Berliner Wirtschaft März 2026

Nein zur Abgabe! Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer setzen ein Zeichen: Stoppt die Ausbildungsplatzabgabe! Warum sie der Wirtschaft schadet und rechtlich bedenklich ist Seite 20 Mehr in der BW Online Das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Berlin 03/2026 ihk.de/berlin

Sebastian Stietzel ist Präsident der IHK Berlin und Geschäftsführer der Marktflagge GmbH, Management & Investments Es ist nicht zu übersehen: Diese Ausgabe hat vor allem eine Botschaft – Ja zur Ausbildung, aber Nein zur Ausbildungsplatzabgabe. Vom Start-up über den Mittelstand bis zum internationalen Konzern machen Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer deutlich: Ausbildungsplätze lassen sich nicht verordnen. Zumal trotz schwieriger Lage mehr ausgebildet wird: Laut IHK-Konjunkturerhebungen bewerten Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage so schlecht wie seit der Corona-Krise nicht mehr. Trotzdem hat die Berliner Wirtschaft im Vergleich zu 2023 die Zahl der Ausbildungsverhältnisse deutlich gesteigert. Wer Unternehmen jetzt dennoch bestraft, riskiert weniger Ausbildung – statt mehr zu schaffen. Die Argumente sind längst bekannt, jetzt ist Zeit zum Handeln. Es wäre ein fatales Signal an den Wirtschaftsstandort, wenn Bürokratie-Aufbau über wirksame Lösungen die Oberhand gewinnen würde. Die Politik muss die duale Ausbildung zusammen mit der Wirtschaft durch intensive Berufsorientierung und erfolgreicheres Matching stärken und die Ausbildungsplatzabgabe stoppen. Ihr Kongress Impulse aus Wien, Paris, Kopenhagen, Toronto und Singapur zeigten beim IHK-Kongress zur „Weltmetropole Berlin“, mit welchen Strategien Stadtentwicklung effizienter und wirtschaftsfreundlicher gestaltet werden kann. Mit 600 Akteuren war der Kongress auch quantitativ ein Erfolg. Seite 10 Absage an Abgabe berliner-wirtschaft.de Mehr Business-News und Storys aus den Unternehmen der Hauptstadt, dazu Zahlen, Fakten und Meinungen bietet der Online-Auftritt der „Berliner Wirtschaft“: ZEICHNUNG: ANDRÉ GOTTSCHALK; TITEL UND ALLE WEITEREN FOTOS DER INITIATIVE GEGEN DIE AUSBILDUNGSPLATZABGABE: JENS AHNER, KONSTANTIN GASTMANN Editorial | 03 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

20 Ausbildungsplatzabgabe Nicht nur Unternehmen halten die geplante Abgabe für das falsche Instrument, auch Juristen hegen Zweifel BRANCHEN 32 Künstliche Intelligenz Start-up Revel8 trainiert Firmen gegen Cyberattacken 36 Start-up Johannes Kotte, Absora GmbH, über sein Konzept 39 Gastgewerbe Das Hotel Oderberger feiert seinen zehnten Geburtstag 41 Social Economy SmartDe eG zeigt Wege für die Soloselbstständigkeit 42 Klimaschutzpartner 25. Wettbewerb im Roten Rathaus festlich eröffnet 44 Dienstleistung Seit 25 Jahren sorgt Brauco Rohr- und Umweltservice dafür, dass alles im Fluss ist 45 Historie Hein, Lehmann & Co. wollte nicht nur mit dem Berliner Funkturm hoch hinaus AGENDA 10 Kongress IHK sucht gemeinsam mit 600 Akteuren Lösungen für die „Weltmetropole Berlin“ 12 Sicherheit Beim „Wargame“ wurden in der IHK Berlin Strategien für Krisensituationen geprobt 14 Konjunktur Aktuelle Umfrage zeigt, dass die Schwächephase andauert 17 Kolumne Stefan Spieker fordert strukturelle Verbesserungen in der Bildungskette 18 Innovationen Jury kürt Projekte für das Reallabor „100m Zukunft“ in der Fasanenstraße FOKUS 20 Ausbildungsplatzabgabe Die vom Berliner Senat geplante Abgabe bestraft Unternehmen, anstatt Potenziale zu heben 25 Gutachten Jurist Christian Waldhoff kritisiert an der Abgabe die Ungleichbehandung 31 Kommentar „Ideologie schlägt Vernunft“, sagt IHK-Präsident Sebastian Stietzel und fordert den Stopp des geplanten Gesetzes Sebastian Stietzel Präsident der IHK Berlin 31 Wer es ernst meint mit der Fachkräftesicherung, muss endlich an die Ursachen ran. FOTOS: GETTY IMAGES, IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN (2) Berliner Wirtschaft 03 | 2026 Inhalt | 04

Kongress IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner bei einer der Diskussionsrunden zur „Weltmetropole Berlin“ 10 FACHKRÄFTE 46 Weiterbildung IHK-Ausbilderlehrgänge gewährleisten Praxisnähe 49 Berufsorientierung Begegnungen zwischen Jugendlichen und Betrieben wecken Ausbildungsinteresse 50 Internationale Talente Zielgerichtetes Projekt sorgt für gutes Ankommen in Berlin 51 Botschafter Azubis berichten in Schulen von ihrem Berufsalltag 52 Ehrenamt IHK-Schlichtungsausschuss zieht positive Bilanz für 2025 55 Verbundausbildung Facettenreiches Lernen im InterContinental Berlin SERVICE 56 Smart Tourism Branche setzt auf digitale Lösungen, etwa zum Steuern von Besucherströmen 59 Beratung Was 2026 bei der Einfuhr von CBAM-Waren aus Drittländern zu beachten ist 60 Nachhaltigkeit Zahlreiche Zukunftsthemen prägen den Sustainability Day im Ludwig Erhard Haus 03 Editorial | 35 Impressum | 62 Seminare 65 Gestern & Heute | 66 Zu guter Letzt Schreiben Sie uns Worüber möchten Sie in der „Berliner Wirtschaft“ informiert werden? Senden Sie Ihre Anregungen per Mail an: bw-redaktion@berlin.ihk.de Berliner Wirtschaft 03 | 2026 Inhalt | 05

Manja Schreiner Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin

Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer wehren sich gegen die vom Senat geplante Ausbildungsplatzabgabe Rote Karte gegen die Strafabgabe den. Für die Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Wirtschaft ist klar: Mit einer Strafabgabe wird kein einziger Ausbildungsplatz geschaffen. Stattdessen wird ein Bürokratie-Monster zum Leben erweckt, das zusätzliche Kosten verursacht und auch noch Unternehmen bestraft, die seit Jahren vorbildlich ausbilden. Nachdem bereits die 70 größten Arbeitgeber der Stadt einen Stopp der Strafabgabe gefordert haben, zeigen jetzt Unternehmerinnen und Unternehmer individuell, was sie von der Strafabgabe halten: Nichts. Die Berliner Wirtschaft wehrt sich vehement gegen die verfassungsrechtlich höchst umstrittene, aber dennoch vom Senat geplante Ausbildungsplatzabgabe. Mit Statements zeigen Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Hauptstadt nunmehr persönlich der Landesregierung die „rote Karte“. Um was geht es? Unternehmen und Handwerksbetriebe, aber auch Landesbehörden und Institutionen sollen eine Strafabgabe zahlen, unabhängig davon, ob sie ausbilden oder nicht. Später sollen sie, je nachdem wie viele Ausbildungsplätze sie besetzt haben, Geld zurückerhalten. Der Senat will so erzwingen, dass mehr Ausbildungsplätze geschaffen werOke Harms Kickerkult e.K. Jutta dos Santos Miquelino and dos Santos GmbH Gerd Woweries ABB Ausbildungszentrum Berlin gGmbH Mehr Informationen für Unternehmen: ihk.de/berlin/ ausbildungsplatz- abgabe Initiative | 07

