Das Magazin der IHK Berlin

Bran­chen

Autonome Hightech-Helfer

ASTI InSystems entwickelt selbstfahrende Transportroboter und innovative Software. Schon seit 20 Jahren setzen die Gründer auf Industrie 4.0.
von Oliver de Weert Ausgabe 07+08/2020

Die beiden InSystems- Geschäftsführer Torsten Gast (l.) und Henry Stubert sind auch Unternehmensgründer
Die beiden InSystems- Geschäftsführer Torsten Gast (l.) und Henry Stubert sind auch Unternehmensgründer. Foto: Christian Kielmann
Lesenswert

Warum Sie diesen Artikel lesen sollten

  • Autonome Transportroboter können die Fertigung unterstützen, ohne große Umbauten zu erfordern.
  • Die Möglichkeiten mobiler Robotik gehen aber noch weit über das Tragen von Dingen hinaus.

Ange­fan­gen hat alles im Kel­ler von Hen­ry Stu­bert. Eine Sto­ry, die nach Gara­ge, Ste­ve Jobs und Sili­con Val­ley klingt und die sich des­we­gen auch in Ber­lin gut macht. 1999 grün­de­ten Hen­ry Stu­bert und Tors­ten Gast ihr Unter­neh­men, in dem sie Logis­tik, Robo­tik und Digi­ta­li­sie­rung unter einen Hut brin­gen. Wäre „Indus­trie 4.0“ damals schon in aller Mun­de gewe­sen, die bei­den Soft­ware-Exper­ten hät­ten das Vor­ha­ben mit dem Label ver­se­hen. „Im Prin­zip arbei­ten wir von Anfang an genau dar­an“, sagt Gast, heu­te einer der Co-Geschäfts­füh­rer der ASTI InSys­tems mit Sitz in Adlers­hof.

Fra­gen?

Kon­tak­tie­ren Sie unse­re IHK-Exper­ten

Tobi­as Rüh­mann
Jetzt kon­tak­tie­ren

Die Vor­ge­schich­te von InSys­tems, die auch Stu­bert und Gast zusam­men­brach­te, spiel­te nicht im Kel­ler, son­dern im Ber­li­ner Gil­let­te-Werk. Die zwei jun­gen Infor­ma­ti­ker waren bei dem Her­stel­ler von Rasier­klin­gen ange­stellt und hat­ten dort mit kom­ple­xen Vor­gän­gen in Lager­lo­gis­tik und ver­ar­bei­ten­dem Gewer­be zu tun. Indus­trie-Soft­ware stand am Beginn der Selbst­stän­dig­keit. Und Soft­ware ist auch das Herz­stück ihres Best­sel­lers: der auto­no­men Palet­ten­amei­se „pro­Ant“.

Die Trans­por­tro­bo­ter bewe­gen sich wie von Geis­ter­hand durch Fabri­ken und brin­gen die rich­ti­gen Tei­le zur rich­ti­gen Zeit an die rich­ti­ge Maschi­ne – mil­li­me­ter­ge­nau und unfall­frei. Navi­giert wird mit Laser­scan­nern, deren 270-Grad-„Blick“ jedes Hin­der­nis erfasst. Tritt zum Bei­spiel uner­war­tet ein Mit­ar­bei­ter in den Fahr­weg, bremst der unbe­mann­te Hel­fer auf der Stel­le. Bis zu 1,2 Ton­nen Lade­ka­pa­zi­tät haben die Gefähr­te, ihre Hub­vor­rich­tung erreicht Reg­al­plät­ze in bis zu neun Metern Höhe. Sechs bis acht Stun­den hal­ten die Lithi­um-Ionen-Bat­te­ri­en der „pro­Ant“ durch, dann wird über Induk­ti­on auf­ge­la­den. Eigen­stän­dig, ver­steht sich.

In den Ameisen steckt viel Technik. Herzstück des Logistiksystems ist die Software
In den Amei­sen steckt viel Tech­nik. Herz­stück des Logis­tik­sys­tems ist die Soft­ware. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Für den Ein­satz der Trans­por­ter müs­sen Werk­hal­len nicht kom­plett umge­baut oder tech­nisch auf­wen­dig nach­ge­rüs­tet wer­den. Sind die Umge­bungs­da­ten und Abläu­fe von InSys­tems pro­gram­miert, arbei­ten die rol­len­den Robo­ter voll­au­to­ma­tisch am Mate­ri­al­fluss und kom­mu­ni­zie­ren dabei unter­ein­an­der sowie mit der Lager­lo­gis­tik und den Maschi­nen der Kun­den. Die sit­zen in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz. Die Deut­sche Bahn gehört eben­so dazu wie etli­che Phar­ma­un­ter­neh­men, Sie­mens und auch der Ex-Arbeit­ge­ber der heu­ti­gen InSys­tems-Chefs, Klin­gen­her­stel­ler Gil­let­te. Noch sind die auto­no­men Zulie­fe­rer nur inner­be­trieb­lich unter­wegs, Lösun­gen für den Out­door-Ein­satz sol­len fol­gen. „Ich erstel­le gera­de außer­dem ein Kon­zept für den Tief­kühl­be­reich“, erzählt Hen­ry Stu­bert.

