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Bran­chen

An die Spitze geklettert

Mit ihren Spielgeräten ist die Berliner Seilfabrik Weltmarktführer. Zu Hause braucht sie mehr Platz, im internationalen Geschäft verlässliche Bedingungen.
von Oliver de Weert Ausgabe 03/2020

Seilfabrik-Geschäftsführer David Köhler in einem Raumnetz
Seilfabrik-Geschäftsführer David Köhler in einem Raumnetz Foto: Christian Kielmann
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  • Die Seilfabrik hat mit ihren Produkten eine Nische erfolgreich besetzt.
  • Wegen des anhaltenden Wachstumskurses will das Unternehmen erweitern.

David Köh­ler hängt in den Sei­len – ganz wört­lich, auf Wunsch des Foto­gra­fen. Ein Pro­blem hat ­Köh­ler damit nicht, denn der Erfolg sei­nes Unter­neh­mens hängt wie­der­um zu wesent­li­chen Tei­len am Seil. Der 42-Jäh­ri­ge ist Geschäfts­füh­rer der Ber­li­ner ­Seil­fa­brik, die sich welt­weit einen Namen mit hoch­wer­ti­gen Spiel­platz­ge­rä­ten gemacht hat. Auch wenn das Pro­dukt­port­fo­lio inzwi­schen deut­lich erwei­tert wur­de: Mar­ken­zei­chen der Rei­ni­cken­dor­fer sind kom­ple­xe Seil­kon­struk­tio­nen, auf denen meh­re­re Kin­der gleich­zei­tig her­um­klet­tern und sich aus­to­ben kön­nen.

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Seit Mit­te der 1990er-Jah­re ent­wi­ckelt und pro­du­ziert die Seil­fa­brik in der indus­tri­el­len Nische Spiel­ge­rät. Auf mitt­ler­wei­le ins­ge­samt 6.000 Qua­drat­me­tern wer­den poly­es­ter-umman­tel­te Stahl­sei­le her­ge­stellt, kon­fek­tio­niert und zu inno­va­ti­ven, kind­ge­rech­ten Raum­net­zen ver­knüpft. Aber auch tra­gen­de Tei­le wie stäh­ler­ne Rohr­stre­ben sowie Ver­bin­dungs­ele­men­te aus Alu­mi­ni­um ent­ste­hen in den Hal­len. An der einen Stel­le wird geschweißt, mit Pul­ver beschich­tet und vor­mon­tiert, anders­wo war­ten Bam­bus, Höl­zer und unver­wüst­li­che HDPE-Kunst­stoff­plat­ten auf ihren Ein­satz.

2008 bau­te das Unter­neh­men am Stand­ort im Gewer­beare­al zwi­schen Len­ge­der Stra­ße und Roedern­al­lee neu. „Damals dach­ten wir, das reicht für die nächs­ten 20 Jah­re“, sagt David Köh­ler. Längst aber wird der Platz wie­der knapp. Erwei­te­rungs­flä­chen im Umfeld zu fin­den, sei schwie­rig. „Natür­lich könn­ten wir irgend­wo raus auf die grü­ne Wie­se zie­hen“, meint der Juni­or­chef, „aber wenn die Fir­ma Ber­li­ner Seil­fa­brik heißt und man sel­ber auch gebür­ti­ger Rei­ni­cken­dor­fer ist, will man ein­fach gern hier­blei­ben. Das gehört zu unse­rer Iden­ti­tät.“

Schweißarbeit: Marcello Brose sorgt für stabile Verbindungen
Schweiß­ar­beit: Mar­cel­lo Bro­se sorgt für sta­bi­le Ver­bin­dun­gen. Foto: Ber­li­ner Seil­fa­brik 2020

Den Grund­stein für die­ses Selbst­ver­ständ­nis leg­te Vater Karl Köh­ler. In einem Manage­ment-Buy-out lös­te er 1995 die damals win­zi­ge Spar­te Spiel­ge­rä­te aus der Erb­mas­se einer tra­di­ti­ons­rei­chen Seil­fa­brik, deren Wur­zeln bis ins Jahr 1865 und in die öst­li­che Stadt­hälf­te zurück­rei­chen. Der West­ber­li­ner Nach­kriegs­ge­schich­te des Vor­gän­ger­be­triebs, in dem haupt­säch­lich Stahl­sei­le für Auf­zü­ge gefer­tigt wur­den, berei­te­te die Wen­de ein bal­di­ges Ende – ohne Sub­ven­tio­nen ren­tier­te sich der Stand­ort nicht mehr. Aus dem Ange­stell­ten Karl Köh­ler wur­de ein Unter­neh­mer. Mit einer Visi­on und einem Cre­do: „Wir machen die bes­ten Spiel­ge­rä­te – gleich nach dem Baum.“