„Damit wir die Potenziale der KI noch besser heben können, kommt es auf praxisnahe und verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen an. Bei allem technologischen Fortschritt ist die digitale Resilienz ausschlaggebend für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts. Angesichts der zunehmenden geopolitischen Herausforderungen braucht es eine ambitionierte wie strategische Förderung der technologischen und digitalen Souveränität.“ Laut IHK-Umfrage warnen Berliner Unternehmer vor zu viel Hard- und Software aus Nicht-EU-Ländern Mehr digitale Souveränität gesagt Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin IHK Berlin 1,3 % weniger Verkaufsfläche hat Berlins Einzelhandel 2021 im Vergleich zum Jahr 2015 betrieben. Das geht aus dem „Stadtentwicklungsplan Zentren 2040“ hervor. In absoluten Zahlen ist das ein Flächenverlust von 60.000 Quadratmetern und der erste Rückgang seit dem Mauerfall. kopf oder zahl Dr. Jürgen Amann Mike Dargan wird zum 1. Juni neuer Geschäftsführer für Destinationsmarketing & Commercial bei VisitBerlin. Der seit 2009 amtierende Geschäftsführer Burkhard Kieker erreicht im Sommer die gesetzliche Altersgrenze. Amann wird zusammen mit Sabine Wendt VisitBerlin führen. Seit Februar 2020 leitet der Wirtschaftsgeograf und gebürtige Oberbayer die Kölntourismus GmbH. ist vom Aufsichtsrat der N26 SE zum neuen CEO der Digitalbank ernannt worden. Er wird sein neues Amt Anfang April antreten. Dargan kommt von der UBS Group AG, wo er als Vorstandsmitglied tätig war. Als Group Chief Operations und Technology Officer leitete er bei der UBS große globale Digitalisierungsinitiativen, die auf Kundenzufriedenheit abzielen. FOTOS: UBS, DIETER JACOBI, PHILIPP ARNOLDT, ISTOCKPHOTO, IMAGO IMAGES Berliner Wirtschaft 03 | 2026 Kompakt | 08

Angaben in Prozent Steht bei Ihnen das Thema Unternehmensnachfolge an? 2022 2026 2022 2026 Wie regeln Sie die Nachfolge in Ihrem Unternehmen? Ja, innerhalb der nächsten fünf Jahre Übergabe an ein Familienmitglied Übergabe an eine Mitarbeiter/in Übergabe an einen externen Dritten Schließung Ja, innerhalb der nächsten zehn Jahre Ja, aber erst langfristig (über zehn Jahre) Nein, das Thema ist nicht relevant , , , , , , , , , , , , , , , , Angaben in Prozent Steht bei Ihnen das Thema Unternehmensnachfolge an? 2022 2026 2022 2026 Wie regeln Sie die Nachfolge in Ihrem Unternehmen? Ja, innerhalb der nächsten fünf Jahre Übergabe an ein Familienmitglied Übergabe an eine Mitarbeiter/in Übergabe an einen externen Dritten Schließung Ja, innerhalb der nächsten zehn Jahre Ja, aber erst langfristig (über zehn Jahre) Nein, das Thema ist nicht relevant , , , , , , , , , , , , , , , , 58,6 % der Unternehmer in Berlin sehen die größte Herausforderung in der Findung eines geeigneten Nachfolgers. 20,7 % der Umfrageteilnehmer halten bürokratische Hindernisse für das größte Problem bei der Nachfolgesuche. Patrick Schulze, IHK-Experte für Statistik Tel.: 030 / 315 10-226 patrick.schulze@berlin.ihk.de Unternehmensnachfolge im Wandel Anders als vor vier Jahren ist die Übergabe an ein Familienmitglied laut einer Umfrage der IHK Berlin nicht mehr die häufigste Lösung berliner wirtschaft in zahlen Rollen Sie noch oder stehen Sie schon? Berlin ist Stau-Hauptstadt, ein mit viel Sitzfleisch erkämpfter Spitzenplatz. Navigationsanbieter TomTom ermittelte für 2025 ein gesunkenes Durchschnittstempo von 17 Stundenkilometern. Gemessen wird das in 386 Verkehrszellen, kein Wunder, dass sich viele Autofahrer wie eingesperrt fühlen. Brücken- und andere Baustellen sind Nadelöhre, unter denen Pendler ebenso leiden wie der Wirtschaftsverkehr. Und doch bot im zurückliegenden Winter die Straße den zuverlässigsten, mitunter einzigen Weg von A nach B. Selbst E-Autos fuhren problemlos. Das lässt sich nicht von allem sagen, das mit Strom betrieben wird. bw Was finden Sie typisch? Schreiben Sie uns: bw-redaktion@berlin.ihk.de Zuverlässig langsam typisch berlin Grafiken: BW Quelle: Umfrage IHK Berlin Kompakt | 09

Der IHK-Kongress „Weltmetropole Berlin“ brachte 600 Akteure zusammen, um Wege zu einer erfolgreichen Metropole aufzuzeigen von Ronja Schoenau Mut, Tempo und eine Vision sind gefragt Helle Søholt Architektin und Stadtplanerin Lebendige, resiliente Städte brauchen hochwertigen öffentlichen Raum, gutes Wohnen und integrierte Mobilität. 1 2 3 agenda

