Das Magazin der IHK Berlin

Fach­kräf­te

Ausgebremstes Jobwunder

Deutschland erlebt durch die Folgen der Corona-Pandemie die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte. Berlin ist besonders betroffen, auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt.
von Julian Algner Ausgabe 07+08/2020

Arbeitslosenquote: Auf der Basis von Vergleichswerten hat die Bundesagentur für Arbeit die durch Corona bedingte Arbeits­losenquote errechnet
Arbeitslosenquote: Auf der Basis von Vergleichswerten hat die Bundesagentur für Arbeit die durch Corona bedingte Arbeits­losenquote errechnet. In Berlin ist sie besonders hoch. Foto: Grafik: BW, Quelle: Bundesagentur für Arbeit
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  • Die Corona-Krise wirkt sich am Arbeitsmarkt nicht nur auf das Angebot, sondern auch auf die Nachfrage aus.
  • Daneben verschieben sich die Anforderungen an Arbeitsnehmer durch die coronabedingte Digitalisierung.

Der Arbeits­markt im Juni, in dem sonst Arbeits­lo­sig­keit zurück­geht, ist beson­ders in Ber­lin wei­ter unter Druck“, resü­miert Bernd Becking, Geschäfts­füh­rer der Regio­nal­di­rek­ti­on Ber­lin-Bran­den­burg der Bun­des­agen­tur für Arbeit. Die­sen Juni waren es im Ver­gleich zum Vor­jahr 56.765 arbeits­lo­se Erwerbs­fä­hi­ge mehr. Liegt der Coro­na-Effekt der Arbeits­lo­sen­quo­te im Bun­des­durch­schnitt bei knapp über 1,5 Pro­zent­punk­ten, ist er in der Haupt­stadt mit 2,8 Pro­zent­punk­ten nahe­zu dop­pelt so hoch. Grund dafür ist unter ande­rem der Ein­bruch im Tou­ris­mus- und Mes­se­we­sen. Der­zeit sor­gen die Arbeits­markt­in­stru­men­te laut Becking dafür, dass ein noch stär­ke­rer Effekt abge­fe­dert wird: „Kurz­ar­beit, der um drei Mona­te ver­län­ger­te Bezug von Arbeits­lo­sen­geld und der ver­ein­fach­te Zugang zur Grund­si­che­rung haben bis­lang Schlim­me­res ver­hin­dert.“ Aller­dings belegt die letz­te IHK-Coro­na-Umfra­ge, dass 22 Pro­zent der Unter­neh­men befürch­ten, in den nächs­ten Mona­ten insol­vent zu gehen und dass jeder drit­te Betrieb zeit­nah mit Ent­las­sun­gen rech­net.

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Unter­schied zur Finanz­kri­se 2008/2009

Ein Grund für die schwe­ren Wirt­schafts­fol­gen ist, dass sich die Coro­na-Kri­se nicht nur auf das Ange­bot, son­dern auch auf die Nach­fra­ge aus­wirkt. Im Gegen­satz zu 2008/09 hat­te die welt­wei­te Gesund­heits­kri­se ein abrup­tes Run­ter­fah­ren der Wirt­schaft zur Fol­ge, sodass eini­ge Berufs­zwei­ge kei­ner­lei Ein­nah­men mehr erwirt­schaf­ten konn­ten. In Sek­to­ren wie der Ver­an­stal­tungs­bran­che bestehen die­se schwer­wie­gen­den Ein­schrän­kun­gen wei­ter­hin. Deut­lich wird, dass die Situa­ti­on stark von der Bran­che abhängt: Ein Groß­teil derer, die arbeits­los gewor­den sind, kommt aus dem Gast­ge­wer­be – das mit einer Zunah­me von 105 Pro­zent den größ­ten Arbeits­lo­sen­zu­wachs zwi­schen April und Juni im Ver­gleich zu 2019 ver­zeich­ne­te. Auch im Han­del, in Tei­len des Dienst­leis­tungs­sek­tors wie etwa Rei­se­bü­ros, im ver­ar­bei­ten­den Gewer­be und bei der Leih­ar­beit – oft Früh­in­di­ka­tor für die Arbeits­markt­ent­wick­lung – mel­de­ten Unter­neh­men einen star­ken Anstieg coro­nabe­ding­ter Arbeits­lo­sig­keit.

