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Schwer­punkt

„Mit 11.000 Azubis durch die Corona-Krise“

Melanie Krüger und Maja Richter kümmern sich um die Ausbildung bei der Deutschen Bahn. Digitalisierung wird dabei in jeder Hinsicht wichtiger – nicht nur weil in der Pandemie neue Wege in der Kommunikation gefragt sind.
von Michael Gneuss Ausgabe 09/2020

Melanie Krüger (links) und Maja Richter sind Managerinnen bei der Deutsche Bahn
Melanie Krüger (links) und Maja Richter sind Managerinnen bei der Deutsche Bahn. Seit 2018 ist Melanie Krüger Leiterin der strategischen Personal- und Führungskräfteentwicklung sowie Nachwuchskoordinatorin. Maja Richter ist seit 2017 Teamleiterin Ausbildungs- und Nachwuchsmanagement in der Personalentwicklung. Foto: Amin Akhtar
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Digitale Mittel in der Ausbildung sind gut fürs Image, aber auch für das Lernen eine Verbesserung.
  • Richtig eingesetzt, können mit ihnen auch Generationenunterschiede überwunden werden.

Die Deut­sche Bahn gehört zu den größ­ten Aus­bil­dern in Ber­lin. Rund 720 Nach­wuchs­kräf­te ler­nen der­zeit bei dem Ver­kehrs- und Logis­tik-Kon­zern einen Beruf. Mela­nie Krü­ger und Maja Rich­ter wol­len die Qua­li­tät der Aus­bil­dung unter ande­rem mit­hil­fe der Digi­ta­li­sie­rung ver­bes­sern und so gleich­zei­tig die Jobs für den Nach­wuchs attrak­tiv hal­ten.

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Ber­li­ner Wirt­schaft: Wel­che Rol­le spielt Digi­ta­li­sie­rung in der Aus­bil­dung der Deut­schen Bahn?

Mela­nie Krü­ger: Für uns haben vier Aspek­te der Digi­ta­li­sie­rung eine beson­de­re Rele­vanz. Ers­tens geht es um die Aus­stat­tung, mit der unse­re Aus­zu­bil­den­den digi­tal unter­wegs sein kön­nen. Zwei­tens wol­len wir das Know-how für den rich­ti­gen Umgang mit den tech­ni­schen Gerä­ten ver­mit­teln. Der drit­te Punkt ist für uns die Ent­wick­lung und Umset­zung von digi­ta­len Lern-For­ma­ten. Schließ­lich ist uns auch wich­tig, dass unse­re Azu­bis danach eigen­stän­dig in der Lage sind, mit den Gerä­ten wei­ter­zu­ler­nen, das Gelern­te anzu­wen­den und wei­ter­zu­ge­ben.

Wel­che Gerä­te bekom­men Ihre Azu­bis?

Krü­ger: Seit 2017 arbei­ten wir in der Berufs­aus­bil­dung über­wie­gend mit Tablets. Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir es geschafft, wirk­lich alle Azu­bis in allen Aus­bil­dungs­be­ru­fen mit einem mobi­len End­ge­rät aus­zu­stat­ten. Das sind immer­hin knapp 11.000 Nach­wuchs­kräf­te in mehr als 50 Beru­fen. Dazu zäh­len auch die dual Stu­die­ren­den und die Teil­neh­mer der Berufs­aus­bil­dungs­vor­be­rei­tung. Die Tablets wer­den als Lern­mit­tel und als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­stru­ment genutzt. Die Aus­stat­tung mit den Tablets hat übri­gens auch sehr dazu bei­getra­gen, dass wir die Aus­zu­bil­den­den nach dem Lock­down noch so gut betreu­en konn­ten. 

Was wird alles mit den Tablets gemacht?

