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Wo die Start-ups leuchten: Berlin ist die Stadt der Gründer

Im Ökosystem der Hauptstadt fühlen sich Gründer aus ganz unterschiedlichen Bereichen wohl – vom Fintech bis zum sozialen Unternehmen. Ausruhen darf sich Berlin auf seinem deutschen Spitzenplatz nicht, andere Regionen holen auf.
von Eli Hamacher Ausgabe 01/2019

Die Hauptstadt zieht vor allem junge Gründer aus Deutschland und aller Welt an. Gut ausgebildete Fachkräfte sorgen für ein Top-Innovationsklima. Foto: Getty Images/Leon Bonaventura/Erhui1979, Montage: BW
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Berlin gilt als Hotspot für Gründer und solche, die es werden wollen.
  • Die Stadt verfügt über ein perfektes Ökosystem für Start-ups.
  • Zu diesem System zählen Risikokapitalgeber, Business Angels und IT-Experten.

Neu­en Mit­ar­bei­tern emp­fiehlt Frank Paw­lit­schek gern einen klei­nen Aus­flug mit dem Elek­tro­au­to zum Gen­dar­men­markt. Dort sitzt der Ver­band der Auto­mo­bil­in­dus­trie, und aus­ge­rech­net vor des­sen Haus­tür hat der Chef von Ubitri­ci­ty eine inno­va­ti­ve E-Tank­stel­le instal­liert – platz­spa­rend in einem Later­nen­mast. Kein Wun­der, dass sich jedes Mal eine Trau­be stau­nen­der Pas­san­ten bil­det, sobald der Fah­rer den Öko­strom aus der Later­ne zapft. Ein Sel­fie ist das vie­len alle­mal wert. Noch hat die­ser Schnapp­schuss Sel­ten­heits­wert. Doch von 2019 an wird das Tech-Start-up nach lan­gem Rin­gen um Geneh­mi­gun­gen und Finan­zie­run­gen auch in der Haupt­stadt durch­star­ten kön­nen und im Rah­men des „Sofort­pro­gramms Sau­be­re Luft“ bis zu 1.000 Lade­punk­te in Later­nen sowie eben­so vie­le in den Tief­ga­ra­gen von Immo­bi­li­en ein­bau­en.

Wir bie­ten eine Tech­no­lo­gie an, die Auto­fah­rern erlaubt, güns­tig und effi­zi­ent im öffent­li­chen Raum zu laden.
Dr. Frank Paw­lit­schek, Geschäfts­füh­rer Ubitri­ci­ty

Gute Nach­rich­ten für den Stand­ort

„Wir bie­ten eine Tech­no­lo­gie an, die es den Auto­fah­rern erlaubt, so güns­tig und effi­zi­ent wie mög­lich im öffent­li­chen Raum zu laden und unkom­pli­ziert mit ihrem Strom­ver­sor­ger abzu­rech­nen“, sagt Paw­lit­schek. „Mit unse­ren Lade­punk­ten wird Park­zeit zur Lade­zeit.“ Für den CEO der Ubitri­ci­ty Gesell­schaft für ver­teil­te Ener­gie­sys­te­me mbH ist der Start in Ber­lin alle­mal ein Durch­bruch. In Lon­don zeigt sein Unter­neh­men schon in 13 Bezir­ken Flag­ge, hat gera­de eine gro­ße Aus­schrei­bung mit Sie­mens für wei­te­re Lade­sta­tio­nen gewon­nen. In Frank­reich arbei­tet man Sei­te an Sei­te mit dem Strom­rie­sen EDF, der wie Sie­mens an Ubitri­ci­ty betei­ligt ist. „Jetzt freu­en wir uns auf Ber­lin“, sagt der Chef. Ein­mal mehr eine gute Nach­richt für den Stand­ort und sein Start-up-Öko­sys­tem.