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Dazu erreicht die Kurz­ar­beit ein nie da gewe­se­nes Rekord­hoch. Hier zeigt der Ver­gleich zu Febru­ar 2009, dem dama­li­gen Rekord­mo­nat der Kurz­ar­beit, dass Coro­na die Ber­li­ner Wirt­schaft beson­ders hart trifft: So gab es im Febru­ar 2009 deutsch­land­weit knapp 19.700 Kurz­ar­beits­an­zei­gen für rund 720.000 Beschäf­tig­te. Im Ver­gleich dazu haben von April bis Juni 2020 allein in Ber­lin über 38.000 Betrie­be Kurz­ar­beit für über 400.000 Beschäf­tig­te ange­zeigt. Da die Kauf­kraft der Beschäf­tig­ten dadurch gerin­ger ist, schwächt dies eben­falls die Nach­fra­ge.

Aktu­el­le Zah­len zu Neu­ein­stel­lun­gen und gemel­de­ten offe­nen Stel­len zei­gen in Ber­lin sowie auch bun­des­weit, dass der Arbeits­markt stär­ker in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wird, als dies 2008/2009 der Fall war. For­scher des Insti­tuts für Arbeits­markt- und Berufs­for­schung (IAB) war­nen daher vor Risi­ken einer anhal­ten­den Neu­ein­stel­lungs­kri­se in Deutsch­land. Die Zah­len für Ber­lin alar­mie­ren: So wur­den von April bis Juni über 50 Pro­zent weni­ger neue Arbeits­stel­len gemel­det als im sel­ben Zeit­raum 2019, dazu kom­men 30 Pro­zent weni­ger Abgän­ge in Jobs am ers­ten Arbeits­markt und über 40 Pro­zent mehr Zugän­ge in die Arbeits­lo­sig­keit. Neben der schwie­ri­gen Finanz­la­ge trägt die Unsi­cher­heit über eine mög­li­che zwei­te Infek­ti­ons­wel­le dazu bei, dass Betrie­be bei Neu­ein­stel­lun­gen zurück­hal­tend agie­ren.

Kurz­ar­beit, der ver­län­ger­te Bezug von Arbeits­lo­sen­geld und der ver­ein­fach­te Zugang zur Grund­si­che­rung haben bis­lang Schlim­me­res ver­hin­dert.
Bernd Becking, Arbeits­agen­tur Regio­nal­di­rek­ti­on Ber­­lin-Bran­­den­burg

Von Arbeits­lo­sig­keit pro­zen­tu­al beson­ders stark betrof­fen sind der­zeit Jugend­li­che, Älte­re und Men­schen ohne deut­schen Pass. Eben­falls über­pro­por­tio­nal betrof­fen sind Gering­qua­li­fi­zier­te. So hat sich die Zahl der Arbeits­lo­sen ohne Berufs­aus­bil­dung seit März um 33.486 Per­so­nen und damit knapp 40 Pro­zent erhöht. Für Geflüch­te­te bedeu­te­ten die Coro­na-Ein­schrän­kun­gen ein Inte­gra­ti­ons­hemm­nis: Kur­se zum Sprach­er­werb fie­len genau­so aus wie Bera­tungs­an­ge­bo­te. Außer­dem sind vie­le Men­schen mit Flucht­hin­ter­grund in nicht kri­sen­re­sis­ten­ten Bran­chen tätig.

Auch Fach­kräf­te aus dem Aus­land, die seit Jah­ren dazu bei­tra­gen, den Fach­kräf­te­eng­pass zu lin­dern, waren in den letz­ten Mona­ten vor gro­ße Hür­den gestellt. Geschlos­se­ne Gren­zen und deut­sche Aus­lands­ver­tre­tun­gen, die vor­über­ge­hend die Arbeit ein­ge­stellt hat­ten, führ­ten dazu, dass Rekru­tie­rungs­pro­zes­se ein­fro­ren. Im Kon­text der Gleich­stel­lung bei­der Geschlech­ter ver­deut­licht die Coro­na-Kri­se bereits bestehen­de Pro­ble­me wie die unglei­che Ver­tei­lung von Haus- und Care-Arbeit. Jut­ta All­men­din­ger, Prä­si­den­tin des Wis­sen­schafts­zen­trums Ber­lins, warn­te sogar davor, dass die Pan­de­mie Frau­en bei der Gleich­stel­lung um 30 Jah­re zurück­wer­fe. Hier muss für eine bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf, fle­xi­ble­re Arbeits­zeit­mo­del­le und pass­ge­naue­re Betreu­ungs­an­ge­bo­te gesorgt wer­den. Zumal bei einer IHK-Umfra­ge zur Kin­der­be­treu­ung im Mai 76 Pro­zent der Unter­neh­men die gemin­der­te Arbeits­leis­tung auf­grund der Betreu­ungs­si­tua­ti­on ihrer Beschäf­tig­ten als eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen bezeich­ne­ten.

