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„Wer Roboter programmiert, braucht keinen Uni-Abschluss“

Gerd Woweries leitet das Ausbildungszentrum von ABB, in dem für 160 Firmen Azubis betreut werden. Er warnt vor übermäßiger Akademisierung und betont, wie wichtig duale Ausbildung ist.
von Michael Gneuss Ausgabe 06/2019

Gerd Woweries wechselte 2015 zur ABB Ausbildungs­zentrum gGmbH, zunächst als Prokurist
Gerd Woweries wechselte 2015 zur ABB Ausbildungs­zentrum gGmbH, zunächst als Prokurist. Foto: Amin Akhtar
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  • Das ABB betreut Auszubildende für 160 Firmen.
  • Woweries: „Viele Jugendliche erkennen die Chancen der dualen Ausbildung nicht.“

Aus­bil­dun­gen in ins­ge­samt 24 Beru­fen der Metall- und Elek­tro­bran­che bie­tet die ABB Aus­bil­dungs­zen­trum Ber­lin gGmbH in Ber­lin an. Gerd Wowe­ries sorgt als Geschäfts­füh­rer dafür, dass eine struk­tu­rier­te Aus­bil­dung an moderns­ter Tech­nik ins­be­son­de­re auch für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men aus Ber­lin und Bran­den­burg mög­lich ist.

Ber­li­ner Wirt­schaft: War­um bie­tet ABB Berufs­aus­bil­dun­gen auch für ande­re Unter­neh­men an?

Gerd Wowe­ries: Wir sind hier in Wil­helms­ruh auf einem tra­di­ti­ons­rei­chen Indus­trie­are­al ansäs­sig, an dem Aus­bil­dung seit über 100 Jah­ren eine gro­ße Rol­le spielt. ABB setzt die­se Tra­di­ti­on fort und leis­tet hier seit 1990 eben­falls sehr erfolg­rei­che Bil­dungs­ar­beit. Anfangs sind Aus­zu­bil­den­de ande­rer Fir­men ange­nom­men wor­den, um das Aus­bil­dungs­zen­trum aus­zu­las­ten. Mitt­ler­wei­le hat es sich zu einer ech­ten Erfolgs­ge­schich­te ent­wi­ckelt. Der über­wie­gen­de Teil der über 800 Azu­bis kommt aus rund 160 Unter­neh­men Ber­lins und Bran­den­burgs, für die wir Tei­le der Aus­bil­dung über­neh­men.

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Braucht ABB nicht auch vie­le Fach­kräf­te?

Doch natür­lich. ABB hat noch ein zwei­tes Aus­bil­dungs­zen­trum in Hei­del­berg. Dort wer­den über­wie­gend eige­ne Kon­zern-Azu­bis und dual Stu­die­ren­de betreut. Ber­lin wird sich zusätz­lich zu einem Wei­ter­bil­dungs­stand­ort für den Kon­zern wei­ter­ent­wi­ckeln. ABB ist aber auch ein sehr sozi­al den­ken­der Kon­zern und enga­giert sich stark für die dua­le Aus­bil­dung, beson­ders für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men, damit die­se auch ihren eige­nen Fach­kräf­te­nach­wuchs aus­bil­den kön­nen. Für die Regi­on ist es eben­falls wich­tig, über aus­rei­chend gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te zu ver­fü­gen. Natür­lich ist es für den Kon­zern auch kein Nach­teil, wenn vie­le Fach­kräf­te an moderns­ter ABB-Tech­nik aus­ge­bil­det wer­den und mit ihr ver­traut sind.

Bekom­men Sie den Fach­kräf­te­man­gel zu spü­ren?

Wir sind momen­tan voll aus­ge­las­tet. Betrof­fen sind wir von die­ser Ent­wick­lung also der­zeit nicht. In Ber­lin ist es auch noch deut­lich ein­fa­cher, Aus­zu­bil­den­de und Fach­kräf­te zu fin­den, als in vie­len süd­deut­schen Regio­nen. Aber natür­lich bekom­men auch wir mit, dass es schwie­ri­ger wird, Aus­bil­dungs­stel­len mit geeig­ne­ten Jugend­li­chen zu beset­zen.