Inzwi­schen lei­ten Vater und Sohn Köh­ler – mit einem drit­ten Geschäfts­füh­rer – nicht weni­ger als einen Welt­markt­füh­rer. Fast 80 Pro­zent des Geschäfts wird im Export gemacht. Bis hin nach Aus­tra­li­en schät­zen die ganz über­wie­gend kom­mu­na­len Auf­trag­ge­ber die lang­le­bi­gen und des­halb beson­ders nach­hal­ti­gen Spiel­ge­rä­te aus Rei­ni­cken­dorf. Ein wich­ti­ger Markt sind die USA. So wich­tig, dass David Köh­ler dort ein Jahr lang leb­te und eine Nie­der­las­sung in Green­vil­le im Bun­des­staat South Caro­li­na auf­bau­te. Weil „Seil­fa­brik“ ein ech­ter Zun­gen­bre­cher etwa für eng­lisch­spra­chi­ge Kun­den ist, ope­riert das Unter­neh­men im Aus­land mitt­ler­wei­le nur noch als „Ber­li­ner“ – die Hei­mat­stadt wird zur Mar­ke.

Ein Großteil des in der Seilfabrik verarbeiteten Stahls und Aluminiums ist Recycling-Material. Nachhaltigkeit gehört zur DNA des Unternehmens
Ein Groß­teil des in der Seil­fa­brik ver­ar­bei­te­ten Stahls und Alu­mi­ni­ums ist Recy­cling-Mate­ri­al. Nach­hal­tig­keit gehört zur DNA des Unter­neh­mens. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Wegen der star­ken Export­ori­en­tie­rung berei­ten David Köh­ler zuneh­men­de Han­dels­hemm­nis­se und pro­tek­tio­nis­ti­sche Ten­den­zen gro­ße Sor­gen. Einen fast kurio­sen Effekt bringt in die­sen Zei­ten der US-Able­ger der Ber­li­ner Seil­fa­brik mit sich: „Obwohl eigent­lich ‘Made in Ger­ma­ny’ zählt, hilft es, dass wir uns gewis­ser­ma­ßen einen ame­ri­ka­ni­schen Stem­pel auf­drü­cken kön­nen“, so Köh­ler. „Und wir sind eben in einer Nische. Spiel­platz­ge­rä­te wird man hof­fent­lich immer brau­chen.“ In jedem Fall müs­se man als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Unter­neh­mer Ver­än­de­run­gen auf den Welt­märk­ten in sei­ne Pla­nung ein­be­zie­hen.

Zukunfts­si­che­rung ist nicht nur ange­sichts des inter­na­tio­na­len Geschäfts ein The­ma. Das Unter­neh­men mit sei­nen 110 Mit­ar­bei­tern setzt auf per­ma­nen­te Inno­va­ti­on. Zu den viel­fäl­tig gestal­te­ten Raum­net­zen und futu­ris­tisch anmu­ten­den Tür­men aus Stahl, HDPE, Bam­bus und Holz haben sich längst auch klei­ne Gerä­te gesellt. Die Pro­dukt­li­nie Urban Design ver­eint soge­nann­te Spiel­punk­te, die wenig Platz brau­chen und häu­fig auch an Orten wie Fuß­gän­ger­zo­nen funk­tio­nie­ren, weil sie ohne Sand, Mulch oder ande­re wei­che Unter­grün­de aus­kom­men. Sicher­heit ist bei Spiel­ge­rä­ten ein hoch­emo­tio­na­les The­ma, wes­we­gen die ­Köh­lers sich auch – nicht nur in Deutsch­land – inten­siv um Stan­dards und Nor­men küm­mern.

Die Idee, Seil­kon­struk­tio­nen zum Spie­len und Klet­tern zu ent­wer­fen, ist übri­gens schon älter. Ein ehe­ma­li­ger Boxer aus den USA, den die Ber­li­ner Seil­fa­brik bis heu­te mit ihrer „Joe Brown Collec­tion“ wür­digt, expe­ri­men­tier­te damit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts. Viel­leicht erin­ner­te er sich dar­an, wie er in sei­ner akti­ven Lauf­bahn mal in den Sei­len gehan­gen hat­te.

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