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Digital lokal

Gastronomen und Einzelhändler in Berlin setzen auf coole Tools an der Schnittstelle von Online und Offline. Davon profitieren Unternehmen und Kunden gleichermaßen.
von Eli Hamacher Ausgabe 11/2019

Die Grenze zwischen stationärem und Online-Angebot verschwindet zunehmend
Die Grenze zwischen stationärem und Online-Angebot verschwindet zunehmend. Foto: Getty Images/Miakievy
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Online und Offline sind kein Widerspruch.
  • Digitale Technologien erhöhen die Chancen von kleinen Unternehmen.

Mit­tags muss es schnell gehen. Und schme­cken soll es natür­lich trotz­dem. Der Ber­li­ner Gas­tro­nom Heinz „Coo­kie“ Gindul­lis hat aus die­ser Erkennt­nis für das Restau­rant der SAP-Haupt­stadt­re­prä­sen­tanz eine digi­ta­le Geschäfts­idee ent­wi­ckelt. In die öffent­lich zugäng­li­che „Data Kit­chen“ bei den Hacke­schen Höfen kom­men neben SAP­lern vor allem jun­ge Start-up-Unter­neh­mer aus der Umge­bung, die gern regio­nal und gut essen. Bestellt und auch bezahlt haben die Gäs­te bereits im Büro oder von unter­wegs, nicht etwa per Tele­fon, son­dern via App für eine bestimm­te Uhr­zeit. Vor Ort zückt der Besu­cher dann sein Smart­pho­ne und öff­net in einer futu­ris­tisch anmu­ten­den Auto­ma­ten­wand ein Fach mit sei­nem Essen. Auf Per­so­nal will Ber­lins ers­tes Digi­tal-Lokal trotz­dem nicht ver­zich­ten. Es bringt Geträn­ke und Des­serts und nimmt sich Zeit für Fra­gen. „Wir sind natür­lich gern zur Stel­le, wenn Besu­cher das ers­te Mal kom­men und Berüh­rungs­ängs­te mit der Tech­no­lo­gie haben“, sagt Restau­rant­lei­ter Chris­ti­an Hamer­le. Ziel sei es, für die Kun­den die digi­ta­len Pro­zes­se so rei­bungs­los und bedie­ner­freund­lich wie mög­lich zu gestal­ten. Gleich­zei­tig spa­re das Per­so­nal Zeit, sodass der Umsatz im Ide­al­fall stei­ge.

Digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en: Chan­cen für Klei­ne

So tech­no­lo­gisch auf­ge­schlos­sen wie Hamer­le sind nicht vie­le Gas­tro­no­men und Geschäfts­in­ha­ber. Nur 20 Pro­zent der Ber­li­ner Gast­ge­wer­be­be­trie­be und gut 30 Pro­zent der Händ­ler gaben in einer Befra­gung der IHK Ber­lin im Jahr 2017 an, dass die Digi­ta­li­sie­rung von zen­tra­ler Bedeu­tung für ihren Geschäfts­er­folg sei. Im Schnitt aller zehn befrag­ten Bran­chen waren es hin­ge­gen 38,2 Pro­zent. Mehr als die Hälf­te der Händ­ler ste­he bei Koope­ra­tio­nen mit Part­nern für die Ent­wick­lung inno­va­ti­ver Pro­duk­te und Geschäfts­mo­del­le noch ganz am Anfang, heißt es in der Stu­die „Digi­ta­li­sie­rung der Ber­li­ner Wirt­schaft“. Es man­gelt vor allem an per­so­nel­len und zeit­li­chen Res­sour­cen eben­so wie an den Finan­zen. Dabei bie­ten digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en gera­de auch für klei­ne­re Geschäf­te und Restau­rants die Chan­ce, ihr Geschäfts­mo­dell zu erwei­tern, neue Ser­vices anzu­bie­ten und dadurch die Kun­den­bin­dung zu erhö­hen. Die „Ber­li­ner Wirt­schaft“ stellt Unter­neh­men und Initia­ti­ven vor, die unter­schied­lichs­te digi­ta­le Lösun­gen für Gast­ge­wer­be und Han­del anbie­ten.

