Das Magazin der IHK Berlin

Fach­kräf­te

Frauen in den Zeiten von Corona

Vier Unternehmerinnen berichten von ihren Erfahrungen in den vergangenen Monaten, von Auswirkungen auf Rollenbilder und davon, was sich dringend ändern sollte.
von Melanie Engler Ausgabe 07+08/2020

Marcia Behrens führt die Fapack und teilt sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann
Marcia Behrens führt die Fapack und teilt sich die Kinderbetreuung mit ihrem Mann. Foto: André Wagner/IHK Berlin
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Noch immer sind Frauen in Unternehmen zu wenig sichtbar.
  • Teilweise hat die Corona-Krise ihre Lage verschärft.

Mar­cia Beh­rens: Geschäfts­füh­ren­de Pro­ku­ris­tin Fapack

Ich bin in der fünf­ten Genera­ti­on in unse­rem Fami­li­en­un­ter­neh­men, dem Ver­pa­ckungs­her­stel­ler Fapack, tätig, das inzwi­schen seit 150 Jah­ren am Markt ist. Im letz­ten Jahr sind mein Mann, der auch in der Fir­ma arbei­tet, und ich Eltern gewor­den. Seit Coro­na weiß ich umso mehr, was es bedeu­tet, den Haus­halt zu schmei­ßen, ein­zu­kau­fen usw. Das ist ein Full­time-Job. Nur wenn Män­ner und Frau­en das glei­cher­ma­ßen machen, mer­ken sie das. Ich sehe das Risi­ko, dass Frau­en durch Coro­na wie­der in die Haus­halts­rol­le zurück­fal­len, auch wenn es bei mir selbst nicht der Fall ist, denn mein Mann und ich tei­len uns Betreu­ung und Haus­ar­beit gleich­mä­ßig auf. Mit einem Kind ist es nicht mög­lich, effek­tiv neben­bei zu arbei­ten. Eine Über­for­de­rung ist vor­pro­gram­miert. Man wird kei­nem gerecht und am wenigs­ten sich selbst.

Frau­en müs­sen in Füh­rungs­po­si­tio­nen gelan­gen und dadurch sicht­ba­rer wer­den.
Mar­cia Beh­rens

Die Gesell­schaft braucht nicht nur eman­zi­pier­te Frau­en, son­dern auch eman­zi­pier­te Män­ner. Ich den­ke, erst wenn es auch für Män­ner nor­mal ist, dass Frau­en mehr ver­die­nen als sie, kann man von Gleich­be­rech­ti­gung spre­chen. Auch die Kon­kur­renz unter Frau­en, wer eine „gute Mut­ter“ ist, soll­te auf­hö­ren. Frau­en müs­sen in Füh­rungs­po­si­tio­nen gelan­gen und dadurch sicht­ba­rer wer­den. Genau­so soll­ten mehr Män­ner klas­si­sche Frau­en­rol­len über­neh­men. Die Akzep­tanz für bei­de Sei­ten soll­te stär­ker wer­den, und kei­ner darf als schwach gel­ten.

Fordert die Politik zum beherzten Handeln auf: Larissa Zeichhardt
For­dert die Poli­tik zum beherz­ten Han­deln auf: Laris­sa Zeich­hardt. Foto: lat.de

Laris­sa Zeich­hardt: Geschäfts­füh­re­rin LAT

Mein Vater ist an einem Herz­in­farkt gestor­ben, und ich bin qua­si über Nacht in das Fami­li­en­un­ter­neh­men gekom­men. Mei­ne Schwes­ter Ara­bel­le Laternser war bereits hier tätig, inzwi­schen füh­ren wir gemein­sam den Betrieb. LAT bie­tet vom Anla­gen­bau bis hin zur Video­über­wa­chung Dienst­leis­tun­gen und Pro­duk­te an, und wir haben zum Glück trotz Covid-19 genug Auf­trä­ge gehabt. Eins der gro­ßen Pro­ble­me war die Situa­ti­on für Eltern. Eine zuver­läs­si­ge Kin­der­be­treu­ung ist die wich­tigs­te Grund­la­ge für einen erfolg­rei­chen Arbeits­tag. Gera­de in den gewerb­li­chen Beru­fen ist die Sicher­heit gefähr­det, wenn Mit­ar­bei­ter unaus­ge­schla­fen in die Nacht­schicht kom­men, weil sie tags­über auf ihre Kin­der auf­pas­sen müs­sen. Wir fin­den, die Län­der und auch der Bund hät­ten für effek­ti­ve Lösun­gen sor­gen müs­sen. Das Eltern­geld war mei­ner Mei­nung nach ein Frei­fahrt­schein für Unter­neh­men, die Müt­ter los­wer­den woll­ten. Kein Arbeits­platz kann acht Wochen unbe­setzt sein, es wird also Ersatz gesucht. Die Ent­schä­di­gung von maxi­mal 2.016 Euro für bis zu sechs Wochen sagt im Grun­de auch aus: Betreu­ung ist weni­ger wert als Arbeit. Jetzt haben wir über­mü­de­te Eltern und Arbeit­ge­ber, die über­le­gen, wie sie die Lücke zwi­schen Lohn­kos­ten und Ein­nah­men schlie­ßen kön­nen.

