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Fach­kräf­te

Die Besten – auch ohne geraden Lebenslauf

Die Meisterfeier 2019 der Handwerkskammer und der IHK lässt hoffen: Mehr als 700 stolzen Absolventen überreichten die Kammerpräsidenten und Innungen ihre Urkunden. Mindestens drei von ihnen haben einen ganz besonderen Werdegang hinter sich.
von Kevin Dusch Ausgabe 04/2019

IHK-Präsidentin Dr. Beatrice Kramm und Stephan Schwarz, Handwerkskammer-Präsident, gratulierten den Meistern im Maritim Hotel
IHK-Präsidentin Dr. Beatrice Kramm und Stephan Schwarz, Handwerkskammer-Präsident, gratulierten den Meistern im Maritim Hotel. Foto: Konstantin Gastmann
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • In 41 Berufen konnten IHK und Handwerkskammer ihren neuen Meistern gratulieren.
  • Für viele ist der Meister erst der Anfang ihrer Karriere.

Neun Kron­leuch­ter tau­chen den gro­ßen Saal des Mari­tim Hotels in das ele­gan­te Licht einer Gala­ver­an­stal­tung. Auf der Büh­ne: Ein knap­pes Dut­zend gro­ßer, roter Metall­fäs­ser. Dann betritt die Hard­core-Per­cus­sion-Grup­pe Ban­do Ber­lin die Büh­ne. Mit eupho­ri­schem Schla­gen von Holz­stä­ben auf Metall geben sie ihnen einen ganz beson­de­ren Trom­mel­wir­bel: den 718 Absol­ven­ten der IHK und der Hand­werks­kam­mer, die ihre Meis­ter­prü­fung erfolg­reich abge­legt haben.

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Die Kam­mer­prä­si­den­ten eröff­nen die Meis­ter­fei­er, es folgt eine Fest­re­de von Staats­se­kre­tä­rin Bar­bro Dre­her. Sie gra­tu­liert herz­lich, wünscht sich aber mehr Frau­en in klas­si­schen Män­ner­be­ru­fen: „Auch wir Frau­en kön­nen den Män­nern aufs Dach stei­gen – nicht nur zu Hau­se.“ Danach bit­tet Mode­ra­to­rin Petra Gute zwei Meis­ter auf die Büh­ne: Bäcker­meis­ter Maxi­mi­li­an Schöpp­ner und Phil­ipp Natho, Meis­ter für Kraft­ver­kehr. Sie bei­de wis­sen von Höhen und Tie­fen zu berich­ten, von den Schwie­rig­kei­ten, Job, Schu­le und Fami­lie unter einen Hut zu bekom­men. Doch sie sind sich einig: Das war es wert. Phil­ipp Natho, 33, ist einen beson­de­ren Weg gegan­gen, der sich am Ende aus­ge­zahlt hat: Als Bes­ter Ber­lins schloss er die Meis­ter­aus­bil­dung in sei­nem Fach ab. Natho ist froh: „Ich habe mei­ne Beru­fung gefun­den.“

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Eine kur­vi­ge Stre­cke zum Ziel

Erst mit 23 Jah­ren, nach einem geschei­ter­ten Stu­di­en­ver­such, mach­te Natho sei­nen Füh­rer­schein, wie er vor der Meis­ter­fei­er im Inter­view ver­ra­ten hat. Bei einer Über­land­fahrt Rich­tung Harz wur­de ihm klar: Das ist es, was ich machen will. Dann ging alles ganz schnell. Natho fing eine Ein­stiegs­qua­li­fi­ka­ti­on für die Aus­bil­dung zum Berufs­kraft­fah­rer an.

Nach einem Jahr folg­te die ver­kürz­te Aus­bil­dung. „Danach fühl­te ich mich wie der Kapi­tän der Land­stra­ße. Ich habe dann noch einen Stu­di­en­ver­such unter­nom­men.“ Dies­mal: See­fahrt. Doch auch die­ser Ver­such schei­ter­te. „Trotz­dem woll­te ich wei­ter, schul­te um zum Bus­fah­rer. Ich habe dann bei der WISAG ange­fan­gen – von vorn­her­ein in Teil­zeit.“ Der Weg Rich­tung Meis­ter war ab dem Bus­füh­rer­schein sehr schnell klar. Dass er jetzt sei­ne Beru­fung gefun­den hat, ist sicher. Wei­ter­ent­wick­lung wünscht Natho sich trotz­dem, doch nun erst mal pri­vat: Im April möch­te er sei­ne Ver­lob­te hei­ra­ten und damit den Grund­stein für eine Fami­lie legen.

Ich habe mei­ne Beru­fung gefun­den.
Phil­ipp Natho, Meis­ter für Kraft­ver­kehr, WISAG

Zurück auf die Büh­ne, wo nun die Ehrun­gen begin­nen. Gemein­sam mit den Kam­mer­prä­si­den­ten über­gibt Petra Gute den jeweils Bes­ten ihres Fachs fei­er­lich auf der Büh­ne das Meister­zeug­nis. Einer von ihnen: Axel Schwer­dtner, 40: „Der Beruf des Indus­trie­meis­ters für Elek­tro­tech­nik wur­de mir in die Wie­ge gelegt“, sagt der gebür­ti­ge Sach­se.