Ausbildungen in 24 Berufen hat das ABB Ausbildungszentrum im Angebot. Der ­Renner ist derzeit der Mechatroniker
Aus­bil­dun­gen in 24 Beru­fen hat das ABB Aus­bil­dungs­zen­trum im Ange­bot. Der ­Ren­ner ist der­zeit der Mecha­tro­ni­ker. Foto: Amin Akhtar

Zumal Sie den Unter­neh­men anbie­ten, auch die Suche nach dem Nach­wuchs zu über­neh­men. Wel­che Erfah­run­gen machen Sie dabei?

Wir mer­ken immer wie­der, dass in Ber­lin lei­der vie­le Jugend­li­che die Schu­le ohne einen Abschluss ver­las­sen oder sich mit schlech­ten Abschlüs­sen auf einen Aus­bil­dungs­platz für sehr anspruchs­vol­le Beru­fe bewer­ben. Auf der ande­ren Sei­te machen immer mehr Schüler/innen das Abitur und wol­len stu­die­ren, obwohl für sie eine dua­le Berufs­aus­bil­dung bes­ser geeig­net und viel­leicht auch span­nen­der wäre. Das Ange­bot an Schul­ab­sol­ven­ten, die für eine klas­si­sche dua­le Aus­bil­dung infra­ge kom­men, wird daher immer knap­per. Ich hal­te den der­zei­ti­gen Aka­de­mi­sie­rungs­wahn für eine bedenk­li­che Ent­wick­lung.

War­um?

Weil die­se Ent­wick­lung am Bedarf der Unter­neh­men vor­bei­geht – auf der einen Sei­te. Auf der ande­ren Sei­te erken­nen lei­der auch vie­le Jugend­li­che nicht, wel­che Chan­cen ihnen die dua­le Aus­bil­dung bie­tet. Die Zahl derer, die sich im Stu­di­um gar nicht wohl­füh­len, ist groß. Das zeigt die hohe Abbre­cher­quo­te vor allem in den tech­ni­schen Stu­di­en­gän­gen.

Brau­chen Unter­neh­men nicht mög­lichst vie­le, mög­lichst hoch qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te?

Ich glau­be nicht, dass der Absol­vent eines Bache­lor-Stu­di­ums deut­lich höher qua­li­fi­ziert ist als der Absol­vent einer drei- oder drei­ein­halb­jäh­ri­gen dua­len Aus­bil­dung. Wer heu­te einen Robo­ter pro­gram­miert, braucht dafür kei­nen Uni-Abschluss. Ein jun­ger Mensch mit einer guten Berufs­aus­bil­dung ist auf­grund sei­ner Erfah­run­gen in der Pra­xis oft sogar viel bes­ser in den Unter­neh­men ein­setz­bar. Ich glau­be auch nicht, dass ihm weni­ger Kar­rie­re­we­ge offen­ste­hen. Unse­re Beru­fe sind zukunfts­si­cher und wer­den gut bezahlt.

Ich hal­te den der­zei­ti­gen Aka­de­mi­sie­rungs­wahn für eine bedenk­li­che Ent­wick­lung.
- Gerd Wowe­ries

Wie lässt sich das bes­ser kom­mu­ni­zie­ren?

Wir gehen in die Schu­len und zei­gen dort schon Sechst- und Siebt­kläss­lern die Mög­lich­kei­ten einer dua­len Aus­bil­dung auf. Übri­gens spre­chen wir gezielt auch Mäd­chen und jun­ge Frau­en an. Zum Bei­spiel bie­ten wir mit unse­rem Pro­jekt „girl­sa­tec“, wel­ches durch das Land Ber­lin geför­dert wird, in den Schul­fe­ri­en Tech­nik­camps an, in denen sie erle­ben, was bei­spiels­wei­se eine Indus­trie­me­cha­ni­ke­rin in der Aus­bil­dung lernt und wel­che Ein­satz­mög­lich­kei­ten sie spä­ter in den Unter­neh­men erwar­tet. Sie sehen dann, dass die­se Beru­fe nicht mehr dre­ckig sind und schwe­re Arbeit von Maschi­nen über­nom­men wird.