Krü­ger: Wir haben unglaub­lich vie­le Regel­wer­ke bei der Bahn, und des­halb muss­ten wir allen Azu­bis frü­her sta­pel­wei­se Papier aus­hän­di­gen. Durch die Tablets ist es uns gelun­gen, dies auf ein Spei­cher­me­di­um zu brin­gen. Das ist viel kom­for­ta­bler und ent­las­tet die Umwelt. Ansons­ten haben wir für unter­schied­li­che Berufs­aus­bil­dun­gen natür­lich auch unter­schied­li­che Anwen­dun­gen. Zum Bei­spiel kön­nen unse­re tech­ni­schen Azu­bis mit einem digi­ta­len Tool die Lern­in­hal­te aus der Aus­bil­dungs­werk­statt und der Berufs­schu­le ver­tie­fen. Es beinhal­tet auch Vide­os und Simu­la­tio­nen der prak­ti­schen Arbei­ten.

Wie ist es bei den kauf­män­ni­schen Aus­zu­bil­den­den?

Maja Rich­ter: Bei denen prak­ti­zie­ren wir schon län­ger digi­ta­les Ler­nen. Zum Bei­spiel bekom­men sie Online-Auf­ga­ben gestellt, die sie mit einem digi­ta­len End­ge­rät erfül­len müs­sen. Die Azu­bis ste­hen dar­über auch unter­ein­an­der in engem Kon­takt. Ich glau­be, Coro­na hat uns in der Hin­sicht einen enor­men Schwung gege­ben. Wir haben jetzt über 400 Stun­den Lern­ma­te­ri­al, wel­ches wir über unse­re „DB Lern­welt“ zur Ver­fü­gung stel­len.

War­um legen Sie so gro­ßen Wert auf das The­ma Digi­ta­li­sie­rung in der Aus­bil­dung?

Rich­ter: Die Moti­ve sind divers. Natür­lich wird es von den Aus­zu­bil­den­den sehr gut auf­ge­nom­men, wenn sie direkt am ers­ten Tag ein Tablet bekom­men, wel­ches sie auch mit nach Hau­se neh­men und pri­vat nut­zen dür­fen. Auch für die Berufs­schu­le ist es gedacht. Außer­dem blei­ben die Azu­bis ja nicht für immer Azu­bis. Wir wol­len, dass sie wei­ter­ler­nen, wenn sie danach in unse­rer Arbeits­welt inte­griert sind. Schließ­lich stei­gen die Anfor­de­run­gen in jedem Beruf immer wei­ter. Ich fin­de außer­dem, dass ein End­ge­rät mitt­ler­wei­le nötig ist, um am Leben teil­neh­men zu kön­nen. Die­se Teil­ha­be wol­len wir ihnen ermög­li­chen.

Steigt die Qua­li­tät der Aus­bil­dung durch Digi­ta­li­sie­rung?

Krü­ger: Ja, gera­de durch Simu­la­tio­nen. Vor allem für unse­re Aus­bil­dung zum Lok­füh­rer oder Fahr­dienst­lei­ter ist die Simu­la­ti­on sehr hilf­reich. Sie ist kein Ersatz für die Pra­xis drau­ßen am Zug, aber mit einem Simu­la­ti­ons­trai­ning sind die Aus­zu­bil­den­den bes­ser vor­be­rei­tet auf den Moment, in dem sie tat­säch­lich im Füh­rer­stand ste­hen. Simu­la­tio­nen sind außer­dem sehr vor­teil­haft, um Stör­sach­ver­hal­te nach­zu­bil­den. Es ist wich­tig, die Reak­ti­ons­fä­hig­keit im Stör­be­trieb zu trai­nie­ren. Das kön­nen wir aller­dings nicht im sicher­heits­re­le­van­ten Bereich direkt auf der Lok machen.

Wir haben es geschafft, wirk­lich alle Azu­bis in allen Aus­bil­dungs­be­ru­fen mit einem digi­ta­len End­ge­rät aus­zu­stat­ten.
Mela­nie Krü­ger

Wie haben Sie den Lock­down erlebt? So plötz­lich dar­über ent­schei­den zu müs­sen, ob und wie so vie­le Azu­bis im Home­of­fice wei­ter­ler­nen sol­len, ist sicher­lich nicht ein­fach.

