Das Magazin der IHK Berlin

Fach­kräf­te

Viel geschafft

2015 kamen 55.000 Geflüchtete nach Berlin. Zahlreiche fanden Arbeit – das ist dem großen Engagement der Berliner Wirtschaft zu verdanken.
von Julian Evans Ausgabe 10/2020

Neda Mohammadian hat in Berlin eine Ausbildung begonnen.
Respekt gilt denen, die in der Arbeitswelt Fuß fassen, wie zum Beispiel die aus dem Iran geflohene Neda Mohammadian. Sie hat in Berlin eine Ausbildung begonnen. Foto: Picture Alliance/KAI-UWE HEINRICH/TSP
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Die IHK fördert Initiativen, die sich für die Integration Geflüchteter einsetzen.
  • Mittlerweile sind mehr als die Hälfte aller Geflüchteten, die seit 2015 gekommen sind, erwerbstätig.

Ein hal­bes Jahr­zehnt ist mitt­ler­wei­le seit jenem Spät­som­mer 2015 ver­gan­gen, als Ange­la Mer­kel auf die ver­hee­ren­den Zustän­de an Euro­pas Außen­gren­zen mit ihrem „Wir schaf­fen das“ reagier­te und Flücht­lin­ge zu Hun­der­tau­sen­den nach Deutsch­land kamen, um hier Sicher­heit und Schutz zu fin­den. Knapp 1,1 Mil­lio­nen Men­schen haben 2015 in Deutsch­land Zuflucht gesucht, davon 55.000 in Ber­lin. Die hohe Anzahl derer, die in der Haupt­stadt ver­sorgt wer­den muss­ten, hat das Ber­li­ner Lan­des­amt für Gesund­heit und Sozia­les stark über­las­tet und zu teils chao­ti­schen Zustän­den geführt.

Fra­gen?

Kon­tak­tie­ren Sie unse­re IHK-Exper­ten

Juli­an Evans
Jetzt kon­tak­tie­ren

Doch ange­sichts der huma­ni­tä­ren Not­la­ge und der abso­lu­ten Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der sich das gesam­te Land befand, reagier­ten brei­te Tei­le der Gesell­schaft mit einer – auch inter­na­tio­nal viel beach­te­ten – Will­kom­mens­kul­tur. So auch zahl­rei­che Ber­li­ner Betrie­be, die von Anfang an mit gro­ßem Enga­ge­ment ver­such­ten, ihren Bei­trag zu leis­ten. Moni­ka Wilc­zek, Pro­jekt­lei­tung Aus­bil­dung und Per­so­nal bei der Cha­rité CFM Faci­li­ty Manage­ment GmbH, erin­nert sich noch gut an die dama­li­ge Situa­ti­on. „Unse­re Geschäfts­füh­rung hat – auf Grund­la­ge unse­rer sozia­len und gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung, die wir als gro­ßer Ber­li­ner Arbeit­ge­ber inne­ha­ben – die Ent­schei­dung getrof­fen, dass wir uns schnellst­mög­lich an der Inte­gra­ti­on von geflüch­te­ten Men­schen in den Arbeits­markt und somit in die Gesell­schaft aktiv betei­li­gen wol­len.“ Der Start des Enga­ge­ments begann bereits 2015 mit dem Ange­bot von ent­gelt­li­chen Ori­en­tie­rungs­prak­ti­ka sowie einem fir­men­in­ter­nen und selbst­fi­nan­zier­ten Deutsch­kurs, so Wilc­zek. „Bei­de Maß­nah­men set­zen wir bis heu­te erfolg­reich um. So mün­den die Hälf­te aller bis­he­ri­gen Prak­ti­ka in einem Arbeits­ver­hält­nis oder einer Aus­bil­dung in der CFM.“ 