Als Leih­ar­bei­ter kam er nach Ber­lin, zur Leicht­me­tall­gie­ße­rei Leime­ko. Nach einem Jahr wur­de er über­nom­men. Wei­te­ren sie­ben Jah­re in Anstel­lung spä­ter aber muss das Unter­neh­men Insol­venz anmel­den. Bald wird ein Insol­venz­ver­wal­ter ein­ge­setzt, eine Trans­fer­ge­sell­schaft gegrün­det. „Das war mei­ne Chan­ce“, erzählt Schwer­dtner.

Chan­ce bekom­men – und genutzt

„Ich habe ein Gehalt bekom­men und hat­te zehn Mona­te Zeit, mich zu ver­wirk­li­chen.“ Als Ers­tes beleg­te Schwer­dtner einen vier­mo­na­ti­gen Vor­be­rei­tungs­kurs. Danach dann der Meis­ter. „Durch das Geld der Trans­fer­ge­sell­schaft ging das sorg­los und vor allem in Voll­zeit. Die Schu­le wur­de mir auch bezahlt.“

Heu­te arbei­tet Schwer­dtner für Frei­ber­ger. Dort war­tet er die Maschi­nen, ist inzwi­schen Team­lei­ter. Doch hier ist für ihn noch lan­ge nicht Schluss: „Im Moment mache ich eine Wei­ter­bil­dung zum Tech­ni­ker. Danach möch­te ich den Tech­ni­schen Betriebs­wirt able­gen.“

Axel Schwerdtner bekommt von Stephan Schwarz und Dr. Beatrice Kramm seinen Meisterbrief überreicht
Axel Schwer­dtner ist jetzt Indus­trie­meis­ter für Elek­tro­tech­nik. Bei einem kur­zen Büh­nen­in­ter­view mit Mode­ra­to­rin Petra Gute (r.) bekommt er von Ste­phan Schwarz und Dr. Bea­tri­ce Kramm sei­nen Meis­ter­brief über­reicht. Foto: Kon­stan­tin Gast­mann

Noch lan­ge nicht aus­ge­lernt

Zwar hat Schwer­dtner das Schul­bank­drü­cken nach eige­ner Aus­sa­ge im Meis­ter­lehr­gang für sich wie­der­ent­deckt, ein­fach wird sei­ne Zukunft aber den­noch nicht. Denn im Gegen­satz zum Meis­ter muss er die­se bei­den Zie­le in Teil­zeit errei­chen.

Weni­ger gro­ße Maschi­nen bedient Maik de Rie­se-Mey­er. Auch er hat erfolg­reich sei­ne Prü­fung abge­legt und darf sich jetzt Küchen­meis­ter nen­nen. Der 27-Jäh­ri­ge ent­deck­te das Kochen schon sehr früh für sich. Mit 13 über­rasch­te der Düs­sel­dor­fer sei­ne Mut­ter zum Mut­ter­tag mit einem Pfif­fer­lings­gu­lasch. 2008 begann er, direkt nach dem Real­schul­ab­schluss, sei­ne Koch­aus­bil­dung und schloss sie 2011 als bes­ter Prüf­ling Nord­rhein-West­fa­lens ab. Nach zwei Jah­ren in einem Hotel in der baye­ri­schen Pro­vinz und einer Stel­le in Syd­ney zog es ihn in die Haupt­stadt. Ein Stück Bay­ern aber blieb: In Ber­lin fing der jun­ge Koch im baye­ri­schen Lokal „Engel­be­cken“ an.

Dass ich das Restau­rant über­neh­men kann, hat mein Meis­ter­ti­tel erst mög­lich gemacht.
Maik de Rie­se-Mey­er, Küchen­meis­ter, Engel­be­cken

Die Mög­lich­keit her­um­zu­kom­men war für de Rie­se-Mey­er immer ein gro­ßer Vor­teil des Koch­be­rufs. Aber: Zum kom­men­den Jah­res­wech­sel wird er mit zwei Kol­le­gen das „Engel­be­cken“ über­neh­men. „Ich den­ke, ich wer­de sess­haft. Dass ich das Restau­rant über­neh­men kann, hat mein Meis­ter­ti­tel erst mög­lich gemacht.“ Denn, betriebs­wirt­schaft­li­che, recht­li­che und steu­er­li­che Aspek­te wür­den in der Koch­aus­bil­dung qua­si nicht unter­rich­tet.

Tra­di­ti­on soll wei­ter­le­ben

Eini­ge Ver­än­de­run­gen im Restau­rant hat de Rie­se-Mey­er schon im Kopf. So soll alles etwas moder­ner, auf­ge­räum­ter wer­den. „Ich pla­ne auch vege­ta­ri­sche und vega­ne Gerich­te. So was ist ja in baye­ri­schen Restau­rants noch wenig ver­brei­tet.“ Der ursprüng­li­che Geist des Lokals soll aber erhal­ten blei­ben.

Nach­dem 45 Meis­ter als Bes­te ihres Faches und mit ihnen alle 673 wei­te­ren Absol­ven­ten geehrt wur­den, rollt die Kon­di­to­ren-Innung Ber­lin noch einen ganz beson­de­ren Gruß aus der Küche in den Saal: Auf einem Koloss aus Scho­ko­la­de und Mar­zi­pan thront ein ess­ba­rer Nach­bau des Ber­li­ner Mole­cu­le Man. Mit einem Mega-Grup­pen­fo­to ent­lässt Mode­ra­to­rin Petra Gute die neu­en Meis­ter aus dem offi­zi­el­len Teil der Meis­ter­fei­er – und in eine aus­sichts­rei­che Zukunft als hoch qua­li­fi­zier­te Fach- und Füh­rungs­kräf­te.

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