Das Eltern­geld war ein Frei­fahrt­schein für Unter­neh­men, die Müt­ter los­wer­den woll­ten.
Laris­sa Zeich­hardt

Dass Frau­en nach wie vor stark benach­tei­ligt sind, wird beson­ders bei der Ver­tei­lung von Füh­rungs­po­si­tio­nen deut­lich. Wir müs­sen nur die Zah­len lesen. Hier ist die Poli­tik gefragt. Zual­ler­erst soll­te sie die eige­nen Rei­hen zu glei­chen Tei­len beset­zen. Und außer­dem: Es kann nicht sein, dass wir Frau­en immer noch ein Man­dat im Vor­stand oder Auf­sichts­rat abge­ben müs­sen, wenn wir ein Kind bekom­men. Wozu denn bis nach oben auf­stei­gen, wenn dann eh das Ende kommt?

Farina Schurzfeld plädiert dafür, die Visibilität von Role Models zu etablieren
Fari­na Schurz­feld plä­diert dafür, die Visi­bi­li­tät von Role Models zu eta­blie­ren. Foto: Jür­gen Sen­del Pic­tureblind

Fari­na Schurz­feld: Grün­de­rin Self­a­py

Self­a­py bie­tet Online-Sofort­hil­fe für Men­schen, die unter psy­chi­schen Belas­tun­gen lei­den. Ich habe das Unter­neh­men gegrün­det und bin CMO, das heißt, ich küm­me­re mich um das The­ma Wachs­tum, also Mar­ke­ting sowie Koope­ra­tio­nen und Inter­na­tio­na­li­sie­rung.

Ein guter Mana­ger, egal ob Frau oder Mann, ist empa­thisch und selbst­re­flek­tiert.
Fari­na Schurz­feld

Ich selbst habe kei­ne spe­zi­fi­schen Her­aus­for­de­run­gen zu bewäl­ti­gen, weder vor noch wäh­rend der Coro­na-Zeit. Aber für Frau­en mit Kin­dern stel­le ich es mir anspruchs­vol­ler vor. Für mich gibt es auch kei­nen typisch weib­li­chen oder männ­li­chen Füh­rungs­stil und ich mag die Unter­schei­dung nicht, da sie mei­ner Mei­nung nach Rol­len­bil­der eher fes­tigt. Ein guter Mana­ger, egal ob Frau oder Mann, ist mei­ner Mei­nung nach selbst­re­flek­tiert, empa­thisch, för­dernd und führt indi­vi­du­ell. Ich per­sön­lich prä­fe­rie­re eine Men­to­ren­rol­le, denn sie bringt Frei­heit und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein mit sich.

Nicole Groß nutzt die Krise für die Weiterentwicklung ihrer Produkte
Nico­le Groß nutzt die Kri­se für die Wei­ter­ent­wick­lung ihrer Pro­duk­te. Foto: ZIBB Zah­lungs­sys­te­me GmbH

Nico­le Groß, Grün­de­rin: ZIIB Zah­lungs­sys­te­me

In der Pay­ment-Bran­che wun­dert man sich, dass ich ein eta­blier­tes Unter­neh­men auf­ge­baut habe, mit zehn Mit­ar­bei­tern und mit einem geplan­ten Umsatz in die­sem Jahr von 1,5 Mil­lio­nen. Schon davor habe ich die Erfah­rung gemacht: Ich muss­te immer min­des­tens 20 Pro­zent bes­se­re Ergeb­nis­se erzie­len als ein Mann, um Aner­ken­nung zu bekom­men. Ich glau­be, dass der weib­li­che Füh­rungs­stil viel part­ner­schaft­li­cher und respekt­vol­le­rer ist, da wir Frau­en uns genau die­sen Respekt in der Zusam­men­ar­beit mit männ­li­chen Füh­rungs­kräf­ten immer wün­schen. Das soge­nann­te „weib­li­che Ein­füh­lungs­ver­mö­gen“ kommt auch zum Zuge. Unter­neh­men soll­ten sowohl das mobi­le Arbei­ten als auch ihr Ange­bot für die Kin­der­be­treu­ung erhö­hen, um Frau­en zu ermög­li­chen, Füh­rungs­po­si­tio­nen ein­zu­neh­men.

Eine Frau muss min­des­tens 20 Pro­zent bes­se­re Ergeb­nis­se erzie­len als ein Mann.
Nico­le Groß

In der Coro­na-Kri­se sind unse­re Umsät­ze um 90 Pro­zent ein­ge­bro­chen. Ich habe alle Mit­ar­bei­ter in 50 Pro­zent Kurz­ar­beit geschickt und ins Home­of­fice. Durch die finan­zi­el­len Zuschüs­se vom Land Ber­lin und von der Bun­des­re­gie­rung muss­ten wir aber nie­man­den ent­las­sen. Wir haben nach Lösun­gen gesucht, neue Kun­den zu akqui­rie­ren und das Markt­seg­ment hygie­ni­scher und kon­takt­lo­ser Kar­ten­zah­lun­gen für Wochen­märk­te und Ver­kaufs­stän­de für uns ent­deckt. Außer­dem haben wir uns deut­lich mehr mit der Wei­ter­ent­wick­lung unse­rer App beschäf­tigt. Das wäre bei einem nor­ma­len Geschäfts­be­trieb nicht mög­lich gewe­sen.

Ich sehe die­se Zeit auch als Chan­ce für Frau­en mit Kin­dern, denn sie kön­nen sich im Home­of­fice die Zeit bes­ser ein­tei­len. Für die Zukunft wün­sche ich mir, dass schon in Schul­bü­chern Frau­en abge­bil­det sind, die einen Kon­zern lei­ten.

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