Krü­ger: Am 16. März hat­ten wir die Schlie­ßun­gen. Ich weiß noch, wie ich am Wochen­en­de davor mit unse­rem inter­nen Dienst­leis­ter DB Trai­ning in einem inten­si­ven Aus­tausch dar­über stand, wie nun vor­zu­ge­hen sei. Die Berufs­schu­len waren geschlos­sen, und irgend­wie muss­ten wir mit 11.000 Azu­bis durch die Coro­na-Kri­se kom­men und eine Lösung fin­den, die funk­tio­niert. Die Ent­schei­dung, unse­re Aus­zu­bil­den­den ins Home­of­fice zu schi­cken, haben wir recht schnell getrof­fen. Unse­re 30 Aus­bil­dungs­werk­stät­ten und 19 Trai­nings­zen­tren haben dar­auf­hin geschlos­sen.

Wel­che Rol­le spielt dabei DB Trai­ning?

Rich­ter: Wir haben ein tria­les Sys­tem in der Aus­bil­dung: die Berufs­schu­le, die Aus­bil­dung im Betrieb und dazu unse­ren inter­nen Trai­nings­an­bie­ter DB Trai­ning, der als Part­ner fach­li­che und über­fach­li­che The­men ver­mit­telt. Nach­dem wir die Schlie­ßung der Aus­bil­dungs­stät­ten geplant hat­ten, haben wir mit den Geschäfts­fel­dern und Aus­bil­dern von DB Trai­ning noch in der­sel­ben Woche orga­ni­siert, dass die Azu­bis in vir­tu­el­len Klas­sen­zim­mern unter­rich­tet wer­den konn­ten. Dort war immer ein Lern­be­glei­ter oder Aus­bil­der dabei, der den Azu­bis gehol­fen hat und mehr­mals täg­lich mit ihnen Kon­takt hat­te.

Hat das alles so schnell auch wirk­lich gut funk­tio­niert?

Krü­ger: Natür­lich hat es anfangs an der einen oder ande­ren Stel­le im Sys­tem noch etwas gehakt. Mir wur­de aber recht schnell berich­tet, dass sich eine Mut­ter bei uns beschwert hat­te, weil ihr Kind den gan­zen Tag zu Hau­se am Ler­nen sei. Das war für mich ein High­light, denn so soll es sein.

Wie vie­le Azu­bis sind heu­te noch im Home­of­fice?

Krü­ger: Mitt­ler­wei­le sind etwa 30 Pro­zent wie­der an ihre Arbeits­plät­ze zurück­ge­kehrt. Die Aus­bil­dungs­werk­stät­ten sind seit Mai wie­der geöff­net. Das war auch extrem wich­tig, weil eini­ge Aus­zu­bil­den­de inzwi­schen die Prü­fung absol­viert haben und die ent­spre­chen­de Vor­be­rei­tung noch gut gebrau­chen konn­ten.

Rich­ter: Wir wer­den dabei krea­tiv und gehen neue Wege. In eini­gen Berei­chen arbei­ten wir neu­er­dings im Schicht­be­trieb, damit nicht die glei­che Anzahl an Men­schen zur glei­chen Zeit im Gebäu­de ist. Außer­dem ist der Tages­ab­lauf der Aus­zu­bil­den­den immer noch in Teil­mo­du­len orga­ni­siert. Bei­spiels­wei­se haben sie sechs Stun­den Prä­senz in der Aus­bil­dungs­werk­statt und berei­ten die­se durch zwei Stun­den im Home­of­fice mit vir­tu­el­len For­ma­ten vor und nach.

Muss­ten Sie eine Art Online-Eti­ket­te für die vir­tu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Azu­bis ein­füh­ren?

Krü­ger: Wir brin­gen ihnen natür­lich die Basics bei: Wann schal­te ich die Kame­ra ein? Soll­te ich einen Hin­ter­grund haben? Wann schal­te ich das Mikro­fon ein, und wann schal­te ich es wie­der aus? Wie nut­ze ich den Chat? Dazu gehört auch, dass man kon­zen­triert mit­ar­bei­tet und sich nicht ein­wählt und dann in den Gar­ten geht. Aber vie­les ergibt sich in der Pra­xis, und wir sind ja auch noch selbst ein biss­chen am Aus­pro­bie­ren in die­ser Hin­sicht.

