel­len und fos­si­le Ener­gie­trä­ger wie Koh­le oder Öl durch rege­ne­ra­ti­ve Quel­len wie Wär­me­pum­pen und Power-to-Heat-Anla­gen zu erset­zen.

Wenn ich heu­te ein Sanie­rungs­pro­jekt pla­ne, weiß ich nicht, wie zu Bau­be­ginn in ein paar Jah­ren die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sein wer­den.
Jochen Icken, Mär­ki­sche Schol­le

Gleich­zei­tig müs­se der Ener­gie­ver­brauch durch Sanie­rungs­maß­nah­men gedros­selt wer­den. „Da müs­sen wir den Eigen­tü­mern aber auch erlau­ben, die Wirt­schaft­lich­keit der Moder­ni­sie­run­gen ver­nünf­tig dar­zu­stel­len“, for­dert Schnauß. Denn kaum ein Ver­mie­ter wird es sich leis­ten kön­nen, Sanie­rungs­maß­nah­men für drei Euro pro Qua­drat­me­ter umzu­set­zen, wenn er nur einen Euro pro Qua­drat­me­ter auf die Mie­te umle­gen kann, wie es der Ber­li­ner Mie­ten­de­ckel for­dert. Um die ener­ge­ti­schen Sanie­run­gen wirt­schaft­lich zu gestal­ten, müss­ten För­der­maß­nah­men aus­ge­baut und ver­ein­facht wer­den, for­dert Schnauß. 

Mie­ten­de­ckel gefähr­det Sanie­run­gen 

„Die Ber­li­ner Ver­mie­ter sol­len Kli­ma­schutz und Wär­me­wen­de in der Haupt­stadt vor­an­trei­ben, den Mie­tern dür­fen dar­aus aber kei­ne Kos­ten ent­ste­hen. Das geht so nicht“, mahnt auch Dr. Jörg ­Lip­pert, Bereichs­lei­ter Tech­nik beim BBU Ver­band Ber­lin-Bran­den­bur­gi­scher Woh­nungs­un­ter­neh­men. Sanie­rungs­pro­jek­te, die von lan­ger Hand wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re vor­be­rei­tet wur­den, ste­hen nun auf der Kip­pe. Pla­nungs­si­cher­heit sei gera­de bei gro­ßen Sanie­rungs­vor­ha­ben essen­zi­ell für das Gelin­gen und den Erfolg der Maß­nah­men. Gleich­zei­tig for­dert er mehr Weit­blick hin­sicht­lich der Maß­nah­men. „Däm­men ist ja gut und schön, aber bit­te mit Maß.“ Der­zeit wer­de sei­ner Mei­nung nach zu viel Augen­merk auf eine sehr ein­sei­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on von Ener­gie­ef­fi­zi­enz gelegt. „Zuerst sol­len die Gebäu­de so weit ertüch­tigt wer­den, dass sie kaum noch Ener­gie ver­brau­chen. Die Rest­ener­gie, die dann noch gebraucht wird, soll aus erneu­er­ba­ren Quel­len stam­men. Das klingt zwar erst mal logisch, ist aber kei­ne wah­re Effi­zi­enz“, mahnt Lip­pert.

Dr. Håvard Nymoen ist Geschäftsführer bei der Nymoen Strategieberatung
Dr. Håvard Nymo­en ist Geschäfts­füh­rer bei der Nymo­en Stra­te­gie­be­ra­tung. In sei­ner Stu­die zur kli­ma­neu­tra­len Sanie­rung des Ber­li­ner Wohn­ge­bäu­de­be­stands für die Initia­ti­ve Wär­me­wen­de kommt Nymo­en auf 91 Mrd. Euro Gesamt­kos­ten bis zum Jahr 2050. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Der Diplom­in­ge­nieur weiß, wovon er redet, schließ­lich hät­ten die BBU-Mit­glie­der viel Erfah­rung mit ener­ge­ti­scher Sanie­rung. „In den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren haben unse­re Mit­glieds­un­ter­neh­men die CO2-Emis­sio­nen ihrer Gebäu­de­be­stän­de um rund 60 Pro­zent im Ver­gleich zum Basis­jahr 1990 gesenkt. Das Bun­des­ziel für 2020 lag bei ledig­lich minus 40 Pro­zent“, freut sich Lip­pert über den Erfolg. Einen Haken hat die Sache aus Sicht von Lip­pert den­noch: Die Akzep­tanz der Mie­ter für ener­ge­ti­sche Sanie­run­gen ist ins­be­son­de­re auf­grund der finan­zi­el­len Belas­tun­gen, aber auch der poli­ti­schen Mei­nungs­bil­dung, stark gesun­ken. 