Abbau in Touristik und Gastronomie: Vierte Corona-Umfrage der IHK zeigt in der Personalplanung große Branchenunterschiede
Abbau in Tou­ris­tik und Gas­tro­no­mie: Vier­te Coro­na-Umfra­ge der IHK zeigt in der Per­so­nal­pla­nung gro­ße Bran­chen­un­ter­schie­de. Anga­ben in Pro­zent. Foto: Gra­fik: BW, Quel­le: IHK Ber­lin

Struk­tur­wan­del braucht För­de­rung

Der coro­nabe­ding­te Digi­ta­li­sie­rungs­schub unter­streicht die Fra­ge, wel­che Qua­li­fi­zie­rung Beschäf­tig­te künf­tig mit­brin­gen müs­sen, um am Arbeits­markt bestehen zu kön­nen. In vie­len Wirtschaft-4.0-Analysen ist ein Trend zur Höher­qua­li­fi­zie­rung erkenn­bar, wäh­rend glei­cher­ma­ßen zusätz­li­che Jobs im Nied­rig­qua­li­fi­ka­ti­ons­be­reich ent­ste­hen. Nach bis­he­ri­gen Erkennt­nis­sen wer­den Tätig­kei­ten mit mitt­le­rem Qualifikationsniveau­ – der Fach­kräf­tee­be­ne – dem größ­ten Wan­del unter­zo­gen sein. Ver­schwin­den hier Arbeits­plät­ze kri­sen­be­dingt, wer­den sie wahr­schein­lich nicht wie­der in der­sel­ben Form ent­ste­hen.

Wenige neue Stellen in Berlin: Indikatoren der Arbeitsmarktentwicklung zeigen eine geringe Nachfrage am ersten Arbeitsmarkt
Weni­ge neue Stel­len in Ber­lin: Indi­ka­to­ren der Arbeits­markt­ent­wick­lung zei­gen eine gerin­ge Nach­fra­ge am ers­ten Arbeits­markt. Anga­ben in Pro­zent. Foto: Gra­fik: BW, Quel­le: Bun­des­agen­tur für Arbeit

Um die­ser Qua­li­fi­ka­ti­ons­ver­zer­rung durch den struk­tu­rel­len Wan­del und einer coro­nabe­ding­ten Ver­fes­ti­gung von Arbeits­lo­sig­keit vor­zu­beu­gen, muss stär­ker denn je auf (Re-)Qualifizierung und Wei­ter­bil­dung gesetzt wer­den. Dafür rei­chen bestehen­de För­der­instru­men­te wie das Qua­li­fi­zie­rungs­chan­cen­ge­setz nicht aus. Viel­mehr soll­te über bran­chen­be­zo­ge­ne Ansät­ze, Bil­dungs­bo­ni und kon­ti­nu­ier­li­che­re För­der­maß­nah­men nach­ge­dacht wer­den. Auch E-Lear­ning kann dabei stär­ker im Fokus ste­hen. Laut einer Umfra­ge des IW Köln wünscht sich knapp ein Vier­tel der Unter­neh­men eine stär­ke­re Öff­nung der staat­li­chen För­de­rung für ent­spre­chen­de Ange­bo­te. Die jüngs­te DIHK-Aus­bil­dungs­um­fra­ge ergab, dass sich auch über 70 Pro­zent der befrag­ten Ber­li­ner Aus­bil­dungs­be­trie­be mehr E-Lear­ning- bzw. Blen­ded-Lear­ning-For­ma­te (Ver­bin­dung von Prä­senz­un­ter­richt und E-Lear­ning) wün­schen. Dar­über hin­aus müs­sen qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te bei beruf­li­cher Umori­en­tie­rung unter­stützt wer­den. Hier­zu sind pro­fes­sio­nel­le Bera­tungs­an­ge­bo­te und Unter­stüt­zungs­maß­nah­men gefragt, die sich an der Lebens­rea­li­tät von Men­schen ori­en­tie­ren, die bereits im Berufs­le­ben ste­hen, wie etwa BAföG für Zweit­aus­bil­dun­gen.

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