Dr. Frank Pawlitschek (l.) und Knut Hechtfischer von Ubitricity
Dr. Frank Paw­lit­schek (l.) und Knut Hecht­fi­scher, Grün­der und Geschäfts­füh­rer von Ubitri­ci­ty, ver­sor­gen Städ­te mit inno­va­ti­ver Lad­ein­fra­struk­tur für E-Autos. Foto: ubitricity/Christian Mar­xen

Wäre Ber­lin ein jun­ges Mäd­chen, wür­de es regel­mä­ßig errö­ten. So viel Lob und Lie­bes­be­wei­se kom­men von allen Sei­ten. Als im Herbst 2018 Schlag­zei­len die Run­de mach­ten, Nord­rhein-West­fa­len habe Ber­lin als gefrag­tes­ter Start-up-Stand­ort abge­löst, lie­ßen die Reak­tio­nen nicht lan­ge auf sich war­ten. „Ber­lin bleibt klar der Stand­ort Num­mer eins in Deutsch­land“, kon­ter­te Flo­ri­an Nöll, Vor­sit­zen­der des Bun­des­ver­ban­des Deut­sche Star­tups, des­sen Deut­scher Start­up Moni­tor die Ver­wir­rung erst aus­ge­löst hat­te. Danach hat­ten 19 Pro­zent von 1.600 Start-ups ihren Sitz in NRW, wäh­rend Ber­lin auf nur 16 Pro­zent kam. Die­se Zah­len bezö­gen sich jedoch nur auf die befrag­ten Unter­neh­men, lie­ßen also kei­ne Rück­schlüs­se auf die gesam­te Bran­che zu, beeil­ten sich die Autoren der Stu­die klar­zu­stel­len.

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Ramo­na Pop, Ber­lins Wirt­schafts­se­na­to­rin, sprang gleich­sam in die Bre­sche. In der Ber­li­ner Digi­tal­wirt­schaft sei­en 2017 mehr Unter­neh­men gegrün­det wor­den als in Ham­burg, Mün­chen und Frank­furt zusam­men. Ins­ge­samt sei­en gut 88.000 Men­schen ange­stellt, mehr als in jeder ande­ren deut­schen Groß­stadt. Aktu­ell sei­en es 9.000 Start-ups mit mehr als 100.000 Mit­ar­bei­tern, schätzt Nöll.

600 Mio. Euro für den Sie­mens-Cam­pus

„Das ein­drucks­volls­te und medi­en­wirk­sams­te Votum für den Grün­der-Hot­spot an der Spree gab jedoch weni­ge Tage spä­ter Sie­mens ab. 600 Mio. will der Tech­no­lo­gie­rie­se in einen Inno­va­ti­ons­cam­pus auf his­to­ri­schem Indus­trie­ge­län­de in Sie­mens­stadt pum­pen. Bes­ser geht’s nicht. Könn­te man mei­nen. An Her­aus­for­de­run­gen man­gelt es näm­lich kei­nes­falls. „Die Per­so­nal­pla­nung und -rekru­tie­rung stel­len die größ­te Hür­de für Start-ups im Raum Ber­lin dar“, bilan­ziert eine im Sep­tem­ber 2018 erschie­ne­ne Stu­die des Bera­tungs­un­ter­neh­mens PwC. Größ­te Hemm­nis­se: zu hohe Gehalts­for­de­run­gen und Fach­kräf­te­man­gel. „Es ist vor allem schwie­rig, nicht-euro­päi­sche Fach­kräf­te in die Stadt zu holen“, sagt Oli­ver Schimek, Geschäfts­füh­rer des Fin­techs Cross­Lend. Laut Ber­lin Start­up Moni­tor kri­ti­siert die Hälf­te der Jung­un­ter­neh­men büro­kra­ti­sche Hür­den vor allem für aus­län­di­sche Mit­ar­bei­ter. Immer­hin kommt bei ihnen jeder zwei­te Beschäf­tig­te aus dem Aus­land, so auch bei Cross­Lend.

Oliver Schimek, CEO der CrossLend GmbH
Oli­ver Schimek, CEO der Cross­Lend GmbH. Foto: cross­lend

Prak­ti­sche Hil­fe bie­tet der Busi­ness Immi­gra­ti­on Ser­vice der IHK Ber­lin, der aus­län­di­sche Unter­neh­men, qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te und deren Fami­li­en bei allen auf­ent­halts­recht­li­chen Fra­gen etwa zu Fir­men­grün­dung und Arbeits­er­laub­nis berät.