In die­sem Kon­text beschloss die IHK-Voll­ver­samm­lung bereits Mit­te Sep­tem­ber 2015, dass durch eine För­der­li­nie mit beson­de­rem Schwer­punkt und einem Volu­men von zwei Mio. Euro Pro­jek­te und Initia­ti­ven geför­dert wer­den soll­ten, die sich für die Inte­gra­ti­on von Geflüch­te­ten in den Arbeits- und Aus­bil­dungs­markt enga­gie­ren. Doch es blieb nicht nur bei finan­zi­el­len Hil­fen: 2016 rich­te­te die IHK Ber­lin ihre Aus­bil­dungs­be­ra­tung expli­zit an Unter­neh­men aus, die Geflüch­te­te in Aus­bil­dung brin­gen woll­ten, von Febru­ar 2016 bis Okto­ber 2019 fan­den ins­ge­samt 17 Start-up-Clas­ses mit Geflüch­te­ten statt, und mit dem ARRI­VO-Ser­vice­bü­ro eröff­ne­te eben­falls 2016 eine zen­tra­le Anlauf- und Koor­di­nie­rungs­stel­le für alle Ber­li­ner Unter­neh­men, die Geflüch­te­te in Arbeit und Aus­bil­dung inte­grie­ren wol­len. 

Doch wie erfolg­reich sind die Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen der letz­ten Jah­re tat­säch­lich gewe­sen, was waren die größ­ten Hin­der­nis­se, und wo lie­gen nach wie vor Schwie­rig­kei­ten? Die Ergeb­nis­se des Sozio-öko­no­mi­schen Panels (SOEP) zei­gen, dass bun­des­weit mehr als die Hälf­te der Geflüch­te­ten mitt­ler­wei­le einer Erwerbs­tä­tig­keit nach­ge­hen und die Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on damit schnel­ler erfolgt ist als bei Geflüch­te­ten frü­he­rer Jah­re. Dabei arbei­tet eben­falls mehr als die Hälf­te der erwerbs­tä­ti­gen Geflüch­te­ten als Fach­kraft oder in Tätig­kei­ten mit höhe­rem Anfor­de­rungs­ni­veau, 44 Pro­zent sind als Hel­fer tätig.

Geflüch­te­te Men­schen sind hoch moti­viert, sich hier ein Leben auf­zu­bau­en.
Vir­gi­nia Schar­kow­sky, Lei­ten­de Koor­di­na­to­rin von sozia­len Maß­nah­men bei der BSR

In Ber­lin arbei­te­ten Ende des ver­gan­ge­nen Jah­res 16.804 Geflüch­te­te in sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen. Seit Juli 2015 hat sich der Anteil der sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung in Ber­lin damit um den Fak­tor 5,3 erhöht. Die Ent­wick­lung ver­läuft hier sogar erfolg­rei­cher als auf Bun­des­ebe­ne, wo sich der Anteil im Ver­gleichs­zeit­raum um den Fak­tor 4,6 erhöh­te. Auch bei der dua­len Berufs­aus­bil­dung sind gro­ße Erfol­ge erzielt wor­den. So absol­vie­ren aktu­ell mehr als 700 Men­schen aus den häu­figs­ten „Asyl­her­kunfts­län­dern“ (Afgha­ni­stan, Eri­trea, Irak, Iran, Nige­ria, Paki­stan, Soma­lia und Syri­en) eine Aus­bil­dung (Stand: August 2020). Die Zahl ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark gestie­gen: 2015 waren es noch 37 Aus­zu­bil­den­de. Die posi­ti­ve Ent­wick­lung bei der Inte­gra­ti­on Geflüch­te­ter in Aus­bil­dung und Beschäf­ti­gung ist dabei ins­be­son­de­re auch auf das Enga­ge­ment klei­ne­rer und mitt­le­rer Betrie­be zurück­zu­füh­ren, wie das IAB in einer Ende 2019 ver­öf­fent­lich­ten Stel­len­er­he­bung ermit­telt hat. 

Doch trotz die­ser posi­ti­ven Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re fin­den vie­le Geflüch­te­te oft­mals kei­ne Stel­le, und wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie hat ins­be­son­de­re die Arbeits­lo­sen­zahl der Geflüch­te­ten zuge­nom­men, nach­dem sie lan­ge zurück­ge­gan­gen war. Im Mai 2020 lag die Arbeits­lo­sen­quo­te bun­des­weit bei knapp 40 Pro­zent, das waren fünf Pro­zent­punk­te mehr als im März. Ein Grund hier­für könn­te sein, dass Geflüch­te­te beson­ders von den wirt­schaft­li­chen Fol­gen betrof­fen sind, da sie häu­fi­ger in Bran­chen arbei­ten, in denen sich die Kri­se beson­ders stark aus­wirkt, wie etwa die Hotel­le­rie und Gas­tro­no­mie. 

