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Bran­chen

Gewerbe mit ungeahnten Geschichten

An Pfandleihhäusern haften Vorurteile. Dabei verhelfen sie Kiezbewohnern auf unkompliziertem Weg zu Bargeld. Ihr Kundenkreis ist weitaus vielfältiger als gedacht.
von Alexander Ertner Ausgabe 02/2019

Leihhaus Goebel
Stephan Goebel (l.) wünscht sich, dass Sohn Marius das Leihhaus übernimmt. Foto: Leihhaus Goebel
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Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Um Pfandhäuser ranken sich viele falsche Vorurteile.
  • Am Verkauf sind Pfandleiher oft gar nicht interessiert.

Wer den Kott­bus­ser Damm in Rich­tung Her­mann­platz hin­un­ter­fährt, hat auf der rech­ten Sei­te im Haus Num­mer 23 viel­leicht schon ein­mal das „Leih­haus am Her­mann­platz“ ent­deckt. Seit mehr als 25 Jah­ren, genau seit dem 1. Novem­ber 1993, gehört die­ses Geschäft als hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter zur Fried­rich Wer­dier KG, wel­che in sie­ben wei­te­ren deut­schen Städ­ten eige­ne Leih­häu­ser betreibt. Die Kom­ple­men­tä­re der KG, die Brü­der Tho­mas und Joa­chim Struck, betrei­ben in vier­ter Genera­ti­on das Gewer­be des „Pfand­kre­di­tes“, laut Aus­sa­ge des Zen­tral­ver­ban­des des Deut­schen Pfand­kre­dit­ge­wer­bes e. V. der „unkom­pli­zier­te Weg zum schnel­len Geld“.

„Vie­le den­ken, dass wir eigent­lich das hin­ter­leg­te Pfand ver­stei­gern wol­len. Aber genau das Gegen­teil ist der Fall!“, sagt Tho­mas Struck. „Wir wol­len, dass der Kun­de wie­der­kommt, denn wir ver­die­nen nur an Zin­sen und Gebüh­ren, nicht an einer mög­li­chen Ver­stei­gung des hin­ter­leg­ten Pfands.“ Denn was die meis­ten nicht wis­sen: An einer mög­li­chen Ver­stei­ge­rung des nicht wie­der aus­ge­lös­ten Pfands ver­die­nen die Pfand­lei­her nichts. Auk­tio­nen von Pfand­stü­cken dür­fen nur von öffent­lich bestell­ten Auk­tio­na­to­ren durch­ge­führt wer­den. Erzielt ein Pfand­stück z. B. den vol­len Schätz­wert, so wird erst der Auk­tio­na­tor bezahlt. Vom rest­li­chen Erlös darf der Pfand­lei­her die Schuld des Ver­pfän­ders – also aus­ge­ge­be­nen Pfand­wert zuzüg­lich Gebüh­ren und Zin­sen – zum Zeit­punkt der Ver­stei­ge­rung ein­be­hal­ten. Drei Jah­re muss der Pfand­lei­her dann ein Gut­ha­ben aus der Dif­fe­renz Auk­ti­ons­er­trag abzüg­lich Schuld zurück­hal­ten. So lan­ge hat der ehe­ma­li­ge Besit­zer des Pfands noch Anspruch auf eine Erstat­tung. Soll­te inner­halb von drei Jah­ren nie­mand Anspruch erhe­ben, wird das Gut­ha­ben an das Finanz­amt über­wie­sen. – Wer hät­te das gedacht?