1 Zu Gast beim IHK-Kongress: Kai Wegner, Regierender Bürgermeister, befürwortet ebenfalls die Expo 2035 in Berlin 2 Die dänische Stadtplanerin Helle Søholt skizzierte die Kernelemente für eine erfolgreiche Metropole 3 Die Initiative „Einfach Bauen Berlin“ stellte Bausenator Christian Gaebler beim Kongress vor Der IHK‑Kongress „Weltmetropole Berlin” Ende Januar machte deutlich, was Berlin jetzt braucht: mehr Umsetzungsstärke, eine gemeinsame Vision, verlässliche Anreize und eine aktive Einbindung der Wirt‑ schaft als Partner. Rund 600 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft diskutierten, wie Prioritäten, bes‑ sere Abstimmungen zwischen Verwaltungsebe‑ nen und entschlossenes, datenbasiertes Handeln Berlin als Innovationsstandort stärken können. Dabei zeigten Impulse aus Kopenhagen, Wien, Paris, Toronto und Singapur, welche Strategien weltweit Stadtentwicklung effizienter und wirt‑ schaftsfreundlicher gestalten. Paris ordnet den öffentlichen Raum anhand politischer Prioritäten neu. Singapur setzt Maßstäbe mit digitalen Pla‑ nungsprozessen, verbindlichen Leistungskenn‑ zahlen und straffem Baustellenmanagement. Toronto zeigt, wie Großveranstaltungen als Stadtentwicklungsbeschleuniger wirken; auch Berlin hätte gute Voraussetzungen für eine Expo 2035. Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit bleibt die bessere Anbindung des Flughafens BER zentral. Beim Tempelhofer Feld sind eine an den Sustainable Development Goals orientierte Pla‑ nung, ein stabiles Konzept, frühe Beteiligung und starke Partnerschaften zentrale Voraussetzun‑ gen für ein Vorzeigequartier. „Städte brauchen Langzeitvisionen, die konsequent fortentwickelt werden, damit Exzellenz systematisch gefördert wird“, betonte Maria Vassilakou, ehemalige Vize‑ bürgermeisterin von Wien. Mobilitätssystem muss besser werden Auch Berlins Mobilitätssystem muss verlässlicher werden. Sharing‑Modelle und On‑Demand‑Ver‑ kehre können einen wichtigen Beitrag zu einem vielfältigen Mobilitätsmix leisten. Entscheidend bleibt jedoch eine bessere Abstimmung zwischen Senat und Bezirken. Derzeit führt der Mangel an Koordination und bezirklichem Fachpersonal zu überlangen Baustellen, unterbrochenen Baupha‑ sen und wirtschaftlichen Schäden – im Extrem- fall zu Insolvenzen. Internationale Beispiele zei‑ gen, dass klare Zuständigkeiten, einheitliche Standards und verbindliche Leistungskennzahlen mit Bonus-Malus-Regeln entscheidende Faktoren sind, um solche Probleme zu vermeiden. Deut‑ lich wurde auch, dass Öffentlich‑private Partner‑ schaften ein wichtiges Instrument sein können. Sie ermöglichen es, digitale Mobilitätsangebote, neue Schnittstellenlösungen und innovative Ser‑ vices schneller und flächendeckend auszurollen. Berlin hat viele gute Ansätze, aber es fehlt an Tempo. Bausenator Christian Gaebler stellte auf dem Kongress die Initiative „Einfach Bauen Berlin“ vor, die Vorgaben reduzieren, Verfahren beschleunigen und Kosten senken soll. Gleich‑ zeitig gewinnt Beschäftigtenwohnen an Bedeu‑ tung: Eine Initiative von IHK Berlin, Berlin Part‑ ner und dem Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) unterstützt Unternehmen dabei, Wohnraum für Mitarbei‑ tende zu schaffen – wichtig für Fachkräftegewin‑ nung und Standortattraktivität. Digitale Prüfpro‑ zesse, modulare Bauweisen und standardisierte Typenbauweisen können Bauzeiten deutlich ver‑ kürzen. Entscheidend ist ein ressortübergreifen‑ der Aufbruch – mit mehr Mut zur Entscheidung. „Berlin muss auch mehr wollen“ Mehrfach wurde betont: Berlin braucht eine über Legislaturperioden hinaus tragfähige Vision. „Berlin kann mehr, Berlin muss aber auch mehr wollen. Mit Mut und Willen auf Neues kann Ber‑ lin wieder Weltmetropole werden“, so IHK-Prä‑ sident Sebastian Stietzel. Die dänische Urbanistin Helle Søholt benannte fünf Kernelemente erfolg‑ reicher Metropolen: politische Innovationskraft, Leuchtturmprojekte, datenbasierte Entscheidungen, echte Beteiligung und neue Finanzierungs‑ modelle. Eine zentrale Rolle spielen Reallabore wie das IHK-Projekt „100m Zukunft“ (s. S. 18). Auch zeigt Berlins Wirtschaft Innovationsstärke: Start‑ups und etablierte Unternehmen präsentier‑ ten international gefragte Lösungen – von digi‑ taler Planung über urbane Logistik bis zu smar‑ ter Infrastruktur. Als Keynote-Speakerin betonte Helle Søholt: „Lebendige, resiliente Städte brau‑ chen hochwertigen öffentlichen Raum, gutes Wohnen und integrierte Mobilität.“ Der Kongress war der Auftakt zum IHK‑Jah‑ resthema „Internationale Perspektiven für eine Weltmetropole“ – in einem Berliner Wahljahr. Am 24. Juni rückt das Festival der Berliner Wirtschaft internationale Talente und Partnerschaften in den Fokus. Am 2. September bündelt das Zukunfts‑ forum die Ergebnisse und bringt sie in die poli‑ tische Debatte. In der IHK‑Wahlarena treffen die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten auf klare Erwartungen: Wie machen sie Berlin internatio‑ nal zukunftsfähig? Es entsteht ein Dreiklang, der 2026 prägen wird: Impulse sammeln, Prioritäten schärfen, Politik in die Verantwortung nehmen. Berlin hat enormes Potenzial – jetzt braucht es Tempo, Mut und eine gemeinsame Vision, damit aus Ideen Fortschritt wird. ■ Ronja Schoenau, IHK-Junior-Public- Affairs-Managerin Energie-, Umwelt- und Klimaschutzpolitik Tel.: 0151 / 17 76 98 35 ronja.schoenau@ berlin.ihk.de Zukunftsbild für Berlin Weitere Informationen auf der IHK-Website unter: ihk.de/berlin/ weltmetropole-berlin FOTOS: IHK BERLIN/KONSTANTIN GASTMANN Kongress | 11 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Berlin muss in Krisenzeiten handlungsfähig bleiben: Beim „Wargame“ in der IHK wurde eine Bedrohungssituation simuliert von Henrik Holst Für eine resiliente Hauptstadt realistischen Bedingungen trainiert werden. Ziel ist es, komplexe Krisenlagen durchzuspielen, Schwachstellen zu erkennen und Kommunikationswege zu verbessern. Vor dem Hintergrund der angespannten Sicherheitslage in Europa simulierten die Teilnehmenden eine Situation kurz vor Ausruf des sogenannten Spannungsfalls. Sabotage, Desinformation und gestörte Lieferketten stellten Berlin als Drehscheibe für die Bundeswehr vor besondere Herausforderungen: Wie bleiben Lieferketten intakt? Wie gelingt Abstimmung zwischen Wirtschaft, Behörden und kritischer Infrastruktur? Im Ludwig Erhard Haus kamen dazu rund 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Senatsverwaltungen, THW, Feuerwehr, Wirtschaft und In- frastrukturbetrieben zusammen. In gemischten Gruppen übernahmen sie Rollen von Landeskrisenstab, Sicherheitsbehörden, Krankenhäusern und Logistikunternehmen. Deutlich wurde: Nur wenn Informationsflüsse zuverlässig funktionieren, Zuständigkeiten klar sind und Bedarfe offen kommuniziert werden, kann die Hauptstadt auch im Notfall widerstandsfähig bleiben. Oder anders gesagt: Wer frühzeitig miteinander spricht, vernetzt denkt und gemeinsam handelt, stärkt Berlins Resilienz – und sorgt dafür, dass die Stadt auch im Ernstfall funktioniert. Ganz nach dem Motto „in der Krise Köpfe kennen“ bot die Veranstaltung daher auch eine willkommene Gelegenheit für das Netzwerken und den persönlichen Austausch. ■ Krisenfall im Fokus: IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner, Thilo Cablitz (M.) und Brigadegeneral Horst Busch Wie bleibt Berlin in Krisenzeiten handlungsfähig? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines besonderen „Wargaming“, das die IHK Berlin Mitte Januar gemeinsam mit dem German Wargaming Center der Helmut-Schmidt-Universität und dem Berliner Landeskommando der Bundeswehr organisierte. Mit dabei waren Brigadegeneral Horst Busch vom Landeskommando der Bundeswehr Berlin, der Direktor des German Wargaming Centers, Dr. Josef Verbovszky, sowie Thilo Cablitz aus der Senatsinnenverwaltung. Das Format „Wargame“ ist dabei kein rein militärisches Planspiel, sondern eine methodische Übung, bei der strategisches Denken, Entscheidungsfähigkeit und Zusammenarbeit unter Henrik Holst, IHK-Public-Affairs-Manager Digitalpolitik und Unternehmenssicherheit Tel.: 030 / 315 10-623 henrik.holst@ berlin.ihk.de FOTO: IHK BERLIN/INES HASENAU Berliner Wirtschaft 03 | 2026 AGENDA | Sicherheit | 12

