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„Wir sind eine echte Community“

Dr. Christina Quensel und Dr. Ulrich Scheller managen den Campus Berlin-Buch. Sie wollen den 60 auf dem Gelände ansässigen Firmen mit ihren 3.000 Mitarbeitern möglichst viele Synergien bieten.
von Michael Gneuss Ausgabe 07+08/2019

Christina Quensel und Ulrich Scheller im Hermann-von-Helmholtz-Haus
Christina Quensel und Ulrich Scheller im Hermann-von-Helmholtz-Haus. Foto: Christian Kielmann
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Der Campus Berlin-Buch beherbergt Firmen aus den Bereichen Bio- und Medizintechnologie.
  • Der Campus hat großen Expansionsbedarf – und Probleme mit der Verkehrsanbindung.

Als Geschäfts­füh­rer der Cam­pus Ber­lin-Buch GmbH sind Dr. Chris­ti­na Quen­sel und Dr. Ulrich Schel­ler in engem Kon­takt zu den Bio­tech- und Medi­zin­tech­nik-Unter­neh­men aus dem Nord­os­ten der Stadt. Mit dem Stand­ort sind grund­sätz­lich alle zufrie­den. Eine bes­se­re Ver­kehrs­an­bin­dung wün­schen sich aber vie­le. Benö­tigt wird auch Platz für die Expan­si­on.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: Ber­lin ist als Wirt­schafts­stand­ort sehr begehrt. Vie­le reizt das pul­sie­ren­de Leben. Kom­men Fir­men und Mit­ar­bei­ter auch gern ins grü­ne, ruhi­ge Buch an der Stadt­gren­ze?

Dr. Chris­ti­na Quen­sel: Im ers­ten Moment hat der eine oder ande­re schon einen Schreck bekom­men, als er gemerkt hat, dass Buch ganz weit im Nord­os­ten der Stadt liegt. Aber wer erst ein­mal hier ist, lernt Buch schnell zu schät­zen und will nicht mehr weg.

Dr. Ulrich Schel­ler: Das hat auch eine Umfra­ge unter den Unter­neh­men auf dem Cam­pus gezeigt: Alle sind mit dem Stand­ort zufrie­den, 77 Pro­zent sogar sehr zufrie­den.

Inwie­weit kön­nen Sie als Cam­pus­ma­na­ger die Zufrie­den­heit stei­gern?

Schel­ler: Wir sind ein fami­liä­rer Cam­pus, ken­nen jeden Unter­neh­mer per­sön­lich. Auf dem gan­zen Cam­pus tun wir sehr viel für eine per­sön­li­che Atmo­sphä­re. Das gefällt den Unter­neh­men. Und wir sind auch fami­li­en­freund­lich, haben eine Kin­der­ta­ges­stät­te vor Ort. Wir haben ein ein­zig­ar­ti­ges betrieb­li­ches Gesund­heits­ma­nage­ment auf­ge­baut mit einer Gesund­heits­ma­na­ge­rin und einem Fit­ness-Stu­dio. Die Fir­men kön­nen aus dem Pool der Maß­nah­men ohne gro­ße finan­zi­el­le Betei­li­gung aus­wäh­len. Mit der Ser­vice-Qua­li­tät, die wir bie­ten, sind sie zufrie­den.

Quen­sel: Ein ande­res Bei­spiel ist die Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung. Bevor die Reform in Kraft getre­ten ist, haben wir uns inten­siv damit aus­ein­an­der­ge­setzt und einen Leit­fa­den für alle Fir­men und Insti­tu­te auf dem Cam­pus her­aus­ge­ge­ben. Das hilft allen. Auch die The­men Arbeits- und Brand­schutz haben wir zen­tral für den gesam­ten Cam­pus besetzt. So muss sich nicht jede Fir­ma selbst dar­um küm­mern. Im Prin­zip geht es dar­um, Syn­er­gi­en zu schaf­fen. Dazu gehö­ren auch die gesam­te tech­ni­sche Infra­struk­tur und der Medi­en­ein­kauf.

Exponat aus dem Arnold-Graffi-Haus: Kunst spielt eine große Rolle auf dem Campus
Expo­nat aus dem Arnold-Graf­fi-Haus: Kunst spielt eine gro­ße Rol­le auf dem Cam­pus. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Wie ent­schei­den Sie über gemein­sa­me Maß­nah­men?