Als wei­te­ren Nach­teil wer­tet die Bran­che die Ver­sor­gung mit schnel­lem Inter­net. 62 Pro­zent der vom Deut­schen Start­up Moni­tor Befrag­ten bezeich­ne­ten dies als wich­tig für die Stand­ort­wahl. Laut einer Stu­die des Por­tals Testberichte.de hat die Haupt­stadt jedoch die lang­sams­ten Inter­net­ver­bin­dun­gen unter den deut­schen Groß­städ­ten. Mit einer Down­load­ge­schwin­dig­keit von 33 Mbit/s lie­ge Ber­lin unter allen unter­such­ten Städ­ten auf Rang 78.

Ser­vice

Down­loads & Links

Mit Blick auf die Behör­den wün­schen sich die Start-ups zudem weni­ger Büro­kra­tie im ers­ten Grün­dungs­jahr, eine Ver­ein­fa­chung der Buch­hal­tung und das Ein­rich­ten eines One-Stop-Shops, der als zen­tra­le Anlauf­stel­le für Antrags-, Geneh­mi­gungs- und Besteue­rungs­ver­fah­ren fun­gie­re. Last but not least: Dass Goog­le aus­ge­rech­net in der Front­stadt der Start-ups damit schei­ter­te, in Kreuz­berg einen Start­up-Cam­pus zu eröff­nen, brach­te natio­nal und inter­na­tio­nal schlech­te Pres­se.

Von Grün­der­zen­tren bis Acce­le­ra­to­ren

Noch steht der Stand­ort gut da und hat sich vor allem ein­drucks­voll ent­wi­ckelt. Bin­nen weni­ger Jah­re ist ein Öko­sys­tem mit maß­ge­schnei­der­ten Ein­rich­tun­gen ent­stan­den aus lan­des­ei­ge­nen Tech­no­lo­gie- und Grün­der­zen­tren, diver­sen pri­va­ten Start-up-Cam­pus­sen, Cowor­king Spaces, Acce­le­ra­to­ren, Busi­ness Angels und Inves­to­ren, Seri­en­grün­dern, die das Geld aus Ver­käu­fen in neue Start-ups inves­tie­ren, eben­so wie Depen­dan­cen vie­ler DAX-Kon­zer­ne, die hier die Nähe zu den inno­va­ti­ven Köp­fen suchen und umge­kehrt. „Die gute Infra­struk­tur für For­schung und Ent­wick­lung ermög­licht zudem einen schnel­len Tech­no­lo­gie- und Wis­sens­trans­fer“, unter­streicht Ras­mus Rothe, Vor­stands­mit­glied im KI Bun­des­ver­band, der den Ein­satz einer der wich­tigs­ten Zukunfts­tech­no­lo­gi­en, der künst­li­chen Intel­li­genz (KI), för­dert. Dar­über hin­aus tra­gen Mes­sen, Medi­en sowie För­der- und Bera­tungs­an­ge­bo­te, dar­un­ter die der IHK Ber­lin, in der Haupt­stadt zu einem Grün­der­kli­ma bei, das laut PwC-Stu­die im Jahr 2018 fast 60 (2017: 38) Pro­zent der Befrag­ten „sehr gut“ fan­den.

Start-ups fehlt das schnel­le Inter­net

Mike But­cher, Redak­teur beim Lon­do­ner Maga­zin „Tech­Crunch“, beob­ach­tet die Ber­li­ner Sze­ne seit gut zehn Jah­ren. „Die­se jun­ge und hung­ri­ge Metro­po­le hat es per­fekt ver­stan­den, aus ihrer Aus­gangs­si­tua­ti­on das Bes­te zu machen. In der indus­trie­schwa­chen Stadt mit dem gro­ßen öffent­li­chen Sek­tor sowie zahl­rei­chen kul­tu­rel­len und krea­ti­ven Unter­neh­men hat sich die jun­ge Tech-Bran­che her­vor­ra­gend breit­ge­macht.“ In Lon­don gebe es zwar Euro­pas größ­te Tech-Sze­ne, aber ande­re Städ­te hät­ten auf­ge­holt. „Ber­lin wird dabei am häu­figs­ten mit Lon­don ver­gli­chen.“ Nur logisch, dass seit 2017 die renom­mier­te Kon­fe­renz Tech­Crunch auch in Ber­lin aus­ge­rich­tet wird.