Ser­vice

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Noch spie­len loka­le oder über­re­gio­na­le Markt­plät­ze für die Ber­li­ner Händ­ler nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Nur knapp 20 Pro­zent bie­ten auch dort ihre Pro­duk­te an, ergab eine Stu­die der Com­merz­bank. Das könn­te sich ändern, denn immer mehr loka­le Platt­for­men geben auch klei­ne­ren Shop-Inha­bern die Chan­ce, sich online zu prä­sen­tie­ren und zu ver­kau­fen, dar­un­ter nebenan.de, webkiez.de sowie myspäti.com.

Ina Remmers ist Geschäftsführerin des 2015 gegründeten Sozialunternehmens Good Hood GmbH, an dem sich u.a. der Medienkonzern Burda beteiligt
Ina Rem­mers ist Geschäfts­füh­re­rin des 2015 gegrün­de­ten Sozi­al- unter­neh­mens Good Hood GmbH, an dem sich u.a. der Medi­en­kon­zern Bur­da betei­ligt. Foto: Nebenan.de

Das 2015 gegrün­de­te Sozi­al­un­ter­neh­men Good Hood GmbH, an dem unter ande­ren der Medi­en­kon­zern Bur­da betei­ligt ist, will mit nebenan.de „die Nach­bar­schaft ver­net­zen und das loka­le Gewer­be dabei unter­stüt­zen, neue Kun­den aus der Umge­bung zu gewin­nen, Online und Off­line sinn­voll zu ver­knüp­fen, und damit die loka­le Laden­viel­falt erhal­ten“, sagt Geschäfts­füh­re­rin Ina Rem­mers. Seit Anfang des Jah­res kön­nen sich auf der Platt­form nicht nur Nach­barn über Wis­sens­wer­tes aus dem Kiez aus­tau­schen. Auch das loka­le Gewer­be kann sich gegen Zah­lung einer monat­li­chen Gebühr prä­sen­tie­ren und regel­mä­ßig Bei­trä­ge ein­stel­len. 3.000 Ber­li­ner Gewer­be­trei­ben­de haben sich bis­lang regis­triert.

Die 2018 gegrün­de­te Web­Kiez GmbH von Rai­ner Froh­loff beweist, dass auch Älte­re digi­tal durch­star­ten. „Wir sind ein grey hai­red Start-up ehr­ba­rer Kauf­leu­te“, betont der 67-Jäh­ri­ge, der wie Rem­mers loka­le Händ­ler und Dienst­leis­ter digi­tal sicht­bar machen will. Des­halb baut er Online-Markt­plät­ze für ein­zel­ne Kieze, bis­lang für Lich­ter­fel­de-Lank­witz und Pan­kow-West. Schmar­gen­dorf und Tem­pel­hof fol­gen 2020. Die Ein­käu­fe lie­fert ein KiezEn­gel mit Elek­tro-Las­ten­rad zum Kun­den. „Mit dem Ange­bot wol­len wir nicht nur Viel­be­schäf­tig­te errei­chen, son­dern auch Älte­re, die nicht mehr so mobil sind“, sagt Froh­loff.

Mit der Anfang des Jah­res gestar­te­ten „MySpäti“-App sorgt der­weil Mesut Cele­bi für den digi­ta­len Anschluss der vie­len Ber­li­ner Spä­tis. Spi­ri­tuo­sen, Snacks, Süßes, Shi­sha-Tabak und selbst Sur­vi­val-Kits kön­nen Kun­den ordern. Gelie­fert wird im Innen­stadt­be­reich zwi­schen elf Uhr und ein bezie­hungs­wei­se zwei Uhr nachts am Wochen­en­de. „Der Spä­ti, der sonst nur die unmit­tel­ba­re Nach­bar­schaft bedient, erwei­tert dadurch sein Ver­kaufs­ge­biet“, sagt Cele­bi, der an einer Pro­vi­si­on mit­ver­dient.

Die App bie­tet ein typi­sches Spät­kauf-Sor­ti­ment von der­zeit rund 500 Pro­duk­ten, wobei sich nicht wie bei nebenan.de oder webkiez.de ein­zel­ne Shops prä­sen­tie­ren. Ordert ein Kun­de, holt Cele­bis Ver­trieb die Ware im nächst­ge­le­ge­nen Spä­ti ab und lie­fert gegen eine fixe Gebühr. Cele­bis jüngs­tes Pro­jekt: die „MyS­pä­ti Hotel“- App. Mit Sam­sung als Part­ner instal­liert Cele­bis EEE Custom Pro­duc­tions Ltd. in Hotel­zim­mern Tablets, über die Gäs­te das gesam­te Spä­ti-Sor­ti­ment auf ihr Zim­mer ordern kön­nen. So wird die Mini­bar über­flüs­sig. Auf­fül­len, Abrech­nen und Kon­trol­lie­ren fal­len weg.