Robert Rückel Deutsches Spionage Museum DSM GmbH und Vizepräsident IHK Berlin

senen Werten. Darin drückt sich der qualitative Unterschied zwischen dynamischem Wachstum und verstetigtem Stillstand aus. Angesichts der verhaltenen Umfrageergebnisse ist nicht zu erwarten, dass wir diesen Stillstand in den nächsten Monaten hinter uns lassen. Geschäftserwartungen, Personal- und Investitionsplanungen sowie Risikoeinschätzungen der Unternehmen sind weiterhin von Skepsis geprägt. Zwar gibt es wenige Branchen, die von etwas lebhafteren Geschäften berichten, doch an anderer Stelle läuft es dafür umso schlechter. Gleiches gilt für die Erwartungen an die kommenden Monate – die an der einen Stelle leicht aufscheinende Zuversicht wird durch die zunehmende Skepsis andernorts aufgehoben. Die aktuelle Konjunkturumfrage bei Berliner und Brandenburger Unternehmen zeigt verstetigten Stillstand – und eine Strukturkrise von Patrick Schulze Anhaltende Schwäche Die Metropolregion Berlin-Brandenburg verharrt zu Jahresbeginn im konjunkturellen Winterschlaf. Die Wirtschaft beider Länder findet nicht auf den Wachstumspfad zurück. Der Konjunkturklimaindex verbessert sich seit dem Herbst nur um einen Zähler und steigt auf 102 Punkte. Das ist deutlich schlechter als der langjährige Durchschnitt von 115 Punkten. Die wirtschaftliche Schwächephase geht damit ins vierte Jahr und zieht sich länger hin als alle Wachstumsdellen der zurückliegenden zwei Jahrzehnte. Zu der Konjunktur- kommt eine ausgeprägte Strukturkrise. Unübersehbar ist die Differenz zwischen den aktuellen und den in den 2010er-Jahren gemesAGENDA | Konjunktur | 14 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Grafiken: BW Quelle: IHK Berlin In dieser Gemengelage verharren die Unternehmen mit ihrer Personalplanung abwartend. Das Signal für die Arbeitsmarktregion Berlin-Brandenburg bleibt damit äußerst verhalten. Dabei unterscheiden sich die beiden Länder in der Stärke der Ausprägung. Während der Wert in Brandenburg auf minus 13 Punkte und damit auf einen krisenhaften Tiefstand fällt, stieg in Berlin der Indikator wieder auf null Punkte und deutet damit auf weiteren Stillstand auf dem Arbeitsmarkt. Damit liegt der Indikator jedoch auch in Berlin weiterhin auf einem niedrigen, sonst nur bei schweren, internationalen Krisen erreichten Niveau. Ebenso besorgniserregend ist die schwache Investitionsaktivität in der gesamten Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg. Zum dritten Mal in Folge liegt der zugehörige Indikator nur noch halb so hoch wie zu Ende der 2010er-Jahre. In beiden Ländern ist die Investitionsdynamik verhalten. Gezielte Investitionen wären wichtig Dabei sind Investitionen für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft notwendig. Bleiben sie aus, wird nicht nur gegenwärtiges, sondern auch zukünftiges Wirtschaftswachstum geschmälert. Angesichts des demografischen Wandels und des damit verbundenen Fachkräftemangels sind gezielte Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung unerlässlich, um die Produktivität zu steigern. Ohne entsprechende Maßnahmen riskieren die Unternehmen, im globalen Wettbewerb zurückzufallen und die wirtschaftliche Dynamik der Region nachhaltig zu beeinträchtigen. Über mehrere Umfragen positive Trends zeigen sich seit Jahren nicht, und zwar bei keinem der wichtigen Indikatoren. Es fehlt an kraftvollen politischen Initiativen, die den Standort attraktiver gestalten. Eine Folge dieses Nicht-Handelns ist die sich in vielen Unternehmen verfestigende Unschlüssigkeit. Genährt wird diese darüber hinaus von einer schwachen Binnennachfrage, nicht enden wollender Ungewissheit angesichts der Entwicklung internationaler Handelshemmnisse sowie der bisher nicht eingelösten Erwartung umfassender Entlastungen für die Wirtschaft durch die Bundespolitik. Um die Wirtschaft wieder auf einen stabilen Wachstumspfad zu führen, bedarf es erheblicher struktureller Verbesserungen am Standort. Es ist daher nicht überraschend, dass die Unternehmen der Metropolregion in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen das größte Risiko für ihre Entwicklung sehen. ■ 102 Punkte beträgt der Konjunkturklimaindex, nur einen Zähler mehr als im Herbst 2025. Patrick Schulze, IHK-Experte für Konjunktur Tel.: 030 / 315 10-226 patrick.schulze@ berlin.ihk.de Konjunkturklimaindex Weiterhin liegt der Wert für Berlin und Brandenburg deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 115 Punkten 122 107 78 102 75 100 125 '26 2025 2024 2023 2022 2021 JBFSH JB FSH JB FSH JB FSH JB FS H JB Jahresbeginn (JB), Frühsommer (FS) und Herbst (H) Erwartungen Geschäftslage 33 9 Jahresbeginn (JB), Jahresmitte (JM) und Herbst (H) -45 -4 Saldo der: -20 -40 -60 0 20 40 60 '26 2025 2024 2023 2022 2021 JBJMH JBJMH JBJMH JBJMH JB JM H JB Investitions- und Beschäftigungspläne Auch die für die Zukunft so wichtige Investitionsdynamik bleibt in Berlin wie in Brandenburg verhalten Geschäftslage und Geschäftserwartungen Auch wenn in einigen Branchen Zuversicht durchscheint, bestimmt vor allem Skepsis den Blick auf die Geschäfte Investitionen Personal 16 -5 32 18 Saldo der: -10 0 20 30 10 '26 2025 2024 2023 2022 2021 JBJMH JBJMH JBJMH JBJMH JB JM H JB Jahresbeginn (JB), Jahresmitte (JM) und Herbst (H) An der Umfrage teilnehmen Gerne können Sie Teil der Konjunkturumfrage und damit der wichtigsten Erhebung zur konjunkturellen Entwicklung in Berlin werden. Melden Sie sich einfach bei: patrick.schulze@ berlin.ihk.de FOTOS: ISTOCKPHOTO/KRUWT, FOTOSTUDIO CHARLOTTENBURG Konjunktur | 15 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Ulrich Misgeld Below Tippmann & Compagnie Personalberatung GmbH Uta Bendixen Axel Springer SE Julia Krajewski B&O Service Berlin GmbH Dmitriy Romanov Kleingewerbetreibender