Waren es vor zehn Jah­ren vor allem Online­händ­ler wie Zalan­do aus dem Start-up-Inku­ba­tor der seit­dem hyper­ak­ti­ven Seri­en­grün­der-Brü­der Sam­wer, B2C-Platt­for­men wie Deli­very Hero, bei­de inzwi­schen bör­sen­no­tiert, App-Ent­wick­ler wie das Start-up 6Wunderkinder (To-do-Lis­ten), das Micro­soft den sechs Grün­dern für 183 Mio. Euro abkauf­te, sowie Spe­zia­lis­ten für digi­ta­les Mar­ke­ting und Cloud Com­pu­ting, die den Grund­stein für den Boom leg­ten, geht heu­te der Trend zu neu­en Tech­no­lo­gi­en und Deep Tech.

Sofie Quidenus-Wahlforss, CEO der Qidenus Group GmbH
Sofie Qui­de­nus-Wahl­forss, CEO der Qide­nus Group GmbH, ist für das Maga­zin „For­bes“ eine von „50 Women in Tech Euro­pe“. Foto: Qide­nus / Alex­an­der Freundor­fer

So beschei­nigt der jüngs­te Glo­bal Start­up Eco­sys­tem Report Ber­lin beson­de­re Stär­ken bei Fin­techs, Inter­net of Things (IoT), Block­chain- und Kryp­towäh­rungs-Tech­no­lo­gie, KI sowie bei den Bran­chen Gesund­heits­we­sen und Life Sci­en­ces. Das Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um wähl­te denn auch Ber­lin als digi­ta­les Kom­pe­tenz­cen­ter für IoT & Fin­techs aus – als einen von ins­ge­samt zwölf Hubs, mit denen digi­ta­le Schwer­punk­te in Deutsch­land geför­dert wer­den sol­len. Zu des­sen Ber­li­ner Trä­gern gehö­ren neben dem Wirt­schafts­för­de­rer Ber­lin Part­ner die umtrie­bi­gen Ber­li­ner Com­pa­ny Buil­der Next Big Thing (IoT, Block­chain) sowie Fin­leap (Fin­techs).

Auf das Poten­zi­al von KI setzt zum Bei­spiel Sofie Qui­de­nus-Wahl­forss mit ihrem 2015 gegrün­de­ten Start-up Omni:us (Qide­nus Group GmbH). Das ana­ly­siert – ganz digi­tal – Scha­dens­mel­dun­gen von Ver­si­che­run­gen. Zu ihren Kun­den zählt die 36-Jäh­ri­ge, die das US-Maga­zin „For­bes“ kürz­lich zu einer der „50 Women in Tech Euro­pe“ kür­te, mit der Alli­anz immer­hin die deut­sche Num­mer eins der Bran­che.

Die Start-up-Sze­ne der Stadt hat mich wie ein Magnet ange­zo­gen, genau­so wie das gro­ße Öko­sys­tem mit ande­ren Grün­dern.
Sofie Qui­de­nus-Wahl­forss, CEO Qide­nus Group

Dass die gebür­ti­ge Öster­rei­che­rin in Ber­lin grün­de­te, hat nicht nur mit der Lie­be ihres Lebens zu tun. „Die Start-up-Sze­ne der Stadt hat mich wie ein Magnet ange­zo­gen, genau­so wie das gro­ße Öko­sys­tem mit ande­ren Grün­dern. Wir sind zudem sehr stolz dar­auf, in einer Mann­schaft von 50 Leu­ten 24 Natio­na­li­tä­ten zu haben.“ Ganz unge­trübt ist die Freu­de aber nicht. „Wir muss­ten aus Mit­te nach Moa­bit zie­hen, weil die Mie­ten dort zu hoch waren.“ Nicht nur die Wege der Mit­ar­bei­ter, auch die zu den Kun­den sind seit­dem etwas län­ger.