Christian Hamerle ist Restaurantleiter bei DataKitchen
Chris­ti­an Hamer­le ist Restau­rant­lei­ter bei Data­Kit­chen. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Bei­spie­le, die zei­gen, wie rela­tiv unkom­pli­ziert Digi­ta­li­sie­rung den Umsatz pushen kann. Knapp 60 Pro­zent der Shops in Ber­lin ver­kau­fen aber nach wie vor nur im Laden­ge­schäft, heißt es in der Com­merz­bank-Stu­die „Metro­pol­re­gi­on Ber­lin, Her­aus­for­de­run­gen und Digi­ta­li­sie­rung im Ein­zel­han­del“. War­um sich vie­le Händ­ler schwer­tun mit der New Eco­no­my, weiß Hagen Mei­sch­ner. „Vie­le Unter­neh­mer fürch­ten einen zu gro­ßen tech­ni­schen Auf­wand für Start und Betrieb des Shops und dass sie es nicht schaf­fen, die Waren off­line und online ver­füg­bar zu hal­ten“, sagt der Part­ner Mana­ger von Sho­pi­fy, die für ihre Kun­den gegen eine monat­li­che Gebühr Online- Shops, „die sich ein­fach bedie­nen und fle­xi­bel an neue Anfor­de­run­gen anpas­sen las­sen, bau­en und hos­ten“.

Prak­ti­sche Tools für den All­tag

Das E-Com­mer­ce-Unter­neh­men, das von Ber­lin aus mit rund 50 Mit­ar­bei­tern das Euro­pa-Geschäft für die kana­di­sche Mut­ter steu­ert, will mit sei­nen Lösun­gen neben rei­nen Online-Händ­lern vor allem klei­ne­re sta­tio­nä­re Läden adres­sie­ren, für die es zum Bei­spiel auch den Zugang zu den gän­gi­gen Online-Bezahl­ar­ten managt. Zu den Ber­li­ner Kun­den gehö­ren zum Bei­spiel Pol­ly Paper, ein Anbie­ter umwelt­freund­li­cher Schreib­wa­ren, und der Maß­kon­fek­tio­när Mon­okel Ber­lin. „Man braucht bei uns kei­ne tech­ni­schen Vor­kennt­nis­se und muss nicht pro­gram­mie­ren kön­nen“, ver­spricht Mei­sch­ner. Die Vor­tei­le digi­ta­ler Anwen­dun­gen betont auch Dr. Mateusz Hart­wich, Bran­chen­ma­na­ger Han­del der IHK Ber­lin. „Digi­ta­li­sie­rung ist mehr als Ver­kau­fen übers Inter­net. Das sind prak­ti­sche Tools für den All­tag der Unter­neh­men, um Per­so­nal­ein­satz, Ein­kauf und Waren­wirt­schaft ein­fach und effek­tiv zu steu­ern.“

Immer­hin: „Fast drei von vier Ber­li­ner Unter­neh­men (aller Bran­chen) haben bereits Digi­ta­li­sie­rungs­maß­nah­men auf den Weg gebracht oder sind schon sehr weit“, so ein Ergeb­nis der Digi­tal­stu­die der IHK Ber­lin. Hand­lungs­be­darf bestehe trotz­dem noch bei der Ent­wick­lung einer Digi­tal­stra­te­gie, beim Aus­bau tech­no­lo­gi­scher Kom­pe­ten­zen sowie der Digi­ta­li­sie­rung von Geschäfts­pro­zes­sen. Dazu gehört auch der Auf­bau eines digi­tal unter­stütz­ten Ver­triebs. Immer­hin rund jeder zwei­te Ein­zel­händ­ler ver­netzt laut Com­merz­bank-Stu­die unter­schied­li­che Ver­triebs­ka­nä­le mit­ein­an­der, etwa Online-Order und Abho­len im Laden.