Pfand­leih­häu­ser im Wan­del der Zeit

Ste­phan Goe­bel ist ers­ter Vor­sit­zen­der beim Ver­band Pfand­kre­dit­be­trie­be Mit­tel­deutsch­lands, einem Lan­des­ver­band des Zen­tral­ver­ban­des des Deut­schen Pfand­kre­dit­ge­wer­bes, dem Dach­ver­band der pri­va­ten Pfand­kre­dit­be­trie­be. Rund 250 Unter­neh­men wer­den von die­sem ver­tre­ten, und alle Mit­glieds­un­ter­neh­men zah­len – nach eige­ner Aus­sa­ge – im Jahr mehr als 630 Mil­lio­nen Euro an Bar­kre­di­ten aus. Drei Leih­häu­ser betreibt Ste­phan Goe­bel in Ber­lin und blickt eben­falls auf eine lan­ge Tra­di­ti­on zurück: Im Mai 1900 grün­de­ten sei­ne Vor­fah­ren Max und Mal­vi­ne Goe­bel das ers­te der Fami­lie. Damals wur­den noch Leder­schu­he, Tisch­de­cken oder Bett­wä­sche belie­hen. Heu­te ist das nicht mehr mög­lich. „Wir Pfand­lei­her fokus­sie­ren uns auf Schmuck, Uhren, Edel­stei­ne, all­ge­mein Gold- und Sil­ber­wa­ren. Bei tech­ni­schen Gerä­ten kön­nen wir fast nur noch neu­es­te Ware akzep­tie­ren, da hier der Preis­ver­fall zu stark ist.“ Eini­ge spe­zia­li­sier­te Leih­häu­ser belei­hen auch Autos oder moto­ri­sier­te Zwei­rä­der. „Die Ent­schei­dung, was ich als Pfand­lei­her aber belei­he, obliegt allei­ne mir“, erklärt Ste­phan Goe­bel. „So neh­me ich auch schon ein­mal ein hoch­wer­ti­ges Fahr­rad an oder gebe einem Stamm­kun­den bis zu 80 Pro­zent des rea­len Pfand­wer­tes.“

Pfandleiher Thomas Struck
Pfand­lei­her Tho­mas Struck kennt sich mit Din­gen aus, die Men­schen lieb und teu­er sind. Foto: Alex­an­der Ert­ner

Im Unter­schied zum An- und Ver­kauf, bei wel­chem in der Regel um die 50 bis 60 Pro­zent des rea­len Wer­tes bezahlt wer­den und der Ver­käu­fer anonym auf­tre­ten kann, muss sich der Pfand­ge­ber im Leih­haus aus­wei­sen, und das Pfand wird auf die­sen per­sön­lich hin­ter­legt. Eine Regel, wel­che das Belei­hen von Die­bes­gut für den Dieb sehr unat­trak­tiv macht.

Viel­falt bestimmt den All­tag im Pfand­leih­haus

„Es gibt 22 Leih­häu­ser in Ber­lin“, sagt Ste­phan Goe­bel. „Fast alle sind seit meh­re­ren Genera­tio­nen in Fami­li­en­be­sitz. Ich sel­ber ste­he in der vier­ten und ich hof­fe dar­auf, dass mein Sohn Mari­us – gelern­ter Gemmo­lo­ge und Gold­schmied – unse­re Fami­li­en­tra­di­ti­on wei­ter­füh­ren wird.“ So wie das Leih­haus Goe­bel seit Genera­tio­nen betrie­ben wird, so hat es auch Kun­den, die eben­falls in der drit­ten oder vier­ten Genera­ti­on kom­men. „Wir haben in unse­ren Kie­zen auch eine sozia­le Ver­ant­wor­tung. So ver­lei­he ich zum Monats­en­de bei eini­gen Stamm­kun­den regel­mä­ßig Beträ­ge um die 10 bis 30 Euro, wobei das Pfand dann direkt am Monats­an­fang wie­der aus­ge­löst wird“, erzählt Goe­bel. „Wir sind eine ech­te Alter­na­ti­ve für Men­schen ohne Kon­to oder Dis­po­si­ti­ons­kre­dit.“

Es gibt Kun­den, die vor einer Urlaubs­rei­se ihren gesam­ten Schmuck zum Pfand­lei­her brin­gen, damit die­ser ihn ver­wahrt. Denn die siche­re und ver­si­cher­te Lage­rung jeg­li­chen Pfands ist gesetz­lich vor­ge­schrie­ben und die Gebüh­ren für das Ein­la­gern sind oft­mals güns­ti­ger als Bank­schließ­fä­cher für Schmuck, die mitt­ler­wei­le rar gesät sind.

Auch für Unter­neh­mer ist ein Leih­haus inter­es­sant, da hier ein Sofort­kre­dit in bar aus­ge­zahlt wird, vor allem, wenn er nur kurz­fris­tig genutzt wird. „Es kom­men auch Geschäfts­füh­rer zu uns, die zum Bei­spiel für Gehalts­zah­lun­gen oder bis zum Beglei­chen ihrer eige­nen For­de­run­gen durch Drit­te Geld benö­ti­gen“, so Goe­bel. „Die wol­len ihre Haus­bank aus ver­schie­de­nen Grün­den nicht anspre­chen und scheu­en vor allem auch den gesam­ten büro­kra­ti­schen Vor­gang bei einem Bank­kre­dit.“ Ein brei­tes Kun­den­spek­trum geht nicht nur bei Ste­phan Goe­bel täg­lich ein und aus, son­dern wohl in jedem Leih­haus – und das nicht nur in Ber­lin.

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