Posi­ti­ve Signa­le sen­den dafür die Inves­to­ren. Qui­de­nus-Wahl­forss gelang jüngst die nach der Früh­pha­se ent­schei­den­de Finan­zie­rungs­run­de „Series A“. 14 Mio. Euro sam­mel­te sie für ihr Unter­neh­men ein. Die­sel­be Sum­me bekam das Fin­tech Cross­Lend, das sich im Som­mer 2018 den Risi­ko­ka­pi­tal­ge­ber Ear­ly­bird und die Ber­li­ner Sola­ris­bank an Bord hol­te. Auch die nie­der­län­di­sche ABN Amro Bank stieg ein. Das Kapi­tal nutzt CEO Schimek, um die euro­päi­sche Expan­si­on vor­an­zu­trei­ben und den Ver­trieb zu stär­ken. Bis 2020 hofft der gebür­ti­ge Ber­li­ner, auf des­sen Platt­form Ban­ken Kre­di­te ver­brie­fen, um sie dann als Wert­pa­pie­re an Inves­to­ren zu ver­kau­fen, auf ein jähr­li­ches Trans­ak­ti­ons­vo­lu­men von fünf Mrd. Euro. Zu sei­nen ehr­gei­zi­gen Plä­nen zählt auch der Auf­bau einer euro­päi­schen Kre­dit­bör­se für den Wert­pa­pier­han­del. An Ber­lin schätzt Schimek kur­ze Wege zu Inves­to­ren. „Der per­sön­li­che Kon­takt zu den Kapi­tal­ge­bern ist uner­läss­lich, da die Sach­ver­hal­te schlicht zu kom­pli­ziert für Tele­fo­na­te sind.“

„Immer mehr Jung­un­ter­neh­men erhal­ten fri­sches Kapi­tal, die Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft der Kapi­tal­ge­ber bleibt hoch, und zuneh­mend wer­den auch sehr hohe Sum­men inves­tiert“, urteil­te Peter Lenn­artz, Part­ner bei EY bei der Vor­la­ge des Start-up-Baro­me­ters Euro­pa im Okto­ber 2018, und wer­tet dies auch als Beweis für die zuneh­men­de Stär­ke des gesam­ten euro­päi­schen Start-up-Öko­sys­tems. Noch nie hät­ten euro­päi­sche Start-ups in einem ers­ten Halb­jahr so viel fri­sches Kapi­tal erhal­ten wie im ver­gan­ge­nen Jahr. Ins­ge­samt flos­sen 10,2 Mrd. Euro (plus 27 Pro­zent). Mit zwei Mrd. Euro liegt Lon­don immer noch weit vorn. Platz zwei belegt wie im Vor­jahr Ber­lin (1,6 Mrd.), gefolgt von Paris (1,4 Mrd.). In Deutsch­land gehe nach wie vor viel Geld in E-Com­mer­ce-Geschäfts­mo­del­le, beob­ach­tet Lenn­artz. So war der größ­te Deal des ers­ten Halb­jah­res die Inves­ti­ti­on der japa­ni­schen Soft­bank in die Ber­li­ner Gebraucht­wa­gen­platt­form Auto1 (460 Mio. Euro).

Immer mehr Jung­un­ter­neh­men erhal­ten fri­sches Kapi­tal, die Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft der Kapi­tal­ge­ber bleibt hoch, und zuneh­mend wer­den auch sehr hohe Sum­men inves­tiert.
Peter Lenn­artz, Part­ner bei EY

Lenn­artz erwar­tet aller­dings auch hier­zu­lan­de ein Umden­ken. Gera­de im Fin­tech-Bereich bewe­ge sich viel. Mit 160 Mio. Dol­lar hat­te die Ber­li­ner Smart­pho­ne-Bank N26 im März 2018 immer­hin die bis dato größ­te Eigen­ka­pi­tal­fi­nan­zie­rung eines deut­schen Fin­techs gestemmt. Und im Novem­ber 2018 betei­lig­te sich das chi­ne­si­sche Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men Ping An, der nach Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung größ­te Ver­si­che­rer der Welt, mit 41,5 Mio. Euro an der Ber­li­ner Fin­tech-Schmie­de Fin­leap.