Damit der Händ­ler Zeit spart, holt die Ber­li­ner Lie­fer­Fac­to­ry GmbH im Laden gekauf­te Ware, die dem Kun­den gebracht wer­den soll, vor Ort ab. „Der Händ­ler kann aber auch Pro­duk­te in unse­ren Depots lagern, wenn er zu wenig eige­ne Flä­che hat. Dann lie­fern wir direkt aus dem Depot“, sagt Frie­de­mann Nier­haus, der bei Lie­fe­ry, so der Mar­ken­na­me, Stra­te­gie und Geschäfts­ent­wick­lung ver­ant­wor­tet. Gesteu­ert wer­den die Pro­zes­se über eine digi­ta­le Logis­tik­platt­form. Laut Com­merz­bank bie­ten mitt­ler­wei­le 29 Pro­zent der Ber­li­ner Händ­ler kos­ten­lo­se Lie­fer­diens­te an. Ver­gli­chen mit den gro­ßen Logis­ti­kern, kön­ne Lie­fe­ry sehr viel bes­ser auf indi­vi­du­el­le Kun­den­wün­sche ein­ge­hen, fin­det Nier­haus. Noch einen Schritt wei­ter gehen die Ber­li­ner mit ihrem „Soft­ware as a Ser­vice-Modell“. „Wir haben ers­te Kun­den, die unse­re kom­plet­te Logis­tik­platt­form gekauft haben.“

Friedemann Nierhaus ist Head of Strategy & Business Development bei LieferFactory
Frie­de­mann Nier­haus ist Head of Stra­te­gy & Busi­ness Deve­lop­ment bei Lie­fer­Fac­to­ry. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Schluss mit der Zet­tel­wirt­schaft

Auch für die Gas­tro­no­men ändert sich der Zugang zum Kun­den. „Die­ser fin­det immer mehr digi­tal statt, etwa über die Lie­fer-Apps oder über gute Plat­zie­run­gen in Bewer­tungs­por­ta­len“, unter­streicht Cliff Pfef­fer­korn, Geschäfts­füh­rer bei der eSt­ra­te­gy Con­sul­ting GmbH in Ber­lin. Das wie­der­um ver­än­de­re auch die Art und Wei­se, wie man mit unzu­frie­de­nen Kun­den umge­hen müs­se. „Das Restau­rant ist ein gefrag­tes Pro­dukt, mit dem sich der Kun­de inten­siv beschäf­tigt. Und dafür sind die digi­ta­len Medi­en ide­al.“ Soll der Gast wie­der­kom­men, muss er aber auch vor Ort zufrie­den sein. Lan­ge War­te­zei­ten, gestress­tes Per­so­nal oder auch fal­sche Spei­sen för­dern das nicht.

Immer mehr Restau­rants digi­ta­li­sie­ren des­halb ihre Bestell­pro­zes­se und machen Schluss mit der Zet­tel­wirt­schaft. Die Order nimmt der Ser­vice mit iPad oder iPod ent­ge­gen, mit denen der Gas­tro­nom auch via Blue­tooth direkt ein Kar­ten­ter­mi­nal ver­bin­den kann. Das spart Zeit und stei­gert im Ide­al­fall den Umsatz. „Dank der digi­ta­len Kas­se hat der Gas­tro­nom zudem immer sei­ne Geschäfts­zah­len im Blick und weni­ger Auf­wand beim Erfas­sen aller Daten“, sagt Die­ter Moser, Ver­triebs­lei­ter bei der Ber­li­ner Order­bird AG. IHK-Han­dels­ex­per­te Hart­wich stellt auch eine wach­sen­de Bereit­schaft der Unter­neh­men fest, den Kun­den elek­tro­ni­sche Bezahl­mög­lich­kei­ten anzu­bie­ten. „Dabei sind den Händ­lern Kos­ten und Rechts­si­cher­heit wich­tig“, ergab eine Umfra­ge Ende 2017. Die IHK Ber­lin bie­tet dazu Bera­tun­gen und Wei­ter­bil­dung an.

Knapp drei Jah­re nach der Eröff­nung brummt die Data Kit­chen. Bis zu vier Mal kann Chris­ti­an Hamer­le mit­tags sei­ne Tische bele­gen, deut­lich mehr als ande­re Restau­rants. Der Erfolg ruft ande­re auf den Plan: In drei Ber­li­ner Restau­rants von „beets & roots“ kön­nen Gäs­te eben­falls online Sala­te, süße Snacks und Drinks ordern, bezah­len und dann vor Ort abho­len oder essen.

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