Wel­ches Echo bekom­men Sie von jun­gen Frau­en?

Wir bekom­men viel posi­ti­ves Feed­back. Die Zahl der weib­li­chen Aus­zu­bil­den­den steigt bei uns, ist aller­dings immer noch viel zu nied­rig. Der­zeit liegt unse­re Frau­en­quo­te bei sie­ben Pro­zent. Ich bin aber über­zeugt davon, dass sie wei­ter nach oben klet­tern wird. Es ist ein Irr­glau­be, dass die Metall- und Elek­tro­be­ru­fe nichts für Frau­en sind. Im Gegen­teil: In vie­ler­lei Hin­sicht haben Frau­en sogar Vor­tei­le. Sie sind zum Bei­spiel sehr ziel­stre­big, haben eine hohe Moti­va­ti­on, häu­fig auch sehr gute Kennt­nis­se in Mathe­ma­tik und natur­wis­sen­schaft­li­chen Fächern und haben die oft not­wen­di­ge Fein­mo­to­rik.

Seit 2017 ist Gerd Woweries Geschäftsführer
Seit 2017 ist Gerd Wowe­ries Geschäfts­füh­rer. Foto: Amin Akhtar

Sie müs­sen sicher immer wie­der in teu­re Maschi­nen inves­tie­ren, oder?

Ja. Wir wol­len im Rah­men der Aus­bil­dung in unse­rem Hau­se den Stand der Tech­nik auf­zei­gen. Es wird gera­de ein Neu­bau errich­tet, in dem unter ande­rem eine Industrie-4.0-Anlage als Aus­bil­dungs­mit­tel auf­ge­baut wird. Ver­netz­te Pro­duk­ti­ons­sys­te­me sind in vie­len Unter­neh­men mitt­ler­wei­le im Betrieb. Die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on die­ser Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, unter ande­rem der Umgang mit rela­tiv neu­en Ver­fah­ren wie der addi­ti­ven Fer­ti­gung – 3D-Druck – sowie die Kol­la­bo­ra­ti­on zwi­schen Mensch und Maschi­ne sowie Maschi­ne und Maschi­ne müs­sen in die Aus­bil­dung und Wei­ter­bil­dung inte­griert wer­den.

Wor­um geht es da spe­zi­ell?

Die Kom­ple­xi­tät infor­ma­ti­ons­tech­nisch ver­netz­ter Sys­te­me soll mit der Industrie-4.0-Anlage erleb­bar gemacht wer­den. Es geht nicht mehr dar­um, klein­schrit­ti­ge tech­ni­sche Lösun­gen zu beherr­schen, son­dern dar­um, sich Lösungs­kom­pe­ten­zen zu erar­bei­ten. Die Fach­kräf­te von mor­gen müs­sen die Kom­pe­ten­zen haben, tech­ni­sche Her­aus­for­de­run­gen zu lösen und mit Tech­no­lo­gi­en zu arbei­ten, von denen sie heu­te noch nichts wis­sen. Sys­te­me wie ein Digi­ta­ler Zwil­ling, Con­di­ti­on Moni­to­ring, Fern­war­tung, das Tea­ching kol­la­bo­ra­ti­ver Robo­ter sowie der Umgang mit geführ­ten Hand­ar­beits­plät­zen müs­sen unter rea­lis­ti­schen, indus­tri­el­len Bedin­gun­gen auf­ge­zeigt wer­den. Die­sen Kom­pe­tenz­er­werb ver­spre­chen wir uns von der Inves­ti­ti­on in die Industrie-4.0-Anlage.

Wie ver­än­dern sich Beru­fe durch Digi­ta­li­sie­rung?

Die Digi­ta­li­sie­rung schrei­tet in den Betrie­ben rasant vor­an. Vie­le Rah­men­lehr­plä­ne in den klas­si­schen Berufs­aus­bil­dun­gen kön­nen mit die­ser Ent­wick­lung nicht mehr Schritt hal­ten. Des­halb ist auch das The­ma Wei­ter­bil­dung so wich­tig – und des­halb bie­ten wir unter ande­rem Zusatz­qua­li­fi­ka­tio­nen für digi­ta­le Kom­pe­ten­zen an.

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