Ist die­se Genera­ti­on nicht auch schon ver­traut mit Online-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men?

Rich­ter: Der Umgang mit den digi­ta­len Gerä­ten fällt ihnen über­haupt nicht schwer. Die Gerä­te jedoch auch ziel­ge­rich­tet ein­zu­set­zen, ist eine ande­re Sache. In der Berufs­welt haben sie die End­ge­rä­te noch nicht genutzt. Des­halb haben wir bei der Ein­füh­rung der Tablets auch die­ses The­ma in die Start-Semi­na­re ein­ge­baut: Wie ler­ne ich mit digi­ta­len Gerä­ten? Wie kann ich sie in den Lern­pro­zess ein­bin­den?

Wir sind auf den wich­ti­gen Kanä­len wie Insta­gram oder You­Tube im Recrui­t­ing gut unter­wegs.
Maja Rich­ter

Ist es Ihrer Ansicht nach auch mög­lich, den jun­gen Mit­ar­bei­tern im Home­of­fice eine emo­tio­na­le Bin­dung an das Unter­neh­men mit­zu­ge­ben, oder müs­sen sie dazu die räum­li­che Nähe zum Arbeit­ge­ber haben?

Rich­ter: Ich bin über­zeugt, dass das auch in der Online-Welt sehr gut funk­tio­niert – jeden­falls wenn die Aus­zu­bil­den­den mer­ken, dass ihr Arbeit­ge­ber ihnen zu Hau­se einen ech­ten Mehr­wert bie­tet und sich in die­ser Hin­sicht von ande­ren abhebt. Sie wer­den schnell mer­ken, dass sich die Arbeit im Home­of­fice posi­tiv auf die Work-Life-Balan­ce aus­wir­ken kann.

Wie wür­den Sie die Genera­ti­on der heu­ti­gen Aus­zu­bil­den­den beschrei­ben?

Krü­ger: Bei der Bahn haben wir ein Genera­tio­nen-Manage­ment. Aktu­ell sind vier Genera­tio­nen beschäf­tigt. Wir spü­ren einen star­ken Unter­schied zwi­schen den Baby­boo­mern und der Genera­ti­on, die jetzt anfängt. Die neue Azu­bi-Genera­ti­on enga­giert sich enorm. Sie wol­len früh an Ent­schei­dun­gen teil­ha­ben, mit­ge­stal­ten und nach ihrer Mei­nung gefragt wer­den. Sie sind sich ihrer Fähig­kei­ten in der digi­ta­len Welt bewusst und wol­len Input geben, um für das Unter­neh­men Mehr­wert zu stif­ten. Umge­kehrt fällt es ihnen schwer, die Tat­sa­che anzu­er­ken­nen, dass Kol­le­gen über Erfah­run­gen ver­fü­gen, die sie noch nicht haben.

Müs­sen Sie die neue Azu­bi-Genera­ti­on im Recrui­t­ing heu­te anders anspre­chen als die frü­he­ren Genera­tio­nen?

Rich­ter: Ja, und das gelingt uns gut. Wir sind auf den wich­ti­gen Kanä­len wie Insta­gram und You­Tube im Recrui­t­ing gut unter­wegs. Wir haben bei der Deut­schen Bahn Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen, die sich mit dem The­ma „ziel­grup­pen­ge­rech­te Spra­che“ sehr gut aus­ken­nen. Es gab zuletzt auch einen Wett­be­werb, der uns das beschei­nigt: Wir haben den vier­ten Platz beim Azu­bi-Com­mu­ni­ca­ti­on-Ran­king belegt. Wir spre­chen auch nicht nur die Ziel­grup­pe direkt an, son­dern auch die Mit­tel­ziel­grup­pe – also die Eltern und die Leh­rer. Das haben wir auch in Coro­na-Zei­ten fort­ge­setzt. Wir haben vir­tu­el­le Schul­be­su­che und vir­tu­el­le Eltern­aben­de besucht.

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