Nach einem Umzug inner­halb von Adlers­hof im ver­gan­ge­nen Jahr tüf­teln die meis­ten der mitt­ler­wei­le 65 Mit­ar­bei­ter auf 1.500 Qua­drat­me­tern in einem Neu­bau. Die Beleg­schaft bestehe je zur Hälf­te aus Inge­nieu­ren und Fach­ar­bei­tern, rech­net Tors­ten Gast vor. Aus­ge­bil­det wer­den Kauf­leu­te, IT-Anwen­dungs­ent­wick­ler und Mecha­tro­ni­ker. Das Team ist inter­na­tio­nal, Arbeits­spra­che nicht sel­ten Eng­lisch. Koope­riert wird auch mit Hoch­schu­len wie der HTW.

In der Werkstatt werden die „proAnts“ nach Kundenwünschen aus- und bei Bedarf umgerüstet
In der Werk­statt wer­den die „pro­Ants“ nach Kun­den­wün­schen aus- und bei Bedarf umge­rüs­tet. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Als Fremd­spra­che wird Spa­nisch bei InSys­tems wich­ti­ger, seit das Ber­li­ner Unter­neh­men – eben­falls im ver­gan­ge­nen Jahr – Teil der ASTI Mobi­le Robo­tics Group aus dem nord­spa­ni­schen Bur­gos gewor­den ist. Die Ibe­rer sind eine Grö­ße in der Auto­ma­ti­sie­rungs­tech­no­lo­gie und ermög­li­chen ein Mehr­fa­ches an Kapa­zi­tä­ten bei der Robo-Pro­duk­ti­on. InSys­tems wie­der­um ist im attrak­ti­ven deutsch­spra­chi­gen Markt gut auf­ge­stellt. Eine Win-win-Situa­ti­on. Dass mit dem Trans­port von Tei­len die Mög­lich­kei­ten der auto­no­men Sys­te­me noch lan­ge nicht erschöpft sind, zeigt ein unlängst vor­ge­stell­tes gemein­sa­mes Pro­dukt der deutsch-spa­ni­schen Part­ner: der Des­in­fek­ti­ons­ro­bo­ter „Zen­Zoe“. Zusam­men mit dem Lam­pen­her­stel­ler Boos Tech­ni­cal Ligh­t­ing wur­de ein gera­de in Coro­na-Zei­ten rele­van­tes Gerät ent­wi­ckelt, das mit­hil­fe einer inten­si­ven ultra­vio­let­ten Strah­lung Viren und Bak­te­ri­en in der Luft und auf Ober­flä­chen besei­tigt.

Software-Entwickler wie Christian Burghardt sorgen dafür, dass die Palettenameisen ihre Transportaufgaben später autonom verrichten
Soft­ware-Ent­wick­ler wie Chris­ti­an Burg­hardt sor­gen dafür, dass die Palet­ten­amei­sen ihre Trans­port­auf­ga­ben spä­ter auto­nom ver­rich­ten. Foto: Chris­ti­an Kiel­mann

Gut mög­lich, dass die Robo­tik durch die Erfah­run­gen und beson­de­ren Erfor­der­nis­se der Pan­de­mie einen inno­va­ti­ven Schub erfährt. Nicht nur bei InSys­tems wur­de und wird an neu­en Ein­satz­ge­bie­ten gear­bei­tet, auch anders­wo in Ber­lin über­neh­men Robo­ter jen­seits indus­tri­el­ler Pro­duk­ti­ons­be­rei­che Auf­ga­ben, etwa in der Tele­me­di­zin und im Ein­zel­han­del (s. lin­ke Spal­te). Und viel­leicht brü­ten ja gera­de irgend­wo in der Stadt zwei Nach­wuchs­un­ter­neh­me­rin­nen oder -unter­neh­mer an einem genia­len Robo­tik-Pro­jekt. Sei es nun in einer Gara­ge oder in einem Kel­ler.

Das könnte Sie auch interessieren – weitere Artikel dieser Kategorie


Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren und informiert bleiben!