Auch ande­re Tech­no­lo­gie-Start-ups wür­den künf­tig leich­ter an Kapi­tal kom­men, glaubt Lenn­artz. „Unter­neh­men aus den Berei­chen Soft­ware & Ana­ly­tics inklu­si­ve Block­chain und Künst­li­che Intel­li­genz sowie Mobi­li­tät wer­den immer inter­es­san­ter, da sie bei der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on tra­di­tio­nel­ler Indus­trie­bran­chen hel­fen kön­nen – und somit von den gro­ßen Trends Indus­trie 4.0 sowie Elektromobilität/Autonomes Fah­ren pro­fi­tie­ren kön­nen.“

Kein Wun­der, dass die Kon­zer­ne die Nähe zu den Start-ups suchen. Rund 60 Pro­zent der deut­schen DAX-Kon­zer­ne haben mitt­ler­wei­le Inno­va­ti­ons­la­bo­re in Ber­lin eröff­net, um neue und eta­blier­te Indus­trie zu ver­bin­den. Da trifft es sich gut, dass bevor­zug­ter Koope­ra­ti­ons­part­ner der Start-ups laut PwC-Stu­die die eta­blier­ten Unter­neh­men sind. Zu den New­co­mern an der Spree gehört zum Bei­spiel der Bosch-Kon­zern, der Anfang 2018 einen IoT-Cam­pus im Tem­pel­ho­fer Hafen eröff­ne­te, um „Brü­cken zwi­schen unse­ren eige­nen und wei­te­ren IoT-Exper­ten der Krea­tiv- und Digi­tal­sze­ne Ber­lins zu bau­en“, wie Bosch-Chef Volk­mar Den­ner sag­te.

Sebastian Stricker, CEO der share GmbH
Sebas­ti­an Stri­cker, CEO der sha­re GmbH: Für jedes ver­kauf­te Pro­dukt erhält ein Mensch in Not ein gleich­wer­ti­ges. Foto: obs/REWE Markt GmbH/share

Sozia­le Start-ups zwi­schen den Techies

Inmit­ten der Techies füh­len sich auch sozia­le Start-ups wohl. Zum Bei­spiel die sha­re GmbH, die Mine­ral­was­ser, Müs­li­rie­gel und Hand­sei­fe unter der Mar­ke „sha­re“ her­stellt und in 5.000 Rewe- und dm-Märk­ten anbie­tet. Für jedes ver­kauf­te Pro­dukt bekom­men Men­schen in Not ein gleich­wer­ti­ges Pro­dukt. Das gute Öko­sys­tem, die Dyna­mik der Stadt und die hohe Lebens­qua­li­tät haben Geschäfts­füh­rer Sebas­ti­an Stri­cker nach dem Ver­kauf sei­nes ers­ten Start-ups an die UN über­zeugt, auch mit sei­nem zwei­ten Unter­neh­men hier­zu­blei­ben. „Gern wären wir aller­dings in einem Cowor­king Space gestar­tet, haben aber kei­ne geeig­ne­te Flä­che gefun­den. Das ist in Lon­don und Paris defi­ni­tiv ein­fa­cher“, sagt der gebür­ti­ge Öster­rei­cher, der 2014 die Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­ti­on Share­The­Meal gegrün­det hat­te, eine App, die glo­ba­len Hun­ger bekämpft. Mit einem Klick in der App wer­den 40 Cent gespen­det, die ein Kind für einen Tag lang ernäh­ren. 2015 wur­de Share­The­Meal im Rah­men der zwei­ten Finan­zie­rungs­run­de an das Welt­ernäh­rungs­pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen ange­glie­dert. Mit dem Start der sha­re GmbH schied Stri­cker schließ­lich 2017 aus.