Quen­sel: Wir sind eine ech­te Com­mu­ni­ty und stim­men alles, was außer­halb pas­sie­ren soll, unter­ein­an­der ab – zum Bei­spiel Fahr­rad­stell­plät­ze, Men­sa-Erwei­te­run­gen oder Bepflan­zun­gen. Und wir haben es immer geschafft, dabei Ein­stim­mig­keit her­zu­stel­len.

Gibt es nicht auch Facet­ten des Stand­or­tes, mit denen die Unter­neh­men weni­ger zufrie­den sind?

Schel­ler: Die Ver­kehrs­an­bin­dung ist ein heik­ler Punkt. Von den 3.000 Men­schen, die hier auf dem Cam­pus arbei­ten, kom­men sehr vie­le mit dem ÖPNV oder dem ÖPNV und dem Fahr­rad. Von denen, die aus der Innen­stadt kom­men, sind das 90 Pro­zent. Die sind auf die S-Bahn ange­wie­sen, die mor­gens und abends im Zehn-Minu­ten-Takt ein­ge­setzt wird. Vom S-Bahn­hof Buch bis zum Cam­pus bie­ten Bus­se den Anschluss. Wenn die S-Bahn fährt, funk­tio­niert das gut. Wenn die S-Bahn aus­fällt – und das kommt lei­der immer häu­fi­ger vor – dann wird es für vie­le Mit­ar­bei­ter schwie­rig. Dies­be­züg­lich wur­de in der Umfra­ge sehr viel Unmut geäu­ßert.

Seit 2008 ist Ulrich Scheller Geschäftsführer der Campus Berlin-Buch GmbH. Seit 2015 ist Christina Quensel ebenfalls Geschäftsführerin
Seit 2008 ist Ulrich Schel­ler Geschäfts­füh­rer der Cam­pus Ber­lin-Buch GmbH. Seit 2015 ist Chris­ti­na Quen­sel eben­falls Geschäfts­füh­re­rin. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Gibt es kei­ne Mög­lich­keit, Buch bes­ser anzu­bin­den?

Quen­sel: Doch, dafür set­zen wir uns seit Jah­ren ein. Von der Auto­bahn­an­bin­dung über Fahr­rad­schnell­we­ge bis hin zum Aus­bau der Regio­nal­bahn oder der Takt­ver­dich­tung.

Ohne Erfolg?

Quen­sel: Wir sind wei­ter­hin in Gesprä­chen mit dem Senat und der BVG und hof­fen auf Lösun­gen. Eine Auto­bahn­ab­fahrt ist eigent­lich zwin­gend not­wen­dig, zumal unser Gelän­de fast unmit­tel­bar an die A10 angrenzt. Aber Auto­bahn­an­schlüs­se sind poli­tisch der­zeit schwer durch­zu­set­zen. Gro­ße Hoff­nung set­zen wir auf die Regio­nal­bahn, die von Karow aus Rich­tung Buch aus­ge­baut wer­den könn­te. Schließ­lich soll Buch enorm wach­sen. Es sind 3.500 neue Woh­nun­gen geplant. Unse­rer Ansicht nach muss auch des­halb mehr Ange­bot im öffent­li­chen Nah­ver­kehr geschaf­fen wer­den.

Schel­ler: Den Bahn­hof wün­schen wir uns als Mobi­li­ty Hub mit einem Car­sha­ring-Stütz­punkt, Lad­ein­fra­struk­tur für Elek­tro­au­tos und Leih­fahr­rä­dern. Was wir selbst auf dem Cam­pus rund um das Ver­kehrs­the­ma leis­ten kön­nen, set­zen wir natür­lich auch um. Die Rad­ler wol­len zum Bei­spiel Duschen und abschließ­ba­re Stell­plät­ze. Dafür haben wir gesorgt.

Quen­sel: Die Innen­stadt­ver­bin­dung wird zudem immer wich­ti­ger. Das Max-Del­brück-Cen­trum hat auch einen Stand­ort in der Innen­stadt. Die Inter­net­ver­bin­dung zwi­schen bei­den Cam­pus­sen mit 40 Giga­bit pro Sekun­de ist da, aber die Wis­sen­schaft­ler wol­len auch die phy­si­schen Kon­tak­te und mit­ein­an­der per­sön­lich reden. Wir ticken eben auch ana­log.