Für unver­zicht­bar hält Ste­fan Tidow, Staats­se­kre­tär für Umwelt und Kli­ma­schutz in der Senats­ver­wal­tung für Umwelt, Ver­kehr und Kli­ma­schutz, die kon­se­quen­te ener­ge­ti­sche Sanie­rung des Gebäu­de­be­stan­des, damit so wenig wie mög­lich Ener­gie ver­braucht wer­de. „Wir brau­chen hier min­des­tens eine Ver­drei­fa­chung der jähr­li­chen Sanie­rungs­ra­ten, die aktu­ell bei weni­ger als einem Pro­zent des Bestands lie­gen“, for­dert Tidow. Für die Woh­nungs­wirt­schaft wer­de es – gera­de in Zei­ten der Mie­ten­re­gu­lie­rung – attrak­ti­ve För­der­pro­gram­me geben müs­sen. „Schon jetzt för­dern Bund und Land unter ande­rem die Sanie­rung und den Aus­tausch ver­al­te­ter Heiz­sys­te­me, die nicht sel­ten noch mit Öl funk­tio­nie­ren.“ Die­se För­de­rung müs­se ver­läss­lich aus­ge­baut und mit sinn­vol­len steu­er­li­chen Abschrei­bungs­mo­del­len flan­kiert wer­den. 

Aber auch Tidow weiß, dass es allein mit Däm­men nicht getan ist: „Außer­dem müs­sen wir unse­re Kraft­wer­ke umbau­en. Wir müs­sen weg von der Koh­le, hin zu Bio­gas und Was­ser­stoff, aber auch zur Solar- und Geo­ther­mie – also zu fos­silfrei­er Erzeu­gung.“ Der kom­plet­te Koh­le­aus­stieg bis zum Jahr 2030 sei bereits beschlos­sen; einen kon­kre­ten Fahr­plan für die Dekar­bo­ni­sie­rung der Wär­me­er­zeu­gung gebe es zudem auch schon. 

Die Zukunft heißt Was­ser­stoff 

Dr. Ger­hard Holt­mei­er, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Gasag, hebt eine wesent­lich Stär­ke von Was­ser­stoff her­vor. „Gas als Ener­gie­trä­ger hat einen gro­ßen Ein­fluss auf das Gelin­gen der Ener­gie­wen­de.“ Schließ­lich mache Gas einen Anteil von über 40 Pro­zent am gesam­ten Ber­li­ner Wär­me­markt aus. Und das wer­de wohl auch in Zukunft so blei­ben – auch wenn das Gas, das in ein paar Jah­ren durch die Lei­tun­gen fließt, ein ande­res sein wird. „Frü­her hat die Gasag Gas genutzt, das aus Koh­le her­ge­stellt wor­den war, heu­te ver­wen­den wir Erd­gas, und bald wer­den es kli­ma­neu­tra­le Gase wie grü­ner Was­ser­stoff sein“, ist sich Holt­mei­er sicher. Dafür müs­se zwar die Infra­struk­tur umge­stellt wer­den, denn die Mole­kü­le sei­en klei­ner und könn­ten schnel­ler ent­wei­chen. Doch schon heu­te sei­en alle neu­en Kom­po­nen­ten, die im Gas­netz aus­ge­tauscht wer­den, für Was­ser­stoff geeig­net.

Dr. Gerhard Holtmeier ist Vorstandsvorsitzender der Gasag AG
Dr. Ger­hard Holt­mei­er ist Vor­stands­vor­sit­zen­der der Gasag AG. Gas hat heu­te einen Anteil von 40 Pro­zent am Wär­me­markt. Die Gasag setzt für die Zukunft auf grü­nen Was­ser­stoff. Sein Anteil an der Ber­li­ner Gas­ver­sor­gung soll 2030 20 Pro­zent betra­gen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Die Gasag strebt an, dass bis 2030 rund 20 Pro­zent des Ber­li­ner Gases Was­ser­stoff ent­hält. Der Anteil von Was­ser­stoff, aber auch von wei­te­ren kli­ma­neu­tra­len Gasen, könn­te sich dann kon­ti­nu­ier­lich wei­ter erhö­hen. Wich­tig ist der Was­ser­stoff im Rah­men der Ener­gie- und Wär­me­wen­de, weil er sich so gut spei­chern lässt. So plant Holt­mei­er gera­de, den alten Erd­gas­spei­cher unter dem Gru­ne­wald für die Ener­gie­wen­de zu nut­zen. Kli­ma­neu­tra­les Methan, das aus grü­nem Was­ser­stoff und Koh­len­di­oxid aus Indus­trie­an­la­gen unter Zuga­be von Bak­te­ri­en ent­steht, soll hier in Zukunft unter der Erde gespei­chert wer­den. „Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir das For­schungs­pro­jekt begon­nen, inner­halb der nächs­ten zwei Jah­re wis­sen wir, ob das funk­tio­niert.“ 