Posi­ti­ves und Nega­ti­ves lie­gen eng bei­ein­an­der

Wie eng Posi­ti­ves und Nega­ti­ves in Ber­lin bei­ein­an­der­lie­gen, haben die Goog­le-Absa­ge und die fast gleich­zei­ti­ge Sie­mens-Zusa­ge ein­drucks­voll bewie­sen. In Sie­mens­stadt will Sie­mens auf einem Cam­pus mit For­schungs­la­bo­ren und High­tech-Pro­duk­ti­ons­an­la­gen für Start-ups Old und New Eco­no­my ver­zah­nen. In Kreuz­berg hat­te es aus Angst vor Gen­tri­fi­zie­rung mas­si­ve Pro­tes­te gegen die Cam­pus-Plä­ne von Goog­le gege­ben. Die Ame­ri­ka­ner über­las­sen jetzt das Gestal­ten ihrer Miet­flä­che der Online-Spen­den­platt­form Bet­ter­place und dem Ver­ein Karu­na, der sich für Kin­der und Jugend­li­che in Not ein­setzt. „Der Umgang mit Goog­le hat bei vie­len Unter­neh­men in- und außer­halb von Ber­lin für Befrem­den gesorgt“, sagt Hen­rik Vagt, Geschäfts­füh­rer Wirt­schaft & Poli­tik der IHK Ber­lin. „Die Stadt muss ihre Attrak­ti­vi­tät für Start-ups und Inno­va­ti­ons­zen­tren gro­ßer Unter­neh­men immer wie­der neu unter Beweis stel­len. Beson­ders bedau­er­lich ist, dass ein gro­ßer Erfolg wie die Ansied­lung des Sie­mens-Inno­va­ti­ons­cam­pus in der Außen­wahr­neh­mung durch den Fall Goog­le unnö­ti­ger­wei­se ein­ge­trübt wird.“

Anders­wo dürf­te man das Goog­le-Deba­kel auf­merk­sam ver­fol­gen. Etwa in NRW, das sich mit Initia­ti­ven wie „Digi­ta­le Wirt­schaft NRW“ pro­fi­lie­ren will. Ham­burg hat jüngst eine Fin­tech Agen­cy gegrün­det. Für Tobi­as Koll­mann, Pro­fes­sor für Unter­neh­mer­tum an der Uni Duis­burg-Essen und Lei­ter der Stu­die Deut­scher Start­up Moni­tor, steht denn auch fest: „Ber­lin liegt nach wie vor vorn. Aber der Abstand zu ande­ren deut­schen Regio­nen wird klei­ner. Die Stadt darf sich nicht auf dem aus­ru­hen, was sich im Ursprung ein­mal von allein erge­ben hat.“


Unternehmens-Profile

Cross­Lend GmbH

Fin­tech Unter­neh­men aus Berlin/Luxemburg

2014

gegrün­det, bie­tet das Fin­tech eine Platt­form auf der Ban­ken Kre­di­te ver­brie­fen und sie als Wert­pa­pie­re an Inves­to­ren ver­äu­ßern kön­nen.
Stand 01.2019

50

Mit­ar­bei­ter sor­gen dafür, dass Ban­ken ihre Bilan­zen ent­las­ten kön­nen und sich Inves­to­ren  Anla­ge­mög­lich­kei­ten bie­ten.
Stand 01.2019

Qide­nus Group GmbH

KI-Unter­neh­men aus Wien

2015

gegrün­det, arbei­tet das Unter­neh­men an Soft­ware-Lösun­gen für die Ver­si­che­rungs­bran­che.
Stand 01.2019

50

Mit­ar­bei­ter schaf­fen mit­hil­fe künst­li­cher Intel­li­genz digi­ta­le Lösun­gen für die Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on.
Stand 01.2019

sha­re GmbH

Sozia­les Start-up Unter­neh­men aus Ber­lin

2017

gegrün­det, ver­bin­det das Unter­neh­men Pro­duk­ti­on und Ver­kauf von Waren mit einem guten Zweck.
Stand 01.2019

30

Mit­ar­bei­ter pro­du­zie­ren und ver­trei­ben Mine­ral­was­ser, Müs­li­rie­gel und Sei­fe unter der Mar­ke „sha­re“.
Stand 02.2019

Ubitri­ci­ty

Gesell­schaft für ver­teil­te Ener­gie­sys­te­me mbH aus Ber­lin

2008

gegrün­det, schafft das Unter­neh­men mobi­le Lade- und Abrech­nungs­lö­sun­gen für Elek­tro­mo­bi­li­tät.
Stand 01.2019

50

Mit­ar­bei­ter  küm­mern sich um Kun­den wie Strom­ver­sor­ger und Unter­neh­men in ganz Euro­pa.
Stand 01.2019

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