Was die Schule von der Kita lernen kann Strukturelle Veränderungen könnten die einzelnen Übergänge in der Bildungskette und in den Beruf ohne Brüche gestalten Das Jahr 2026 wird wichtig für die Berliner Bildungslandschaft. Mit dem Start des Kita-Chancenjahres setzt die Politik endlich dort an, wo Bildungsbiografien beginnen, um Lernlaufbahnen erfolgreich zu machen. Zudem steht die Auswertung des elften Pflichtschuljahres an – ein Instrument, um junge Menschen verlässlich auf Ausbildung, Studium und Beruf vorzubereiten. Beide Vorhaben eint der Wunsch nach mehr Wirksamkeit im Berliner Bildungssystem. Im Fokus stehen damit zwei zentrale Übergänge: der Eintritt in die Schule am Ende der Kita-Zeit und der Übergang ins Berufs– leben nach der Schule. Entscheidend ist, dass Bildungsbereiche hier reibungslos ineinandergreifen. Nur wenn wir Bildung konse- quent als gemeinsame Verantwortung entlang der gesamten Bildungsbiografie denken, können wir Brüche reduzieren und spätere Lern- erfolge gut absichern. Dabei braucht es auch die Offenheit aller Beteiligten, voneinander zu lernen. Für das Schulsystem lohnt ein genauer Blick auf die Kita-Landschaft. Zwar lernen in Berliner Schulen deutlich mehr Kinder, organisatorisch ist der Kita-Bereich jedoch größer: rund dreimal so viele Einrichtungen, getragen von über 1.000 eigenständigen Trägern – viele davon auch IHK-Mitglieder –, mit mehr Beschäftigten als im Schulbereich. Diese Struktur hat sich als Motor für Wettbewerb und praxisnahe Lösungen erwiesen – etwa beim schnellen Ausbau von Kita-Plätzen, der Gewinnung und Ausbildung von Fachkräften, beim Einsatz digitaler Medien oder in der Zusammenarbeit mit Familien. Viele Innovationen entstehen direkt in den KitaTeams selbst. Der Schulbereich steht vor ganz ähnlichen Aufgaben. Gleichzeitig ist das System stark zentralisiert, mit geteilten Zuständigkeiten und rund 35.000 Lehrkräften in einer Organisation. Steuerung wird komplex, Veränderung langsam. Wo das Kita-System durch Wettbewerb Eigeninitiative und Innovationskraft begünstigt, setzt das Schulsystem häufig auf Regeltreue und Anpassung. Was wäre, wenn sich Schule organisatorisch stärker an der Kita-Landschaft orientieren würde? Mehr Eigenständigkeit, Wettbewerb und Trägervielfalt könnten Verantwortung fördern, Leitung entlasten und Problemlösungen beschleunigen. Wenn es gelänge, Kita und Schule über ein gemeinsames Gesetz ähnlich zu organisieren und enger zusammenzuführen, ließen sich Übergänge ohne Brüche und pädagogisch aus einem Guss gestalten. Es gibt schon fast 200 freie Schulträger in Berlin, doch ein Organisationsmodell auf Augenhöhe mit der Kita-Landschaft fehlt bislang. Gerade jetzt, wo Wirksamkeit und Zukunftsfähigkeit von Bildung neu verhandelt werden, lohnt dieses Gedankenspiel: Vielleicht liegen zentrale Antworten weniger in neuen Programmen als in besseren Strukturen. ■ Meinung In der Kolumne „Auf den Punkt“ positionieren sich im monatlichen Wechsel Mitglieder des Präsidiums zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen aus ihrer persönlichen Sicht. präsidiumsmitglieder beziehen stellung Stefan Spieker ist Geschäftsführer der Fröbel International GmbH und Vizepräsident der IHK Berlin FOTO: IHK BERLIN/AMIN AKHTAR Auf den Punkt | 17 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Lösungen für das Reallabor „100m Zukunft“ in der Fasanenstraße wurden jetzt prämiert, Ziel ist die nachhaltige Metropole Berlin von Stefan Borchardt Ideen zum Anfassen 1 Die Regenmodule UG hat ein Stadtmöbel mit innenliegendem Tank entwickelt 2 Die Innovation aus dem Atelier Fleiter ist eine Strompumpe, ein muskelbetriebener Ladepunkt Um die lebenswerte Stadt Berlin von morgen mit konkreten Ideen zu gestalten, hat die IHK im vergangenen Jahr das Reallabor „100m Zukunft“ in der Fasanenstraße ins Leben gerufen und nach einer Vorbereitungsphase einen Wettbewerb ausgelobt. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist Partner, unterstützt wird das Projekt von einem Konsortium aus dem Verein Paper planes, Creative Climate Cities, Multiplicities und der Belius GmbH. Jetzt hat eine interdisziplinäre Fachjury aus 75 innovativen Lösungen zwölf Projekte prämiert. Der Wettbewerb wurde in den vier Kategorien Nachhaltige Mobilität und lokale Energieproduktion, Urbane Gesundheit, Abfall- und Ressourcenmanagement sowie Urbane Ernährungssysteme ausgeschrieben. Folgende Lösungen sind nun ausgewählt worden: Stefan Borchardt, IHK-Public-Affairs-Manager Stadtentwicklung Tel.: 030 / 315 10-411 stefan.borchardt@ berlin.ihk.de Nachhaltige Mobilität und lokale Energieproduktion FixMyCity: SpaceShift Erfasst Rad- und Parkraumdaten, weist Entsiegelungspotenziale und alternative Nutzungen aus. Atelier Fleiter: Strompumpe Muskelbetriebener Ladepunkt als sozialer Treff, Energie, Begegnung und Bewusstseinsbildung vereint. Coding the Curbs: SmartZones Digital buchbare Ladezonen reduzieren Suchverkehr, Emissionen und Konflikte. Urbane Gesundheit Eurovia: Revilo-Belag Wasserdurchlässiger Straßenbelag gegen Überflutung und Überhitzung, mit Grundwasser-Recharge. BTU Cottbus Senftenberg: Berlinette „Dazwischengärten“ verwandeln Baumscheiben in Aufenthalts- und Begegnungsorte. Regenmodule UG: Regenwasserbänke Stadtmöbel mit Tank, Hochbeet und Handpumpe zur direkten Regenwassernutzung. Abfall- und Ressourcenmanagement KacaDU.com: Vida Kreislauffähige, reversible Strukturen aus Holz/Kunststoff-Reststoffen als Pavillons und Stadtmöbel. Foom GmbH: Foom Verwandelt Bioabfälle innerhalb von 48 Stunden in Dünger, dezentral, emissionsarm. Cerepal.ai: CleanSwarm Solarbetriebene Mikro-Reinigungsroboter mit modularem Mikro-Hub helfen bei der Beseitigung von Kleinstabfällen. 1 FOTOS: REGENMODULE UG (2), SEBASTIAN FLEITER, HYDROTOWER GBR, CEREPAL.AI GMBH, IHK BERLIN AGENDA | Innovationen | 18 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Innovative Nutzungskonzepte Innovative Lösungen Technologische Implementierung Interaktive Gestaltung Urbane Ernährungssysteme HydroTower: 100 m Ernte Vertikale Hydroponik-Module als sichtbare Produktions- und Lernorte im Stadtraum. HTW Berlin: Urban Food Lab Mobile Indoor-Farming-Module verknüpfen lokale Versorgung, Wissenstransfer und Teilhabe. Vimonda: Culinary Kiosk Modularer „dritter Ort“. Küche, essbare Stadtmöbel und Bildungsangebote für lebendige Quartiere. Bei einer zweitägigen Matchmaking-Werkstatt in der IHK haben die ausgewählten Anbieter gemeinsam mit den externen Dienstleistern, dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf sowie fachlichen IHK-Ansprechpartnern die konkrete Umsetzung der Ideen auf und an der Fasanenstraße 2026 geplant. Parallel wird daran gearbei3 Der HydroTower ist ein hydroponischer Pflanzturm mit automatischer Bewässerung 4 Die solarbetriebenen Mikroroboter für Kleinstabfälle hat die Cerepal.ai GmbH eingereicht tet, das Projekt im Rahmen einer Betreiberstruktur zu verstetigen – mit jährlich neuen thematischen Challenge-Prozessen. „100m Zukunft“ soll so zu einem dauerhaften Leuchtturm für innovative Stadtentwicklung werden – mitten vor dem Ludwig Erhard Haus und im Herzen Berlins. „Mit ,100m Zukunft‘ schaffen wir ein Setting, um den öffentlichen Raum neu zu denken und die Mobilität der Zukunft auf die Straße zu bringen. Wir als IHK Berlin bieten die Fläche, um neue Produkte und Lösungen für die Transformation Berlins zur klimaneutralen Metropole unter realen Bedingungen zu testen“, so IHK-Vizepräsident Robert Rückel: „Damit schaffen wir einen Inkubator für anfassbare Innovationen direkt im Stadtbild. Mit den hier entstehenden Ideen fördern wir die nachhaltige Entwicklung Berlins und schaffen ein Schaufenster in die Stadt der Zukunft.“ ■ Reallabor Weitere Informationen zu Projekt, den ausgewählten Innovationen und den kommenden Schritten unter: 100mzukunft.de 2 3 4 Innovationen | 19 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Ungeeignet Die vom Senat geplante Ausbildungsplatzabgabe bestraft Unternehmen, anstatt Potenziale zu heben. Juristen äußern zudem Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vorhabens von Eli Hamacher E igentlich ist das wirtschaftliche Umfeld für Remzi Kaplan optimal. In Reinickendorf produziert der Unternehmer mit 70 Mitarbeitenden Dönerfleisch für Berlin und ganz Deutschland. Mit ihrem Angebot wuchs die 1989 gegründete Kaplan Dönerproduktion GmbH zuletzt zweistellig und hofft auch für das laufende Jahr auf gute Geschäfte. „Immer mehr Kunden kommen auf den Geschmack, weil die Döner heute qualitativ besser und dank vieler verschiedener Saucen abwechslungsreicher geworden sind“, so Kaplan. Sorgen bereitet dem Unternehmer der Nachwuchs. Wenn er könnte, würde er sofort mehrere Auszubildende einstellen. „Wir finden aber niemanden, weil wir nur aus sehr wenigen Bewerbungen wählen können. Oftmals mangelt es zudem an den passenden Voraussetzungen.“ Wird ein Ausbildungsvertrag geschlossen, sei auch das keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss. Manchmal Berliner Wirtschaft 03 | 2026 fokus