Vie­le der Geflüch­te­ten fin­den oft­mals nur eine Beschäf­ti­gung im Hel­fer­be­reich. Das liegt ins­be­son­de­re an sprach­li­chen Bar­rie­ren und feh­len­den beruf­li­chen oder beruf­lich ver­wert­ba­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen. Auch der Antrieb vie­ler Geflüch­te­ter, oft­mals so schnell wie mög­lich Geld zu ver­die­nen, um die Fami­lie in ihren alten Hei­mat­län­dern finan­zi­ell zu unter­stüt­zen, spielt eine gro­ße Rol­le.

Die Inte­gra­ti­ons­ar­beit hat sich gelohnt.
Eva Witz­gall, Lei­te­rin Aus­bil­dung Bay­er AG, Stand­ort Ber­lin

„Geflüch­te­te Men­schen sind hoch moti­viert, sich hier ein Leben auf­zu­bau­en. Dabei benö­ti­gen sie jedoch Unter­stüt­zung. Es hat sich gezeigt, dass schu­li­sche und beruf­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen oft­mals nicht für die Auf­nah­me einer dua­len Berufs­aus­bil­dung aus­rei­chen, dazu kom­men noch sprach­li­che Defi­zi­te“, betont Vir­gi­nia Schar­kow­sky, lei­ten­de Koor­di­na­to­rin von sozia­len Maß­nah­men bei der Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gung (BSR). 

Bereits seit 2015 enga­giert sie sich unter ande­rem mit dem Jugend­hil­fe­pro­jekt Ever­est für Inte­gra­ti­on. „Gute Erfah­run­gen haben wir mit der Vor­schal­tung einer Ein­stiegs­qua­li­fi­zie­rung gemacht“, so Schar­kow­sky. „Die­se gibt den jun­gen Men­schen die Mög­lich­keit, feh­len­de Grund­qua­li­fi­ka­tio­nen zu erwer­ben und gleich­zei­tig unse­re Unter­neh­mens­kul­tur ken­nen­zu­ler­nen.“ Zusätz­lich orga­ni­siert das Unter­neh­men einen Deutsch­kurs. „Am Ende stei­gen so die Chan­cen, die Aus­bil­dung erfolg­reich zu absol­vie­ren.“ 

Per­spek­ti­visch muss es nun also dar­um gehen, berufs­be­zo­ge­ne Sprach­kennt­nis­se und erfor­der­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen in der Beschäf­ti­gung zu erwer­ben oder vor­han­de­ne Qua­li­fi­ka­tio­nen in bestehen­de Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se ein­zu­brin­gen. Eva Witz­gall, Lei­te­rin Aus­bil­dung bei der Bay­er AG am Stand­ort Ber­lin, bekräf­tigt dies und stellt fest, dass „die Her­aus­for­de­run­gen an vie­le Betrie­be durch die Pan­de­mie gestie­gen sind“. Den­noch fin­det sie es ermu­ti­gend, wie vie­le Geflüch­te­te, die sich anfäng­lich schnell für eine Aus­bil­dung ent­schie­den hat­ten, trotz der nicht vor­her­ge­se­he­nen Situa­ti­on in die­sem Som­mer ihre Abschluss­prü­fun­gen gemeis­tert haben. „Das zeigt, wie sub­stan­zi­ell das Enga­ge­ment ist und wie sehr sich die zurück­lie­gen­de Inte­gra­ti­ons­ar­beit gelohnt hat“, so Witz­gall. 

Nach drei bis vier Jah­ren sei man nun dabei, Bilanz zu zie­hen. Witz­gall meint, dass man in den Bemü­hun­gen nicht nach­las­sen soll­te: „The­men wie eine sta­bi­le Wohn­si­tua­ti­on, eine unkom­pli­zier­te sys­te­ma­ti­sche Ermög­li­chung der Teil­nah­me an berufs­be­zo­ge­nen Sprach­kur­sen sowie die Koope­ra­ti­on zwi­schen allen Betei­lig­ten – Betrie­ben, Berufs­schu­len, Kam­mern und Poli­tik – sind wei­ter­hin von hoher Bedeu­tung.“ 

So kann es gelin­gen, den Geflüch­te­ten lang­fris­ti­ge Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten zu eröff­nen und hin­ter Ange­la Mer­kels „Wir schaf­fen das“ ein dickes Aus­ru­fe­zei­chen zu set­zen. 

Das könnte Sie auch interessieren – weitere Artikel dieser Kategorie


Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und informiert bleiben!