Woher kom­men die Beschäf­tig­ten, die auf dem Cam­pus arbei­ten, schwer­punkt­mä­ßig?

Schel­ler: Mit einem Drit­tel sind die meis­ten aus Pan­kow. Etwa 17 Pro­zent sind aus Bran­den­burg. Der Rest kommt aus allen übri­gen Ber­li­ner Bezir­ken.

Kön­nen Sie ansied­lungs­wil­li­gen Fir­men noch Flä­chen auf dem Cam­pus anbie­ten?

Quen­sel: Lei­der nein. Die Labor­flä­chen sind kom­plett ver­mie­tet. Es gibt ledig­lich ein paar weni­ge Büros, die noch frei sind. Wir wer­den aber ein neu­es Grün­der­zen­trum auf dem Gelän­de bau­en – ein Fünf­ge­schos­ser mit 8.000 Qua­drat­me­tern Nutz­flä­che, zwei Drit­tel davon für Labo­re. Etwa 400 neue Arbeits­plät­ze wer­den ent­ste­hen. Wir gehen davon aus, dass die Eröff­nung Mit­te 2022 erfol­gen wird.

Wegweiser auf dem Campus-Gelände
Weg­wei­ser auf dem Cam­pus-Gelän­de. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Das sind aber Flä­chen für Start-ups. Bestehen­den Unter­neh­men hilft das nicht, oder?

Quen­sel: Rich­tig. Von unse­ren Bestands­un­ter­neh­men wol­len sich aber 60 Pro­zent im kom­men­den Jahr ver­grö­ßern. Des­halb wol­len wir an den Cam­pus angren­zen­de Flä­chen bebau­en und unse­ren Fir­men anbie­ten. Es geht um ins­ge­samt neun Hekt­ar. Wir könn­ten den Cam­pus damit also erheb­lich ver­grö­ßern und neue Unter­neh­men aus der Gesund­heits­wirt­schaft nach Ber­lin zie­hen. Die Flä­chen haben aber noch kei­ne Bau­rei­fe. Wir bemü­hen uns jetzt, die Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­pro­zes­se zu beschleu­ni­gen und Hemm­nis­se zu besei­ti­gen, und hof­fen auf poli­ti­sche Unter­stüt­zung, damit es schnell geht. Vie­len unse­rer Unter­neh­men dau­ert es aber zu lan­ge.

Wer­den Unter­neh­men abwan­dern, wenn Sie kei­ne Flä­chen zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen?

Quen­sel: Das kann pas­sie­ren, aber wir haben das gut im Blick. In kon­kre­ten Fäl­len sind wir als Schnitt­stel­le zwi­schen Pri­vat­wirt­schaft und Poli­tik in der Lage, Lösun­gen zu fin­den, sehr schnell zu han­deln und Fir­men am Stand­ort zu hal­ten. In eini­gen Fäl­len hat das sehr gut funk­tio­niert. Wenn Unter­neh­men aller­dings Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten auf­bau­en müs­sen, wer­den sie das ohne­hin anders­wo machen. Ein Pro­duk­ti­ons­stand­ort sind wir nicht.

Schel­ler: Ja, aber auch wenn die Unter­neh­men grö­ßer wer­den und pro­du­zie­ren – die For­schung und Ent­wick­lung ist meist in Buch geblie­ben. Die wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se und das Netz­werk wol­len sie nicht ver­lie­ren. Jedes zwei­te Unter­neh­men koope­riert mit den For­schungs­ein­rich­tun­gen auf dem Cam­pus. Zwei Drit­tel der Unter­neh­men haben Koope­ra­ti­ons­be­zie­hun­gen zu ande­ren Fir­men aus Buch. Die­ses gewach­se­ne For­schungs­netz­werk lässt sich nicht so ein­fach woan­ders wie­der auf­bau­en. Das Herz der For­schung und Ent­wick­lung wird immer in Buch schla­gen. Das zeigt die 20-jäh­ri­ge Geschich­te die­ses Bio­tech-Parks.

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