Statt am Instrument der Strafabgabe festzuhalten, sollten Rahmenbedingungen verbessert werden würden Auszubildende die Lehre einfach abbrechen. Auch Kaplan hat schon die Reißleine gezogen, wenn die Berufsanfänger ständig zu spät kamen, unzuverlässig oder überdurchschnittlich oft krank waren. Als Vorsitzender der Türkisch Deutschen Unternehmervereinigung mit mehr als 250 Mitgliedern weiß Kaplan, dass es vielen in Berlin so geht wie ihm. „Alle suchen händeringend. Gehen Sie mal durch die Stadt, überall hängen Stellengesuche, trotz der nicht gerade guten Konjunktur.“ Laut Aus- und Weiterbildungsumfrage 2025 der IHK Berlin gaben 39 Prozent der befragten Ausbildungsunternehmen an, dass sie angebotene Plätze nicht besetzen konnten. Dass er jetzt auch noch mit einer Ausbildungsplatzabgabe bestraft werden soll, kann Remzi Kaplan nicht nachvollziehen: „Wir würden ja gern Auszubildende beschäftigen. Warum sollen wir dafür bezahlen, wenn wir niemanden finden.“ Der Berliner Senat sieht das anders. Er geht davon aus, dass jedes Jahr mehrere Tausend Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, weil viele Betriebe nicht ausbilden wollen. Deshalb gilt jetzt: Sollte die Zahl der betrieblichen Ausbildungsverträge nach Berufsbildungsgesetz/Handwerksordnung im Zeitraum 2023 bis 2025 nicht um 2.000 steigen, wird eine Ausbildungsplatzabgabe fällig. Dann müssen alle Unternehmen ab einer bestimmten Bruttolohnsumme eine Abgabe bezahlen. Wer ausbildet, soll später eine Rückerstattung bekommen, wie viel, ist unklar. Laut aktuellem Antrag von CDU und SPD liegt die Abgabenlast bei bis zu 0,5 Prozent der gesamten Bruttolohnsumme. Ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten und 5.037.286 Euro Bruttolohnsumme müsste danach mit 25.183 Euro in Vorleistung gehen. Nach ersten groben Schätzungen der IHK Berlin könnten – unter der Annahme des maximalen Abgabesatzes – mehr als 400 Mio. Euro in die „Berliner Ausbildungskasse“ fließen. Wie Berlin im Jahr 2025 die Zahl der Ausbildungsplätze steigern konnte, wird voraussichtlich in diesem Monat veröffentlicht. Bekannt ist bereits das Ergebnis der IHK-Mitgliedsunternehmen, die trotz der anhaltenden konjunkturellen und strukturellen Schwäche die Zahl der Auszubildenden zwischen 2023 und 2025 um 573 erhöht haben. Sollte die vom Senat für diesen Zeitraum vorgegebene Zielkennzahl von 2.000 zusätzlichen Ausbildungsverträgen in allen » FOTO: ISTOCKPHOTO/WILDPIXEL Ausbildungsplatzabgabe | 21 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

Roman Kaupert Zepter und Krone GmbH, Präsidium IHK Berlin

Bereichen, also Industrie/Handel, Handwerk, Landwirtschaft, öffentlicher Dienst sowie freie Berufe, bis Ende 2025 erreicht werden, entfällt die Abgabe. Am 20. März will das Abgeordnetenhaus voraussichtlich über die Abgabe abstimmen. Die geplante Ausbildungsplatzabgabe sei „kein Reformschritt, sondern ein politisches Armutszeugnis“, befindet Sebastian Stietzel, Präsident der IHK Berlin (s. S. 31). Das Urteil der Berliner Wirtschaft fällt eindeutig aus: „Ja zur Ausbildung. Nein zur Ausbildungsplatzabgabe.“ Die wichtigsten Gegenargumente lauten: • Sie birgt ein enormes Standortrisiko, missachtet den geschwächten Arbeitsmarkt, erschwert Neuansiedlungen und fördert Abwanderungen von Unternehmen in andere Bundesländer. Damit würden auch Gewerbesteuereinnahmen sinken. • Sie schafft hohe Bürokratie- und Personalkosten für die Verwaltung und Wirtschaft gleichermaßen: Eine eigene Verwaltungsinstanz zur Umlageerhebung muss geschaffen werden, die regelmäßig die Erhebungsgrundlage und Mittelverwendung überprüfen muss. Der aktuelle Haushaltsentwurf sieht für 2026/27 3,1 beziehungsweise 3,2 Mio. Euro Implementierungskosten pro Jahr vor. Die eigene Abgabe und der Personalaufwand sowie Widersprüche und Klagen sind in dieser Summe noch nicht enthalten. • Sie birgt das Risiko einer breiten Klagewelle und bindet Personal in Gerichten. • Sie schafft keine zusätzlichen Ausbildungsverträge, solange Passungs- und Matching-Probleme ungelöst bleiben. • Sie belastet insbesondere tarifgebundene Unternehmen mit hohen Löhnen und Unternehmen, die keine Bewerbenden finden. • Sie schafft Fehlanreize und begünstigt Mitnahmeeffekte: Für manche Unternehmen ist der Freikauf günstiger als eine eigene Ausbildung, wodurch die Umlagewirkung verpufft. • Auch löst sie das Problem des Abwerbens von Absolventinnen und Absolventen nicht. In Deutschland versucht Bremen bisher als einziges Bundesland, die Erhöhung von Ausbildungsplätzen gesetzlich zu regeln. Seit April 2023 ist dort das sogenannte Ausbildungsunterstützungsfondsgesetz in Kraft. Im Jahr 2025 wurden die ersten Abgabebescheide verschickt. Seitdem macht der Fonds laut Handelskammer (HK) Bremen Verluste und muss aus Steuermitteln unterstützt werden. Das Modell ist mit Berlin nur teilweise vergleichbar, da die Abgabe anders berechnet wird. Als Vorbild kann aber auch sie nicht dienen. „Positive Effekte sind in Bremen bislang nicht erkennbar“, sagt Michael Zeimet, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereiches Aus- und Weiterbildung bei der HK Bremen, „im GegenRemzi Kaplan Gründer Kaplan Döner- produktion GmbH Wir würden gern Auszubildende beschäftigen. Warum sollen wir dafür bezahlen, wenn wir niemanden finden? » FOTO: KAPLAN GROUP Ausbildungsplatzabgabe | 23