Doch nicht nur als Spei­cher­me­di­um, auch für gas­be­trie­be­ne Anla­gen mit Kraft-Wär­me-Kopp­lung (KWK) lie­ße sich der Was­ser­stoff ver­wen­den. Ab 2030 sol­len Gas­an­la­gen mit Was­ser­stoff aus erneu­er­ba­ren Ener­gi­en betrie­ben wer­den, erzählt Andre­as Schnauß von Vat­ten­fall Euro­pe Wär­me. Zudem plant der Ver­sor­ger, bis 2030 alle Koh­le­an­la­gen durch moder­ne Gas-KWK- und Power-to-Heat-Anla­gen abzu­lö­sen, die erneu­er­ba­ren Strom in Wär­me umwan­deln. Dane­ben sei­en Groß­wär­me­pum­pen und Bio­mas­se­an­la­gen ange­dacht. So kön­ne vor allem die Fern­wär­me kon­se­quent grün auf­ge­stellt wer­den und ihr Zukunfts­po­ten­zi­al ent­fal­ten. „Bis 2045 wol­len wir kom­plett kli­ma­neu­tral sein und Wär­me ohne CO2-Emis­sio­nen pro­du­zie­ren“, sagt Schnauß. 

Eine ähn­li­che Stra­te­gie ver­folgt auch die BTB GmbH. „Im Heiz­kraft­werk Adlers­hof errich­ten wir gera­de zwei neue, hoch­ef­fi­zi­en­te Gas-KWK-Anla­gen mit 18.000 Kilo­watt ther­mi­scher Gesamt­leis­tung. Und in Schö­ne­wei­de ent­ste­hen zwei Fluss­was­ser­wär­me­pum­pen mit einer ther­mi­schen Gesamt­leis­tung von 7.000 Kilo­watt“, erklärt David ­Weib­lein, kauf­män­ni­scher Geschäfts­füh­rer der BTB. Gemein­sam mit den bei­den sich in Adlers­hof bereits in Betrieb befind­li­chen netz­dien­li­chen Power-to-Heat-Anla­gen ent­steht ein inno­va­ti­ves Gesamt­sys­tem, wel­ches künf­tig rund 14.000 Ton­nen CO2 pro Jahr ein­spa­ren wird – das ent­spricht einer Reduk­ti­on um zehn Pro­zent im Fern­wär­me­ver­bund Ber­lin Süd-Ost.

David Weiblein ist kaufmännischer Geschäftsführer der Blockheizkraftwerks- Träger- und Betreibergesellschaft (BTB)
David Weib­lein ist kauf­män­ni­scher Geschäfts­füh­rer der Block­heiz­kraft­werks- Trä­ger- und Betrei­ber­ge­sell­schaft (BTB). Die BTB errich­tet gera­de eine gas­betriebene Anla­ge mit Kraft-Wär­me- Kopp­lung sowie eine Power-to-Heat-­An­la­ge mit erneu­er­ba­rem Strom. Foto: Mau­ri­zio Gam­ba­ri­ni / FUNKE Foto Ser­vices

In den Jah­ren 2022 und 2023 sol­len die bei­den Groß­wär­me­pum­pen in Betrieb gehen. Noch wird im Heiz­kraft­werk in Schö­ne­wei­de vor allem Stein­koh­le ver­heizt. Die BTB arbei­tet aber inten­siv an einer Brenn­stoff­um­stel­lung, deren Umset­zung schon vor 2030 erfol­gen soll. Ersetzt wer­den könn­te das Heiz­ma­te­ri­al durch Holz­schnit­zel oder -pel­lets – oder auch durch Laub. Weib­lein ist offen für Alter­na­ti­ven: „In Zukunft muss es uns gene­rell gelin­gen, heu­te noch unge­nutz­te urba­ne Wär­me­quel­len und rege­ne­ra­ti­ve Brenn­stof­fe kon­se­quent zu nut­zen. Und das sind neben Umwelt­wär­me auch Abfäl­le wie Grün­schnitt oder Abwär­me aus Klär­schlamm­ver­bren­nung. Hier­für ist eine sek­to­ren­über­grei­fen­de Zusam­men­ar­beit aller in Ber­lin rele­van­ten Play­er ent­schei­dend, ins­be­son­de­re Koope­ra­tio­nen mit BWB und BSR.“ 

Für eine gute und sozi­al­ver­träg­li­che Wär­me­wen­de for­dert Weib­lein Test­fel­der und Real­la­bo­re in allen Berei­chen, sowohl in der Wär­me­ver­sor­gung als auch in der Ener­gie­ef­fi­zi­enz. „Wir müs­sen neue Tech­no­lo­gi­en aus­pro­bie­ren und Erfah­run­gen aus­tau­schen.“ Wenn alle an einem Strang zögen und sich ambi­tio­nier­te­re Zie­le setz­ten, wäre die CO2-Neu­tra­li­tät auch schon bis 2040 mög­lich, glaubt Weib­lein.  

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