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teil, die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Land Bremen hat sich sogar leicht verringert.“ Das zeige: „Die eigentlichen Herausforderungen liegen tiefer.“ Die Abgabe verlagere Verantwortung, ohne die eigentlichen Ursachen für eine verbesserte Bildung oder auch mehr Ausbildung anzugehen. Gleichzeitig verursache sie einen erheblichen bürokratischen Aufwand. Aktuell würden mehr als 350 Klagen beim Verwaltungsgericht in Bremen gegen die Bescheide zur Ausbildungsabgabe vorliegen. Rückenwind gibt der IHK und ihren Mitgliedern ein Rechtsgutachten von Prof. Dr. Christian Waldhoff vom Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Finanzrecht an der Humboldt-Universität (HU). In einer Stellungnahme zum Gesetzentwurf der Fraktionen von CDU und SPD vom 2. Juli 2025 zu einem Ausbildungsförderungsfonds im Land 350 Klagen gibt es in Bremen gegen Bescheide über eine Ausbildungsabgabe, die das Land seit vergange- nem Jahr verschickt. Alle zahlen, nicht alle profitieren Der Gesetzentwurf führt zu einer Ungleichbehandlung, da Arbeitgeber, die duale Studiengänge oder vollschulische Ausbildungsplätze anbieten, zur Abgabe herangezogen werden, jedoch keinen finanziellen Ausgleich erhalten. Dies verletzt das Prinzip der Kongruenz zwischen Belasteten und Begünstigten. Eine erhebliche Anzahl Berliner Betriebe erfüllt nicht die Anforderungen für eine Ausbildungsberechtigung, was die Realität der Ausbildungslandschaft ignoriert und zu Verzerrungen im Ausbildungsmarkt führen kann. Ungleichbehandlung zwischen öffentlichem Dienst und Privatwirtschaft Dualstudierende im öffentlichen Dienst werden anders behandelt als Dualstudierende in der Privatwirtschaft, was die verfassungsrechtliche Kongruenz zwischen Belasteten und Nutznießern der Sonderabgabe verletzt. Beamtenanwärter werden als Auszubildende erfasst, während Dualstudierende außerhalb des Beamtenverhältnisses nicht berücksichtigt werden. Wer zahlt, wer zahlt nicht? Die Sonderabgabe wirft verfassungsrechtliche Bedenken auf, weil wesentliche Teile der Gruppen, die die Abgabe zahlen sollen, unklar sind oder gar nicht erfasst werden, insbesondere die mittelbare Landesverwaltung mit Kammern der freien Berufe und des Wirtschaftsverwaltungsrechts samt Spitzenorganisationen, rechtsfähigen Anstalten wie BVG und BSR oder internationalen Organisationen ohne Immunität. Zweifel an der Geeignetheit Es bestehen Zweifel, dass die Berufsausbildungssicherungsabgabe nicht zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze oder zur Verbesserung der Ausbildungsqualität beiträgt. Mögliche Mitnahmeeffekte und Fehlallokationen könnten die Zielerreichung gefährden. Der Gesetzgeber muss die Verhältnismäßigkeit des Eingriffs prüfen, wobei die Eignung des Mittels zur Zielerreichung fraglich ist. Gestaltung des Beirats Der Beirat, der die Maßnahmen des Gesetzes begleiten soll, hat nur eine kosmetische Rolle, da sich die zuständigen Stellen über seine Empfehlungen hinwegsetzen können. Zudem ist die Zusammensetzung des Beirats unausgewogen, was die Effektivität seiner Arbeit infrage stellt. Wirkungslose Evaluierungsvorschrift Die Evaluierung des Gesetzes ist weitgehend wirkungslos, da es an konkreten Zielvorgaben fehlt. Die vorgesehenen Anhörungen des Beirats bieten keine Grundlage für eine sachgerechte Überprüfung der Wirksamkeit des Gesetzes. Falsche Gesetzesbegründung Die Gesetzesbegründung leitet fälschlicherweise eine staatliche Pflicht zur Bereitstellung von Ausbildungsplätzen ab. Der Staat ist lediglich für einen gleichheitsgerechten Zugang zu bestehenden Ausbildungsangeboten verantwortlich, nicht für deren Schaffung. Verstoß gegen europäisches Beihilferecht? Der Gesetzentwurf könnte gegen das europäische Beihilferecht verstoßen, da er den Verdacht einer wettbewerbsverzerrenden Bevorzugung bestimmter Unternehmen oder Branchen aufwirft. Berlin kommt er darin zu dem Schluss: „Jenseits der Zweifel an der wirtschafts- und sozialpolitischen Sinnhaftigkeit des Gesetzes als solchem bestehen erhebliche verfassungsrechtliche Risiken des Entwurfs, da die Kongruenz zwischen Zahlern und Begünstigten durchlöchert und damit die Homogenität der belasteten Gruppe gefährdet ist, nur schwer zu rechtfertigende Ungleichbehandlungen zwischen verschiedenen Ausbildungsmodellen bestehen, ernsthafte Zweifel an der Geeignetheit des eingesetzten Mittels zur Zielerreichung vorliegen und die Notifizierungspflicht hinsichtlich des europäischen Beihilfenregimes nicht eindeutig, zumindest nicht vorbereitet ist.“ Gleich acht verfassungs- beziehungsweise unionsrechtliche Bedenken hat der Jurist ausgemacht (s. Kasten unten). Jurist Christian Waldhoff kritisiert im Rechtsgutachten Ungleichbehandlungen » FOTO: GETTY IMAGES/MIRAGEC Ausbildungsplatzabgabe | 25 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

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Auch der Berliner Startup-Verband hat ein Rechtsgutachten vorgelegt. Die Kanzlei Taylor Wessing kommt darin zu dem Schluss, dass das Gesetz zur Errichtung eines Ausbildungsförderungsfonds im Land Berlin in seiner bisherigen Form verfassungswidrig ist. Moniert wird unter anderem, dass der Entwurf auch Unternehmen belastet, die gar keine dualen Ausbildungsplätze anbieten können, etwa Pflegeeinrichtungen oder Kitas, da sie „vollschulisch oder akademisch ausgebildete Fachkräfte“ haben. Zuvor hatte der Verband bereits davor gewarnt, dass die geplante Abgabe fatale wirtschaftliche Folgen für den Berliner Start-up- und Scale-up-Standort haben werde. Bewerbern fehlen Voraussetzungen Wie das Gros der Berliner Unternehmer glaubt Birgit Goldmann nicht, dass eine Abgabe die Situation am Ausbildungsmarkt verbessern würde. „Es gibt ja Ausbildungsplätze in Berlin, aber die passenden Bewerber fehlen“, sagt die Prokuristin der hns Hardware Netzwerke Software GmbH, die aus ihrem Berliner Rechenzentrum Arbeiten in einer privaten Cloud anbietet. Sie beschäftigt 25 Mitarbeitende und bildet aktuell einen Fachinformatiker für Systemintegration aus. „Im Idealfall würden wir vier Stellen besetzen, weil wir gern in jedem Lehrjahr ein Tandem bilden, das sich gegenseitig unterstützt und beflügelt.“ Doch den Bewerbern fehlt es an den geforderten Voraussetzungen. Wünschen würde sich Goldmann auch eine intensivere Unterstützung für das Thema Ausbildung. Die Jugendberufsagentur etwa müsste stärker an den Schulen werben, aber in allen Schulformen, also auch an den Gymnasien. Ein großes ungenutztes Potenzial sieht sie zudem bei den zahlreichen Studienabbrechern, die sich nach einigen Semestern enttäuscht vom Studium abwenden. „Früher gab es Studienaussteigermessen, das war eine gute Plattform.“ Die Prokuristin fragt sich zudem, wie die Abgabe überhaupt gehandhabt werden soll. „Man muss ja erst einmal eine Einziehungsstelle schaffen und aufbauen bis zum 1. Januar 2027. Ob das dann effizient funktioniert, halte ich für sehr unwahrscheinlich.“ Und wenn tatsächlich mehr Ausbildungsplätze geschaffen würden, sei das ja noch kein Garant für eine hohe Qualität der Stellen. Fünf Tourismuskaufleuten wollte Uwe Nickelmann zum 1. Februar eine Ausbildungsstelle anbieten. „Wir haben aber nur drei Plätze besetzen können, obwohl wir 150 Bewerbungen hatten und 50 eingeladen haben“, sagt der Leiter Aus- und Fortbildung bei der Aerticket GmbH, die Full-Service-Lösungen rund um Flug und Bahn für große und kleine Reisebüros sowie für Veranstalter und Portale anbietet. Deutsch, Englisch, Geografie: Wer in diesen Fächern zu große Lücken hat, kann bei dem Mittelständler, der 250 Mitarbeitende in Berlin hat und weltweit Birgit Goldmann Prokuristin hns Hardware Netzwerke Software GmbH Früher gab es Studienaus- steigermessen, das war eine gute Plattform. » FOTO: HNS GMBH Ausbildungsplatzabgabe | 27

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rund 900 Menschen beschäftigt, nicht anfangen. „Selbst Formalia werden oftmals nicht eingehalten, jüngst bekam ich einen Lebenslauf, der von August 2024 datiert war“, sagt Nickelmann. Immenser buchhalterischer Aufwand Bei der geplanten Abgabe graust es dem Personaler: „Jetzt wird ein Riesen-Bürokratie-Monster aufgebaut, einmal in den öffentlichen Behörden und natürlich auch in den Unternehmen. Wir müssen dann irgendwelche Zahlen liefern, und mir ist gar nicht klar, wie das im Anschluss ablaufen soll.“ Wenn alle erst einmal zahlen müssten und später einige etwas zurückfordern könnten, entstehe doch für die Buchhaltung ein immenser Aufwand. Last but not least treiben Nickelmann die hohen Mieten in Berlin um. Bereits geschlossene Ausbildungsverhältnisse von Nicht-Berlinern wurden wieder aufgelöst, weil die jungen Leute nichts Bezahlbares in Berlin gefunden haben. Fazit: Es ist noch nicht zu spät, die Einführung der Abgabe zu stoppen. Sie ist mit großen rechtlichen Risiken verbunden und schafft dabei keine wirksamen Lösungen. Stattdessen sollte alle Energie in eine sinnvolle Verlängerung des Bündnisses für Ausbildung und die Fokussierung auf gute Rahmenbedingungen für Wohnen und Mobilität, gelingende Berufsorientierung, erfolgreiches Matching und die Modernisierung der dualen Ausbildung als Ganzes gesetzt werden. Denn nachhaltige Wirkung braucht Zeit, und eine gelingende Zusammenarbeit aller Partner der beruflichen Bildung ist wichtig, um die begonnene Trendwende weiter zu konsolidieren und zu verfestigen. ■ Uwe Nickelmann Leiter Aus- und Weiter- bildung Aerticket GmbH Jetzt wird ein RiesenBürokratieMonster aufgebaut, in den Behörden und Unternehmen. FOTOS: GETTY IMAGES/TWOMEOWS, AERTICKET Ausbildungsplatzabgabe | 29

Sebastian Stietzel Marktflagge GmbH Management & Investments und Präsident IHK Berlin

Die Ausbildungsplatzabgabe ist Symbolpolitik auf dem Rücken der Wirtschaft. Wer Fachkräfte sichern will, muss bei den Ursachen ansetzen von Sebastian Stietzel Ideologie schlägt Vernunft Standortnachteile. Ausbildung entsteht nicht durch Zwang, sondern durch funktionierende Rahmenbedingungen. Wer es ernst meint mit der Fachkräftesicherung, muss endlich an die Ursachen ran: marode Schulen, mangelhafte Berufsorientierung, fehlende Sprachförderung, digitale Rückständigkeit und ein Wohnungsmarkt, der Auszubildende aus der Stadt vertreibt. Hier läge die eigentliche Verantwortung des Staates. Die Ausbildungsplatzabgabe ist Symbolpolitik auf dem Rücken der Wirtschaft. Noch ist Zeit, dieses Gesetz zu stoppen. Deshalb mein eindringlicher Appell: Sprechen Sie mit den Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses. Machen Sie Ihre Abgeordneten auf Ihre betriebliche Realität aufmerksam. Machen Sie deutlich: Vernunft ist kein Gesichtsverlust, sondern ein längst überfälliger Kurswechsel. ■ Die geplante Ausbildungsplatzabgabe ist kein Reformschritt, sondern ein politisches Armutszeugnis. Drei unabhängige Gutachten stellen die rechtliche Grundlage des Gesetzes infrage, der Landeshaushalt wird mit mindestens sechs Mio. Euro zusätzlich belastet. Trotzdem hält der Senat unbeirrt daran fest. Evidenz? Fehlanzeige. Wirkung? Nicht belegt. Negativbeispiele? Durchaus vorhanden. Ideologie schlägt Vernunft. Die Abgabe wird verkauft als Allheilmittel für die Ausbildung. In Wahrheit ist sie eine Strafe für Unternehmen, die ohnehin am Limit arbeiten: Fach- und Arbeitskräftemangel, hohe Energiekosten, schwächelnde Konjunktur, weltpolitische Instabilität und eine Bürokratie, die jedes Jahr größer wird. Besonders hart trifft es Start-ups, junge Wachstumsunternehmen und Betriebe mit hohen Lohngruppen, also genau jene Betriebe, die Berlin eigentlich anziehen will. Wer Investoren und Innovation vergraulen möchte, findet in der Abgabe das perfekte Instrument. Geradezu grotesk wirkt das Vorhaben beim Blick auf den Staat selbst. Der Berliner Senat verfehlt seit Jahren seine eigenen Ausbildungsziele und lässt fast 50 Mio. Euro an bereitgestellten Ausbildungsmitteln ungenutzt liegen. Ausgerechnet die Senatsverwaltung für Arbeit ist trauriger Spitzenreiter. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht „mit Strafabgaben werfen“. Statt die eigenen Versäumnisse aufzuarbeiten, greift der Senat zur bequemsten Lösung. Das ist scheinheilig und gefährlich. Denn die Abgabe schafft keinen einzigen zusätzlichen Ausbildungsplatz. Stattdessen schafft sie Meldepflichten, Nachweisführung, Ausnahmen, Kontrollbehörden, Widersprüche, Frust und Noch ist Zeit, dieses Gesetz zu stoppen. Sprechen Sie mit Abgeordneten. Machen Sie sie auf Ihre betriebliche Realität aufmerksam. 50 Mio. Euro bereitgestellter Ausbildungsmittel lässt der Berliner Senat seit Jahren ungenutzt liegen. FOTO: GETTY IMAGES/MIRAGEC Ausbildungsplatzabgabe | 31 Berliner Wirtschaft 03 | 2026

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